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Banater Post

Der Erste Weltkrieg im Gedächtnis der Großväter (Teil 3)

Peter Gutekunst (Dritter von links) beim Schachspielen im Lesesaal während seiner Gefangenschaft in Sibirien. Auf der Rückseite der Fotokarte steht: „Der Leseraum der (J.M.C.A.) Vereine der Christlichen Jungen Männer in Amerika. Hier in diesem Raum sind Zeitungen und Bücher (lauter englische), auch Briefpapier u. Karten bekommt man hier umsonst. Auch Schreibzeug u. Spiele.“

Mit dieser am 16. Juli 1920 in Nikolsk-Ussurisk geschriebenen Postkarte (sie stellt den Asakusa-Schrein in Tokio dar) kündigt Peter Gutekunst seine Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft an. „Wahrscheinlich kommen wir noch heuer nachhause“ lässt er seine Eltern und seinen Bruder in Temeswar wissen.

Auf diesem Dampfer (S.S. steht für „Steam Ship“, das heißt Dampfschiff) trat Peter Gutekunst am 26. September 1920 die Heimreise in Wladiwostok an. Die Postkarte verschickte er am 5. November 1920 aus Saigon. Gutekunst schreibt: „In der ersten Hälfte des Decembers werden wir in Triest ankommen. Unser Schiff heisst Meinam.“ Illustrationen: Helga Korodi

Fünf Jahre davon geträumt, nach Hause zu kommen - Am 1. Dezember 1917 kam unser Zug in Berezowka an, in einem Tal auf rund 1000 Metern Höhe. Kasernen aus Holz und Pavillons zwischen hohen Bergen und alten Tannenwäldern, ein Riesenlager ohne Zaun, am Fluss der Selenga, die in der Mongolei entspringt. In dieser unberührten Stille und Waldeinsamkeit kam mir manchmal der Gedanke, dass ich kein Recht zu dieser Lage habe. Ist es richtig, dass meine „Brüder“ für das Vaterland kämpfen, ihr Leben aufs Spiel setzen, während ich die Luft und Ruhe genieße? Und das als Kriegsgefangener in jenem Land und unter jenen Leuten, die ich, mit dem Gewehr in der Hand, hätte töten müssen.

Inmitten solcher Gedanken kam mir ein Burjätenknabe entgegen. Wir lächelten uns gegenseitig an und gingen gemeinsam ein Stück des Waldwegs. Er kam aus der nahe liegenden Stadt Werchne-Udinsk [heute Ulan-Ude, Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien], wohl auf einem Spaziergang. Unsere ganze Unterhaltung bestand darin, dass wir gleichzeitig in die Richtung zeigten, wo ein Bär zu sehen war, der zum Bach kam. So freundlich und fröhlich mein Geselle auch war, hätten wir uns an der Front getroffen, hätte ich ihn unbarmherzig töten müssen. Ja, Befehl ist eben Befehl, und dafür hätte ich vielleicht eine Auszeichnung bekommen. Noch klang’s mir in den Ohren: „Aushalten bis zum letzten Mann!“ Das, was ich gedacht habe, hätte ich ihm auch gerne gesagt …

Immer weiter nach Osten

Von da hieß es am 10. April 1919 wieder fort, weiter nach Osten. Am 4. Mai kamen wir in Stretensk [heute Sretensk] an. Diese Stadt liegt zwischen hohen Bergen und Tannenwäldern. Die Station liegt am linken, die Stadt am rechten Ufer der Schilka, ein Nebenfluss des Amur-Stroms, der hier so breit ist wie die Donau bei Orschowa. Im Mai war das Eis noch so dick, dass man auf einer provisorischen Brücke darüber fahren konnte. Die Brücke war darum notwendig, weil über der etwa 50 Zentimeter dicken Eisschicht ca. 20-30 Zentimeter tiefes Wasser floss. Mitte Mai riss das Eis, dann konnte man nicht mehr über den Fluss verkehren.

Diese Stadt war schön und neu, aber sie hatte nur einen Brunnen, der 22 Meter tief sein soll. Der Raum, in dem er stand, musste im Winter geheizt werden. Die zwei großen Räder der Pumpanlage wurden von vier Männern gedreht, von denen der eine ich war. Wir pumpten das Wasser in einen Behälter, von wo es durch ein Rohr in ein Fass floss, das Kutscher an Kunden abgaben.

Von hier fuhren wir vom 8. bis 13. Dezember nach Tschita, wo wir bis zum 6. Mai 1920 blieben. Ich war mit Türken in einer Baracke. Unter diesen befanden sich Männer, die seit 16 Jahren beim Militär waren. Sie kämpften in Tripolis, im Ersten und Zweiten Balkankrieg sowie im Weltkrieg. Handgeben war ein Tabu, weil solche, die Schweinefleisch aßen, nicht berührt werden durften. (Über ihre Vorschriften beim Körperwaschen und Notverrichten will ich nichts erwähnen, da ich kaum glaube, dass alle Mohammedaner dieselben Vorschriften hätten.)

Am 6. Mai wieder weiter nach Osten, und zwar über eine merkwürdige Grenze bei Mandschuria [heute mongol. Manjur, chines. Manzhouli], der Grenzstadt nach China. Wenn ich bisher von Geschehnissen berichtete, die menschlich natürlich sind, so muss ich mich nun an etwas erinnern, was ich lieber nicht gesehen hätte. Man weiß, dass in der k.u.k. Monarchie viele Nationalitäten lebten, die ihre Selbständigkeit anstrebten. Gerieten sie in Gefangenschaft, so bildeten sie unter dem Schutz der Russen Legionen. Diese wurden gut gehalten, waren frei und suchten sich Frauen, die sie „irgendwie“ heirateten. Als die Rede davon kam, dass „diese Gatten“ in die neue Heimat transportiert werden, hat es sich herausgestellt, dass die Mehrheit zu Hause Familien hatten. Was nun? Einfach. Mandschuria war die letzte Station in Russland. Im Tagesbefehl gab man kund, dass der höchste Befehlshaber, General Gajda, die Heimkehrenden verabschieden würde. Da der General aber keine Frauen neben den Legionären sehen wolle, sollten sich die Frauen in der Zeit der Inspektion in den zwei letzten Wagen aufhalten, was auch geschah. Auf das Zeichen des Trompeters standen alle Legionäre in den vorderen Wagen, da kein Übungsplatz vorhanden war, in Habacht. In diesem Augenblick wurden die hinteren Wagen abgekoppelt und der vordere Zugteil fuhr ab und verschwand. Diese Verzweiflung der Frauen und ihr Jammern brauche ich nicht zu beschreiben. Sie waren Tausende von Kilometern mit ihren „Gatten“ bis hierher gereist und wurden nun im größten Elend allein gelassen, ohne dass die Fliehenden wenigstens an ihre nächste Mahlzeit gedacht hätten. Ich gab einer mein Brot, weil ich wusste, dass ich bald ein anderes bekomme. Nach geraumer Zeit ging auch unser Transport weiter.

Das Schreien der Frauen widerhallt heute noch in meinen Ohren… Das ist Krieg! Und der Krieg gewöhnt seine Teilnehmer zur höchsten Rücksichtslosigkeit.

An den chinesischen Städten Chailar [Hailar] und Tzitzikar [Qiqihar] vorbei, nach Charbin [Harbin], wo wir zwei Tage lang hielten, so dass ich Gelegenheit hatte, so manches aus dem damaligen Leben der Chinesen zu beobachten. Von den Kulis, die Lohnkutscherdienste leisten, hat schon ein jeder gehört. Die laufen wie Fiakerpferde! Ich sah aber auch etwas, was ich noch nie gehört habe: die Gassenküchen in Charbin, ohne Tische und Stühle. Das gebratene Fleisch wird mit Teller und Gabel überreicht, Umherstehende bücken sich auf einen Wink, so dass der „Gast“ sich auf einen der Rücken setzt und den Braten gemütlich isst.

Auf der Heimreise

Von Charbin sind wir weiter ostwärts gefahren, durch das 3600 Meter hohe Schan-Alin Gebirge, durch die Grenzstation Pogranitschnaja [heute Pogranitschny]. Am 17. Mai kamen wir in Nikolsk-Ussurisk [heute Ussurijsk, früher Nikolskoje, Woroschilow] an. Auch hier ging ich viel in der Umgebung, baumlos und mit spärlichen Büschen, herum. Von da fuhren wir endlich nach Wladiwostok, von wo wir am 26. September 1920 mit einem französischen Schiff, Meinam genannt, die Heimreise antraten. Da sah ich zum ersten Mal ein Meer: das Japanische Meer.

Nach acht Tagen kamen wir in Saigon [heute Ho-Chi-Minh-Stadt] an. Man stelle sich vor. Aus Sibirien in ein tropisches Gebiet! Dort habe ich in fünf Jahren nur Tannenbäume gesehen, hier erlebe ich Palmen, Bambusrohr, Bananen und Ananas, während unser Schiff sechs Tage lang Früchte auflud. Ich besuchte eine brahmanische Kirche, wo die Gläubigen Gebete nach einem Glücksrad ähnlichen Apparat verrichteten. Wir störten sie nicht. Auch eine katholische Kathedrale besuchte ich in Saigon. Merkwürdig waren die roten, mit Plüsch überzogenen Lehnstühle, aber auch, dass die Pfarrer Bart trugen. In Erinnerung blieb mir ein Tiergarten und ein botanischer Garten. Vor den Fenstern und Türen unserer Kasernen waren Jalousien. Zwischen 12.00 und 14.00 Uhr durfte niemand wegen Sonnenbrandgefahr hinausgehen. Die dort lebenden Französinnen haben uns, als Europäer, wahrscheinlich als Rarität, sehr hoch geschätzt.

Viele aus unseren Reihen wären vielleicht gerne dort geblieben, das wurde aber nicht erlaubt, am 9. November ging die Reise weiter nach Singapore [Singapur].
Singapore liegt auf einer von Malakka getrennten Insel. Vom Hafen aus sieht man nur Märchenhaftes. Aber, als unser Schiff ankam, war es sofort von vielen kleinen Booten umgeben, erhobene Hände baten um Almosen. Was man hinunter warf, fingen sie geschickt auf, wenn Geldstücke ins Wasser fielen, fischten sie diese heraus.

Die Reise ging zwischen Sumatra und der Malaysischen Halbinsel weiter nach Ceylon [heute Sri Lanka], wo das Schiff im Hafen Colombo vor Anker ging. Ceylon war mir dadurch bekannt, dass ich einmal gelesen hatte, dass der aus dem Paradies vertriebene Sünder Adam hierher „emigrierte“. Seine Fußspur ist auf dem „Adamspik“ [Adam’s Peak] in Gold eingefasst. Er muss von Indien hergekommen sein, da jene Sandbänke, die von der indischen Küste nach Ceylon führen, heute noch „Adamsbrücke“ heißen. Formalitätshalber kamen zwei englische Unteroffiziere auf unser Schiff. Da ich in Sibirien Englisch gelernt habe, kam ich mit dem einen ins Gespräch, der mir die Adamsspitze zeigte. Ich lobte die Gegend, hier sei es immer warm, da würde ich gerne wohnen. Zu meiner Überraschung antwortete er, dass ich das ohne Weiteres tun könne, er verschaffe mir eine erstklassige Beschäftigung! Mit guter Wohnung, guter Bezahlung, guter Bedienung, guter Gesellschaft… Donnerwetter, dachte ich, der verspricht mir all das, was mir in Sibirien gefehlt hat! Der andere Unteroffizier jedoch, der zugehört hatte, rief mich zu sich und sagte: „Geben Sie doch acht, was Sie sagen! Der andere ist ein Singalese und wirbt um junge Männer für einen Männerharem. Wenn sie sich freiwillig anstellen lassen, können wir Sie nie mehr von dort befreien.“ Er fügte aber gleich hinzu: „Wenn Sie aber da bleiben wollen, verschaffe ich Ihnen einen besseren Dienst. In der Nähe ist ein Nonnenkloster, dort könnten Sie einen Posten als Gärtner bekommen, will you?“

„Ei, ei“, ging es einem jeden durch den Kopf. Ich war dabei nur froh, dass meine englische Sprachprobe gut gelungen war. Heute denke ich aber, dass ich gut draufgezahlt hätte, wenn ich mit dem Singalesen dort geblieben wäre und unter Bajaderen [Tänzerinnen, die bei Gottesdiensten oder weltlichen Veranstaltungen auftraten; galten als „leichte Mädchen“] leben müsste.

Von Colombo ging die Reise weiter, zwölf Tage lang über den Indischen Ozean. Dieser Weg war sehr gefährlich, da uns ein Taifun überraschte. Unser Glück war, dass wir von Indien noch nicht weit weg waren. Das Schiff kehrte um und fand in einem indischen Hafen Schutz. Ich sah Wellen – so hoch wie ein stockhohes Haus. Erst als der Wirbelwind vorbei war, stachen wir wieder in See: über den Indischen Ozean ins Rote Meer. Hier zwischen Asien und Afrika konnte man nichts Besonderes sehen, weil beide Küsten öde sind. Kein Gras, keine Bäume, nur Wasser, Sand oder weiße Berge. Aus dem Roten Meer fuhren wir bei der Stadt Suez in den Suezkanal. Da der Verkehr nachts still zu stehen hatte, dauerte dieser Reiseabschnitt zwei Tage lang. Von der Halbinsel Sinai habe ich schon viel gelesen, doch stellte ich sie mir nie als einzigen Gebirgsstock vor. Am nördlichen Ende des Kanals liegt die Stadt Portsaid [Port Said], hier lagen wir drei Tage lang vor Anker. Ich betrachtete sie als das Tor nach Europa.

Ankunft in Europa

Wie ein Wunder wechselte mein Gedankengang. Schon ließ ich allen fremdweltlichen Beobachtungsdrang fallen und richtete meine Gedanken nur mehr auf Europa ein, wie auch unser Schiff jetzt schneller zu schwimmen schien – durch das Mittelmeer, an Kreta rasch vorbei, dann zwischen Griechenland und Italien über das Ionische Meer in die tief blaue Adria – um uns endlich in Triest dem Festland zu übergeben. Von Triest ging die Reise mit der Eisenbahn weiter – durch Italien, Österreich und Ungarn, wo diese Schilderung begann. Man soll nicht vergessen, dass viele Hunderttausende, schutzlose Einzelne, wie ich einer war, nicht mehr in der Heimat angekommen sind. Sie kamen in Gruben und bei gefährlichen Arbeiten, wie dem Bau der Murmanbahn ums Leben kamen oder erlagen einer Krankheit, wie jene 17000 Gefangenen, die im Lager in Totzkol an Flecktyphus starben.

Als wir in Ungarn ankamen, empfing uns ein Oberst mit einer Rede. Zwar hörte ich diese Begrüßung diszipliniert an, aber in mir tauchte ein sonderbares Gefühl auf: Wo bin ich, ging es in meinem Sinn herum. Noch schaute ich meine Kameraden, mit denen ich so viele Jahre hindurch alles teilte, Leid und Hoffnung gemeinsam hatte. Wir wanderten durch drei Erdteile: Europa, Asien, Afrika, einmal bei minus, einmal bei plus 50° Celsius. Wir hielten Freundschaft mit Russen, Tataren, Kirgisen, Tungesen, Burjaten, Jakuten, Chinesen, Koreaner, Vietnamesen, Singalesen, Araber, Türken, Amerikaner, ob es Christen, Israeliten, Mohammedaner, Buddhisten, Brahmanen oder Heiden waren… Wir alle hatten eine gemeinsame Sprache: das freundliche Lächeln, dessen Sinn alle Menschen verstehen. Nun gehören wir nicht mehr zusammen – ein jeder kehrt in ein anderes Land nach Hause… Fünf Jahre sprachen wir davon: wenn wir nach Hause kommen…