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Banater Post

25 Jahre seit der Wende in Rumänien

Die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des antikommunistischen Widerstandes „Memorial Sighet“ im äußersten Norden Rumäniens ist im Gebäude eines ehemaligen, noch in österreichisch-ungarischer Zeit errichteten Gefängnisses untergebracht, das 1948 zum politischen Gefängnis umgewandelt wurde und bis 1989 wegen der besonders strengen Haftbedingungen gefürchtet war. Einsender: Katharina Kilzer

Die EU-Parlamentarierin Monica Macovei (stehend) sprach zum Auftakt der diesjährigen Sommerschule in Sighet. Einsender: Katharina Kilzer

Sommerschule in Sighet erinnert an die Volkserhebung von 1989 - Wenn Ana Blandiana, die Initiatorin und Gründerin der Gedenkstätte Memorial Sighet gefragt wird, warum man in der rumänischen Öffentlichkeit heute immer noch den Mangel eines Museums des Kommunismus beklage, so beantwortet sie diese Frage („Revista 22“ vom 2. September 2014) etwas wehmütig: Von Unkenntnis könne keine Rede sein, denn das rumänische Fernsehen verwende in seinen Beiträgen zur kommunistischen Periode Bildmaterial des Memorial Sighet, meistens ohne auf die Quelle hinzuweisen, und 2013 sei in Bukarest eine Filiale der Gedenkstätte eröffnet worden. Immer wieder wies Ana Blandiana in Veröffentlichungen darauf hin, dass in den 50 Museumssälen die Errichtung und die Mechanismen des totalitären Systems in Rumänien, die von diesem ausgehende Repression sowie der Widerstand gegen den Kommunismus bild- und tonreich dokumentiert seien.

Das Memorial Sighet ist aber vor allem ein Zentrum für das Studium der Geschichte des Kommunismus. Zahlreiche Zeitzeugen- und Tagungsberichte, geschichtliche Beiträge und Übersetzungen sind in der Reihe „Analele Sighet“ in den letzten Jahren erschienen. Zudem wurden etliche Ausstellungen organisiert, die zum Teil auch im Ausland gezeigt wurden, wie zuletzt jene zur Bărăgan-Deportation. Und trotzdem wird die Diskussion um ein Museum des Kommunismus in Rumänien weitergeführt. Das mag mehrere Gründe haben, ob auch Schlüsse daraus gezogen werden, wird sich zeigen. Was feststeht: Das Memorial Sighet ist eine der wirkungsvollsten Gedenkstätten zum Kommunismus in Ost- und Südosteuropa, auch wenn es von der derzeitigen postkommunistischen Regierung bewusst ignoriert wird.

Zum Projekt der Gedenkstätte gehört auch die Sommerschule. In diesem Jahr fand sie bereits zum 17. Mal statt. Eine Finanzierung vonseiten des rumänischen Kultusministeriums endete 2012, da sich die Zusammenarbeit als schwierig erwies. Die Initiative zur Einführung einer Geschichtsstunde über den Kommunismus in den Schulen Rumäniens blieb zwar unverwirklicht, jedoch gelang es der Stiftung Memorial Si-ghet, junge Geschichtslehrer für eine Beteiligung an diesem Projekt zu gewinnen – eine Zusammenarbeit, die seit 17 Jahren anhält. Diese jedoch leidet zunehmend unter den mangelnden Kenntnissen der Schüler hinsichtlich der kommunistischen Vergangenheit des Landes. Hatten die ersten Generationen nach 1989 noch sehr viele Kenntnisse darüber in der eigenen Familie oder mittels Schulunterrichts erworben, so nehmen diese erschreckend ab. Das erschwert eben auch die Arbeit mit den Schülern bei der Sommerschule in Sighet.

In diesem Jahr lautete das Thema der Sommerschule „25 Jahre seit der Revolution von 1989“. Veranstalter war die Bürgerakademie (Academia Civică) Bukarest mit Ana Blandiana, Romulus Rusan und Ioana Boca, in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Polnischen Institut und der Tschechischen Botschaft in Bukarest. Zum Auftakt der Sommerschule am 25. Juli sprach die ehemalige Justizministerin und jetzige EU-Parlamentarierin Monica Macovei zum Thema „Die Justiz als Form der Erinnerung“. Die heutige Jugend habe eine moralische Pflicht, die Vergangenheit zu kennen und der Opfer des Kommunismus zu gedenken. Die Gedenkstätte Memorial Sighet stünde als Zeuge dafür, so Macovei, die bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Rumänien als unabhängige Kandidatin antritt.

Interessant waren die Schilderungen von Zeitzeugen der Revolution von 1989 in Temeswar und Bukarest. An der Podiumsdiskussion zum Thema „Gelebte Revolution“ beteiligten sich Daniel Vighi, Miodrag Milin, Traian Orban und Brânduşa Armanca aus Temeswar sowie Lucia Hossu-Longin, Doina Jela, Petre Mihai Băcanu, Dan Voinea und Nicolae Constantinescu aus Bukarest.

Wenn Daniel Vighi die Ereignisse vom Dezember 1989 in Temeswar rückblickend erzählt, klingt es wie eine spannende Geschichte. Seine Beobachtungen vor dem Haus von Pastor László Tőkés, wo sich seit Mitte Dezember 1989 eine größere Menschenmenge versammelte, um dessen Zwangsumsiedlung zu verhindern, veranlassten Vighi und seinen Freund bald selbst mitzumachen. Von der Securitate beobachtet, debattierten die versammelten Menschen, riefen Parolen und hielten bald auch Spruchbänder hoch, auf denen Forderungen wie „Libertate“ (Freiheit), „Dreptate“ (Gerechtigkeit), „Pâine“ (Brot), „Vrem saloane de crăciun, nu conducători nebuni“ (Wir wollen Weihnachtskonfekt und keine verrückten Führer) zu lesen waren. Die Lage verdichtete sich, bis immer mehr Leute hinzukamen und andere aufriefen mitzumachen, auf die Straße zu gehen. So fing die Revolution an der „Maria“ an. Den Demonstranten, die jetzt auch „Nieder mit Ceauşescu!“ skandierten, schlossen sich bald weitere Menschen von der Straße an, Studenten mit der Trikolore, deren Wappen fehlte, Schüler, Arbeiter. Der Weg führte von der „Maria“ zum Opernplatz. Die Stimmung explodierte. Keine Helden, sondern friedliche Leute begaben sich in den Generalstreik. Dreizehn Streikführer gingen zum Kreisparteikomitee, wo Ministerpräsident Dăscălescu aus Bukarest weilte, und stellten ihre Forderungen, darunter die Abdankung des Staats- und Parteichefs Ceauşescu. Die Menge draußen hatte die Streikführer legitimiert und rief ihnen zu: „Nu vă fie frică, Ceauşescu pică!“ (Fürchtet euch nicht, Ceauşescu wird fallen.) Die Truppen wurden verstärkt, und Daniel Vighi berichtet von schießenden Soldaten aus vorbeifahrenden Autos, die man später als ausländische Helfer zu definieren versuchte, die jedoch lediglich Securitate-Beauftragte gewesen seien.

Traian Orban, heute Leiter des Revolutionsmuseums in Temeswar, der seine Geschichte von der Revolution schon mehrmals in Sighet erzählt hatte, schilderte wieder, wie er selbst auch angeschossen und von freiwilligen Helfern ins Krankenhaus gebracht wurde, wo sich zahlreiche Opfer befanden. Orban konnte gerettet werden, aber seine Verletzung blieb. Letztlich wurde das Regime gestürzt, der Einsatz der Revolutionäre hatte sich gelohnt.

Etwa dreißig Studenten saßen im Konferenzraum der Gedenkstätte und lauschten den Ausführungen der Referenten. Schweigen, sagte einst ein Historiker, sei ein Charakteristikum der kommunistischen Gefängnisse gewesen. Jede Art von Kommunikation war verboten, völlige Isolation war das Ziel. Auch die Nachricht vom Tod eines Häftlings wurde vermutlich nur an eine einzige Stelle weitergeleitet: an die zentrale Leitung der Gefängnisse in Bukarest – mittels eines getarnten Wortes. Als Iuliu Maniu, einstiger Vorsitzender der Bauernpartei und Ministerpräsident Rumäniens, am 5. Februar 1953 nach sechs Jahren Haft in Sighet starb, meldete die Gefängnisleitung nach Bukarest: „S-a stins becul 2“ (Die Lampe 2 ist erloschen). Sein Tod wurde als Ziffer gemeldet, Maniu saß in der Zelle Nr. 2 in Haft. Diese Abstraktion des Todes einer bedeutenden Persönlichkeit der rumänischen Geschichte ist erschütternd. In der heutigen Gedenkstätte liegen in der Zelle Nr. 2 grauweiß-gestreifte Gefängniskleider auf einem Eisenbett, über dem ein Bild von Maniu hängt.

Die Vortragenden der Sommerschule haben in Sighet immer wieder eindringlich geschildert, wie die im Gefängnis verstorbenen Häftlinge in geschlossenen Autos an den Stadtrand gebracht und in einem Massengrab verscharrt wurden. Eine besonders beeindruckende Geschichte war die von Ioana Raluca Voicu-Arnău-ţoiu. Ihre Eltern gehörten einer antikommunistischen Widerstandsgruppe in den Karpaten an. Als sie 1958 von der Securitate gefangengenommen wurden, war die Tochter zwei Jahre alt. Der Vater wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet, die Mutter starb im Gefängnis. Ioana Raluca Voicu-Arnăuţoiu wurde adoptiert und erfuhr erst nach der Wende, wer sie wirklich ist. Die Musikerin und Hochschullehrerin versucht, das Leben ihrer Eltern, die viele Jahre in Verborgenheit im Widerstand lebten, zu rekonstruieren. Sighet war für sie stets die Anlaufstelle für ihre eigene Vergangenheitsbewältigung.

Das Schweigen war vollkommen und herrschte über den Tod hinaus. Dieses Schweigen wird heute im Memorial Sighet gebrochen. Zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland finden sich täglich in der Gedenkstätte ein. Ihre nachdenklichen Blicke wandern über die Flure und durch die Zellen des Museums, die Opfer des Kommunismus blicken ihnen von den Bildern an der Wand entgegen. Die Säle und Zellen des Memorials bieten mehr als Geschichtsunterricht. Viele Besucher lernen erst hier das Leiden eines ganzen Volkes über 45 Jahre kennen. Das kommunistische Terrorregime forderte mehrere Tausend Tote. Die Briefe, Tagebücher, Dokumente und Zeitzeugenberichte, die in den Gefängnissen angefertigten Kreuze aus Knochen, Schreiben auf Mullbinden, Texte mit Eigenblut auf Papier, aber auch die Säle über den Kitsch-Kommunismus, über Bessarabien, König Mihai von Rumänien, die Frauen und Kinder im Gefängnis, die Partisanengruppen in den Bergen, die Dichter, Pfarrer – alles zusammen zeugt von der Bösartigkeit eines kriminellen Regimes, das Rumänien von 1945 bis 1989 in seinen Fängen hielt.

Auf dem Veranstaltungsprogramm der diesjährigen Sommerschule standen noch weitere Vorträge. Jardar Seim, Historiker aus Oslo, referierte über seine Zeit als Student in Bukarest (1965-1966), während Alexandra Bellow aus Evanstone (USA), Witwe des Literatur-Nobelpreisträgers Saul Bellow, der in seinem Roman „Der Dezember des Dekans“ an dunkle Machenschaften im Bukarest der fünfziger Jahre erinnert hatte, eben aus jener Zeit berichtete, als ihre Eltern Dumitru und Florica Bagdasar als Minister im Dienste der Kommunisten tätig waren. Eröffnet wurde auch eine Ausstellung von Professor Nicolae Scurtu über das rumänische Exil. Und am letzten Konferenztag sprachen internationale Gäste darüber, wie das Wendejahr 1989 in West- und Osteuropa wahrgenommen wurde. An der Diskussion beteiligten sich Petruška Šustrová (Prag), Alicja Gluza-Wancerz (Warschau), Helmut Müller-Enbergs (Berlin), György
Gyarmati (Budapest), Alexander Dimitrov (Sofia), Jardar Seim (Oslo), Mihai Wurmbrand (Torrance/USA), Liviu Ţîrău (Klausenburg) und Katharina Kilzer (Frankfurt am Main).  Am Nachmittag des Abschlusstages besuchten die Teilnehmer das Jüdische Museum „Elie Wiesel“ und das Museum der Maramuresch.

Von Jardar Seim, der fließend Rumänisch spricht, stammt die Feststellung: „Sighet ist ein ‚offenes‘ Gefängnis (rum. „deschisoare“), durch das die Geschichte der einen Hälfte Europas ihre Befreiung erfährt und sich den Weg zur Freiheit der Wahrheit bahnt.“