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Banater Post

Der Erste Weltkrieg im Gedächtnis der Großväter (Teil 1)

Peter Gutekunst (1896-1986) im Oktober 1915.

Kantine für Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg. Einsender der Fotos: Helga Korodi

Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft, aufgezeichnet von Peter Gutekunst - Falls es einen Hofmannsthal’schen „Geist der Karpaten“ gegeben hat, dann war er in Anbetracht meiner Großväter friedfertig, hat doch Goethe gesagt: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir.“ Allerdings waren beide, als sie einrückten, weder mit Hofmannsthal noch mit Goethe vertraut, denn Deutsch war in der Zeit der ungarischen Assimilationspolitik kein Unterrichtsfach.

Johann Gantner, der Vater meines Vaters, war Bankbeamter und später Oberbuchhalter des „Banater Bankvereins“ in Temeswar, seine Kriegserfahrungen wurden folkloristisch in der Familie weitergegeben. Er kämpfte als Leutnant der Kavallerie am Isonzo und kam todkrank, mit beidseitiger Lungenentzündung, in seinem Heimatdorf, in Sanktanna, an. Einen Teil des Weges konnte er noch reiten, doch dann entließ er sein Pferd an einem Fluss und schleppte sich weiter. Seine Schwestern pflegten ihn gesund, ließen jedoch aus seinem Säbel ein Küchenmesser schleifen, was ihn während der Genesung sehr erboste. Seine Uniform blieb jedoch erhalten und diente meinem Vater bei Maskenbällen.

Peter Gutekunst, der Vater meiner Mutter, wird über das Wunder des Überlebens im Ersten Weltkrieg oft erzählen. Er wurde am 13. Mai 1896 in Mercydorf als Sohn von Christine (geb. Seitz) und Peter Gutekunst geboren. Wenn von seinen Geschwistern die Rede war, dann bedauerte er immer ihren frühzeitigen Tod: Ottilie (1891, Mercydorf – 1905, Mercydorf) starb in ihrer Jugend, Georg (1891, Mercydorf – 1918, Temeswar) erkrankte als Soldat an TBC. Nikolaus (1899, Mercydorf – 1945, Stuttgart) starb bei einem Bombenangriff in den letzten Kriegstagen, als er auf dem Weg ins Lazarett war, um hier seinen Dienst als Arzt zu versehen.

Die Urgroßeltern zogen noch bevor ihre Kinder eingeschult wurden nach Temeswar, wo sie ein Haus in der Palanca-Straße erwarben. Die Volksschule besuchte mein Großvater in Temeswar und anschließend die Gewerbeschule in Orosháza. Nach Schulabschluss wurde er einberufen, Anfang 1915 geriet er in Kriegsgefangenschaft, wo er sich, was ihm stets wie ein Wunder vorkam, weiterbilden konnte. Was ihm die damaligen Kameraden an Wissen und Menschlichkeit mitgaben, pflegte er ein Leben lang. Er lernte Hochdeutsch und dichtete recht bald in seiner Muttersprache. Zwei seiner Essays hat Eduard Schneider entdeckt und in der Dokumentation „Literatur in der ‚Temesvarer Zeitung’ 1918-1949“ (München, 2003) veröffentlicht.

Die in der Baracke erworbenen Englischkenntnisse waren die Grundlage für Übersetzungen mit unserem Nachbarn Zoltán Franyó. Gemeinsam übersetzten sie Mihai Eminescus „Luceafărul“ (Der Abendstern) ins Deutsche und Edgar Allan Poes „The Raven“ (Der Rabe) ins Ungarische. Als ich als Seminararbeit ein Kapitel aus Herbert Reads „Concise History of Modern Painting“ (Kurzgefasste Geschichte der modernen Malerei) ins Rumänische zu übersetzen hatte, war er sofort dafür zu haben. Ich war die einzige, die alle zwanzig Seiten termingerecht abgeben konnte, da schien es mir geboten, die Wahrheit zu sagen. Gelächter. Niemand wollte es glauben, dass mein Großvater der Urheber sei, erst recht nicht, als sie erfuhren, dass er 79 Jahre alt war. Im Rahmen dieser Unterhaltung war der Professor jedoch dazu bereit, das Pensum für die anderen zu verringern. Mein Großvater machte schon immer meine Hausaufgaben, wenn er merkte, dass mir die Lust dazu verging. Noch heute glaube ich an diese pädagogische Innovation, die jeden Zwang als sinnlos betrachtete und wahrscheinlich auf das Motto seiner Mutter: „Wer nicht isst, der hat keinen Hunger“ zurückzuführen war.

Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft arbeitete er bei der Post, in einem Büro mit Elisabeth Amberg. Er erzählte mir von ihr, als ich ihn fragte, was er von Otto Alscher wisse, den ich durch das Schulbuch in der Lenauschule kennen lernte. Persönlich kannte er ihn nicht, wusste aber, dass Otto in den Genuss ihrer Arien kam, denn sie war ein musikalisches Talent, von dem die ganze Post profitierte. Eines Tages sah er sie in einer Kutsche mit einem Glatzkopf verschwinden. Selbst als alter Mann konnte mein Großvater nicht verstehen, weshalb sich „Bözsike“ für diesen „alten Mann“ entscheiden konnte.

Bei meiner Recherche über Otto Alscher konnte mir auch der Gantner-Großvater nichts sagen. Er war Olgitantes Onkel und sie war Alschers Schwägerin, doch sie erzählte ihm nichts über das Malheur der wilden Ehe in der Familie der Ambergs.

Peter Gutekunst hätte Elisabeth (Bözsike) gerne besucht, aber ihr Bruder Julius Amberg, dem mein Großvater im Karpatenverein begegnet war, gab ihm ihre neue Adresse nicht. Ansonsten gab Onkel Julius, ein beliebter Lehrer, gern jede Information, um die man ihn bat. Mich machte er dann mit Edith, Alschers Tochter bekannt, die mit mir durch das Gratzka-Tal bei Orschowa wanderte, bis zum Ende des Weges, wo ihr Elternhaus stand.

Am 26. November 1926 heirateten Peter Gutekunst und Susanna Krämer, ihre Töchter werden Celine, meine Mutter, und Gabriele, meine Tante, heißen. Er arbeitete als Hauptkassierer bei der von Hans Anton 1931 gegründeten „Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft“ (rum. „Centru“). Als diese von der Genossenschaft „Agraria“ übernommen wurde, wurde er entlassen und fand eine Anstellung als Materialbuchhalter in der Berufsschule für Elektroenergie.

Dinge wenden sich irgendwann zum Guten, davon war er felsenfest überzeugt. Es kamen Zeiten, in denen sein Trost das Durchhaltevermögen der anderen stärkte. „Sie wird auch – so wie ich – zurückkommen“, sagte er der Cousine meiner Großmutter, als ihre Tochter im Januar 1945 deportiert wurde. Das war kein Trost, als der Zug nach Russland abfuhr, aber etwas anderes wusste er nicht zu sagen. Als seine Urenkelin auf die Welt kam, erinnerte er sich plötzlich: „Stell dir vor, sie haben auch Mütter von Säuglingen weggeschleppt“.
Damals, im Januar 1945, war das Schicksal seiner jüngeren Tochter noch ungewiss. Meine Tante war während der Ferien zu Besuch bei den Götz-Verwandten, der Familie der Schwester meiner Großmutter, in Gertianosch. Am 11. September 1944 entschloss sich ein Großteil der Dorfbevölkerung über Serbien zu fliehen. Am 11. November kamen sie in Österreich an, erst im Frühjahr 1945 erfuhren meine Großeltern, dass ihre Tochter und die Verwandten zu den Glücklichen zählten, die überlebten.

Nach der Nationalisierung 1948 waren meine Großeltern finanziell ruiniert. Mein Großvater schrieb Gabriele, gegen den Willen meiner Großmutter, dass sie in Österreich, im Kreise ihrer Verwandten, bleiben solle. Der Brief erreichte sie im „IRO Children’s Home, Bad Schallerbach“, als das Rote Kreuz ihre Rückfahrt bereits eingeleitet hatte. Ihre Sehnsucht nach den Eltern war jedoch größer als die vernünftigen Argumente. Sie vernichtete den Brief und kam am 23. Mai 1950 nach Temeswar zurück.

1952 bot meine Mutter, Sekretärin an der Uni-Bibliothek, ihrer Kollegin, Brigitte Hedbavny aus Orawitza, Bibliothekarin am Polytechnikum, die Mansarde im Haus meiner Großeltern in der Megyeri-/Suceavagasse 12 an. Sie wurde zu einem Familienmitglied, feierte mit uns und als sie von der Securitate wegen ihres Verlobten, Robert Sandager, den sie auf der Flucht in Weimar 1944/1945 kennen gelernt hatte, drangsaliert wurde, wendete sie sich im Vertrauen an meine Großeltern und Eltern, die mit ihr Angst und Sorgen teilten. 1969 heiratete sie in Minneapolis. Wir wussten alle von ihrer Flucht und bangten um sie, bis die erste Karte aus London, dem sicheren Zwischenstopp, kam.

Eine Zukunft in Rumänien wird mein Großvater nie mehr sehen, er verfolgte die ausländischen Nachrichten, die von der Zensur gestört wurden, so dass er sich immer selbst etwas Optimistisches dazu reimen konnte. Bis dahin bewältigte er den Alltag, der mit Einkauf von Lebensmitteln begann, danach pflegte er den Garten, den er weiterhin so liebte, als wäre er sein eigener. Auch wenn er Miete für sein Haus bezahlen musste, die Vögel sangen genauso schön. Ich lernte von ihm auf die Goldamsel zu achten, die den Regen verkündet. Meine Kollegen wies ich ebenfalls darauf hin. Wenn es regnete, pflegten sie zu sagen. „A cântat pasărea lui Helga“. Ihm gelangen schwierige Reparaturen, die er nur dann aufschob, wenn meine Großmutter erkrankte, dann verköstigte er Kinder und Enkel, denn schließlich habe er auch in der Gefangenschaft ab und zu gekocht. Wenn wir ihm Zeit dazu ließen, schrieb er an seinem historischen Roman über die Schoimoscher Burg. Seinen Deutschland-Traum verwirklichte er nicht mehr, er starb am 22. Dezember 1986.

Da ich mir Ort und Zeit seiner Erlebnisse nie richtig merkte, bat ich ihn, die Erinnerungen aufzuschreiben. Nun sind sie hier abgetippt. Eine Neuigkeit für seine fünf Urenkel und zwei Schwieger-Urenkel, die das, was in der Familie vor ihrer Zeit passierte, sicherlich mit Interesse lesen werden.

Ohne Abschied - Von Peter Gutekunst

1914

Wir, einige Jungen, die das Ende ihrer Schulzeit in einer Gartenwirtschaft feierten, wurden mit einer Nachricht überrascht: Krieg mit Russland!

Plötzlich wurde die ganze Stadt lebhaft. Schon liefen Zeitungsverkäufer durch die Straßen mit dem Ausruf: „Extraausgabe! Krieg mit Russland!“

Propagandisten sammelten Kinder um sich und liefen durch die Gassen und schrien: „Es lebe der Krieg!“

Plakatankleber rannten mit Eimern und Pinseln in der Hand, um die allgemeine Mobilmachung auf Säulen, Zäunen und Häusern bekanntzugeben.

Truppen marschierten auf den Bahnhof zu, sie, sagten einige: „marschieren nach Russland … ohne Abschied von den Ihrigen zu nehmen!“

Ich verfolgte all das ohne Anteilnahme, denn, – dachte ich – ich bin doch kein Soldat. Dann überwältigte mich ein unerklärliches Vorgefühl…

Und meine Ahnung verwirklichte sich: mein Jahrgang kam eher an die Reihe, als ich dachte, denn der Kriegsschauplatz rief nach frischen Kämpfern...

1915

Die Weihnachten verbrachten wir in Unterständen.

Sonderbare Waffenruhe herrschte überall, kein Schuss fiel.

Das nennt sich: „Ruhe vor dem Sturm.“

Denn, zwei Tage vor Neujahr begann ein Trommelfeuer, dass die Erde erzitterte! Und das neue Jahr begann mit Sturm auf Sturm.

Was ein Sturm ist?

Man denke nur, dass auch die am allerbesten gedrillten Kämpfer Menschen sind – wenigstens vor dem Angriff noch Menschen mit Gefühlen und Hoffnungen!

Was nach einem Angriff zu sehen ist, kann nicht beschrieben werden.

Wer nie einen Angriff mitgemacht hat, kann sich so manches darüber vorstellen. Den eigentlichen Vorgang aber wird er in seinen Gedanken niemals so sehen können, wie er in Wirklichkeit ist.

In Gefangenschaft zu geraten, geschieht keinesfalls so, wie das manche Schriftsteller meinen: Hände in die Höhe halten! Nein, dazu ist keine Zeit. Dazu ist das Durcheinander zu groß, denn eine Schwarmlinie kann im Sturm genommen werden – von dem einen oder dem anderen!!!

Die nach dem Sturm übrig blieben, wurden gesammelt und in das Innere des Landes geführt.

Ein neuer Marsch begann. Ein langer Marsch, ohne militärischen Drill.

Doch auch hier gingen wir in geschlossener Ordnung. Wir marschierten einem Horizonte zu, der niemals aufhören wollte, sondern sich immer weiter ausdehnte. Ich fühlte unter Tausenden nur mein Ich – als wären die anderen gar nicht neben mir. Über mich nachzudenken hatte ich Zeit genug.

Es gab auch Wegweiser mit cyrilischen Angaben. Ich sah auf allen Tafeln immer nur dasselbe. Das, was meine seelischen Augen sahen: Schnee und Eis.

Acht Tage lang marschierten wir bis Kiew.

[Sehnsucht nach zu Hause und spontane Menschlichkeit, die sich tief einprägte, bestimmen sein Leben während der Gefangenschaft.]

Wie daheim
von Peter Gutekunst

Ich stand im Amurtal,
da hört’ ich einen Schall.
So blieb ich um zu lauschen
was weiter tönt im Rauschen.

Sooft sich Töne nahten,
versucht ich zu erraten:
ob nicht ein Gruß erschallt,
vom Wind vertont im Wald?

Oh ja, des Waldes Tannen
für mich ein Lied ersannen.
Ein Wellenschlag inzwischen
verhalf mich aufzufrischen.

So ging es heimlich zu,
mit allem von Du zu Du
wie spitzt’ ich nicht ein Ohr
zu jedem Laut im Chor!

So scholl im Amurtal
der Heimat Widerhall.
Wer hätte das nicht gerne
so einsam in der Ferne –
1917
(Amur ist der Grenzstrom zwischen Sibirien und China.)