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Banater Post

Keine Freiheit ohne Solidarität

Ana Blandiana

Blick in die in Brüssel gezeigte Ausstellung

Brüssel: Die Ausstellung »Erinnerung als Ausdrucksform der Gerechtigkeit« informiert über kommunistischen Terror in Rumänien. „Die Einrichtung der Gedenkstätte von Sighet war deshalb kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, das kollektive Gedächtnis wiederherzustellen. Wichtigstes Anliegen der Kommunisten war die Ausmerzung des historischen Gedächtnisses. Dieser Demütigung kann nur die Rekonstruktion der Vergangenheit entgegengestellt werden, denn die Geschichte ist das Rückgrat einer Gesellschaft. Das Memorial von Sighet ist sowohl Argument als auch Symbol für die Bedeutung und Notwendigkeit des historischen Gedächtnisses, das unentbehrlich ist für den Aufbau einer Zivilgesellschaft“, schrieb Ana Blandiana in ihrem Artikel „Menschen ohne Gedächtnis“ vom 21. Juni 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Erinnerung als Ausdrucksform der Gerechtigkeit“ am 18. Oktober im EU-Parlament dankte sie der EU-Parlamentarierin Monica Macovei (ehemalige Justizministerin Rumäniens) für die Möglichkeit, in den Räumen des EU-Parlaments die grausamen, hasserfüllten Geschehnisse eines „halben Jahrhunderts Kommunismus“ bekanntzumachen und daran zu erinnern. Blandiana verbindet mit der Kenntnisnahme der damals im Kommunismus lediglich durch Hass gesteuerten Vernichtungen von Menschenleben, Deportationen und Verhaftungen die Möglichkeit einer Überbrückung der Indifferenz gegenüber der kommunistischen Vergangenheit der Osteuropäer in der europäischen Gemeinschaft. Die Bewältigung der Gegenwart ist nicht möglich ohne Kenntnis der Vergangenheit, so die Schriftstellerin. „Die zwei Teile Europas bleiben sich weiterhin fremd, wenn sie nur wenig voneinander wissen, da sie nach dem europäischen Einigungsprozess sich beide nur allmählich kennenlernten, was nicht ohne Enttäuschung abgeht, vor allem für jene, die sich von Osten nach Westen bewegen“, sagt Ana Blandiana. Deshalb ist es wichtig, dass „der Einigungsprozess nicht nur auf ökonomischer oder diplomatischer Ebene vorangetrieben wird, sondern auch die Obsessionen in Einklang bringt“. Osteuropa bringt das „Erbe eines gelebten Leidens ein“ – ein Kulturgut aller großen historischen Konstruktionen. Der Kommunismus war das Spülbecken dieses Leidens, das 1989 beendet wurde. Aber nur teilweise. Um es nicht ganz zu vergessen, wollen wir uns ständig erinnern oder erinnert werden. Das Memorial Sighet, das ehemalige Gefängnis, Durchgangslager für Deportierte und Häftlinge, ist ein Beispiel dafür. Im Norden Sighets, dieser „Insel“ inmitten einer stillen, anmutigen Region mit wechselnder Geschichte – der Maramuresch –, entstand 1993 die Idee, ausgehend von Ana Blandiana, Romulus Rusan, unterstützt von dem Europäischen Rat und seiner damaligen Generalsekretärin Catherine Lalumière, dieses einstige österreichische Haus (erbaut während österreichisch-ungarischer Zugehörigkeit 1897) in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Die Idee wurde Wirklichkeit und fand viele Unterstützer im Laufe der Jahre. Heute ist die „Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus“ – Memorial Sighet – ein gesamteuropäisches Projekt, dessen Gründer unermüdlich an der Weiterentwicklung, dem Aus-, Um- und Anbau all die Jahre hindurch arbeiteten, ohne Unterstützung staatlicher Stellen. Im Alleingang und mit Hilfe ausländischer Geldgeber, privater Spenden, deutscher Stiftungen, französischer und amerikanischer Hilfe vervollkommnten sie dieses Projekt. In Zusammenarbeit mit Künstlern, Designern, mit anderen osteuropäischen außerparlamentarischen Organisationen sowie osteuropäischen Gedenkstätten ist das Memorial heute ein vielbesuchtes Museum, ein Anziehungspunkt nicht nur in der Stadt Sighet, sondern auch des gesamten nordwestlichen Teils des Landes.

In Brüssel stellte Monica Macovei (EU-Parlamentarierin, Fraktion der Europäischen Volkspartei, Christdemokraten, PDL) zusammen mit Ana Blandiana, Romulus Rusan und der Stiftung Memorial Sighet unter der Schirmherrschaft von Jerzy Busek (Präsident des Europäischen Parlaments) am Hauptsitz des Parlements der EU in Brüssel das Memorial – diese Gedenkstätte in Sighet – aus. 27 Schaubilder, Objekte in Vitrinen, Dokumentarfilme und Videos sowie Veröffentlichungen auf einem Büchertisch geben den Gästen Einblick in das Projekt „Memoria ca forma de justitie“. Zwei der Ausstellungsplakate schildern in Wort und Bild die Baragan-Deportationen vor sechzig Jahren. Besonders eindrucksvoll listet ein Schaubild die Hunderten von Namen der Toten auf, die in der Steppe begraben wurden, darunter auch zahlreiche Banater Schwaben aus den deutschen Dörfern um Temeswar und Arad. Buchautor Rusan hat in der Reihe „Academia Civica“ den Band „Morti fara morminte in Baragan“ 2011 veröffentlicht. Um den Toten der Baragan-Steppe – darunter sind auch viele Kinder – die in der Deportation starben, damit wenigstens wieder einen Namen zu geben und um sie in die Geschichte zurückzuholen, sagte Rusan. Die Totenliste der aus dem Banat Deportierten beruht hauptsächlich auf den Recherchen von Josef Wolf vom donauschwäbischen Institut Tübingen. Ein Dokumentarstreifen stellte neben Porträts politischer Häftlinge auch Bargan-Deportierte vor (www.memorialsighet.ro).

Jerzy Buzek, Präsident des EU-Parlaments, hob in seiner Video-botschaft hervor, dass es „keine Freiheit ohne Solidarität“ gebe. Für Monica Macovei war das Hauptziel dieser Ausstellung die Erinnerung an die Deportationen, an die Häftlinge, die gegen den Kommunismus kämpften, und deswegen ist sie eine symbolische Rechtsprechung, da Rumänien bislang leider noch keine „reale Rechtsprechung“ habe, so Macovei. Für Stephane Courtois, Rektor der Sigheter Sommerschule, ist dagegen das wichtigste Ziel, dass Demokratisierung nur durch „Reinigung“ (Decomunizare) gelingt.

Anwesend waren rumänische Gäste: ehemalige politische Häftlinge wie Radu Filipescu, Octavian Bjoza, Teodor Stanca und Paul Mitroi, Micaela Ghisescu (Vorsitzende der Stiftung „Memoria“), auch der Vizepräsident des EU-Parlaments, Laszlo Tökes, EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos, der Nato-Repräsentant in Brüssel, Sorin Dumitru Ducaru, Teodor Stolojan (EU-Abgeordneter und ehemaliger rumänischer Premier), Goran Lindblad, schwedischer Historiker, Holger Dix (Konrad - Adenauer - Stiftung), Helmut Müller-Enbergs (Berliner BStU), Anne Ute Gabbanyi und andere Historiker, Politiker, Journalisten, Fotografen, Gäste aus Budapest, Warschau, Prag, Berlin – etwa 200 geladene Gäste kamen zur Eröffnung. Viele von ihnen sind seit Jahren bei der Sommerakademie Sighet dabei und unterstützen dieses Projekt seit langem.

Mariana Cosac, Angestellte des Europäischen Parlaments für rumänische Besuchergruppen, übernahm die Einführung in die Realitäten des europäischen Alltags: 300 000 Besucher kommen jedes Jahr nach Brüssel, um die europäischen Institutionen an dem Brüsseler Sitz der EU zu be-
suchen. Etwa 5200 rumänische Besucher jährlich betreut Frau Cosac, die ehemalige Lehrerin aus Kronstadt. Die Vertreter Rumäniens in der EU sind 33 Abgeordnete von 730 Parteien, darunter auch freie, fraktionslose Politiker. Aus dem Banat – aus dem Kreis Arad – sind zwei Abgeordnete dabei. Vom europäischen Jahresbudget der EU, etwa 2,6 Milliarden Euro, dessen größter Beitragszahler Deutschland ist, wogegen Rumänien auf Platz 17 von 19 Beitragszahlern steht, profitiert Rumänien auf Platz 10 als Geldempfänger für verschiedene Projekte im Land. Etwa ein Drittel des EU-Budgets hingegen, 700 Millionen Euro, werden für Reisen der mehr als 700 Abgeordneten pro Jahr aufgewandt. Monica Macovei und Christean Dan Preda, beide EU-Parlamentarier, berichteten über ihre Arbeit bei der EU, der Mitarbeit in den verschiedenen Kommissionen und ihre Initiativen. Jedem Parlamentarier steht ein Jahresbudget zu, um ein Projekt aus seinem Herkunftsland vorzustellen. „Die Ausstellung der Gedenkstätte Sighet war meine persönliche Wahl. Ich bin stolz auf diese Wahl“, gestand uns Monica Macovei. „Wir erinnern damit an den antikommunistischen Widerstand, an die Opfer, die im Kommunismus beim Donau-Schwarzmeer-Kanal zu Tode kamen, an die Deportierten und die vielen Menschen in der Landbevölkerung, die sich im antikommunistischen Widerstand organisierten.“

Während der ehemalige Justizminister der konservativen Regierung unter Constantinescu, Alexandru Herlea, nachfragte, warum die politische Klasse in Rumänien so wenig für die Anerkennung der ehemaligen politischen Häftlinge während des Kommunismus getan hat, stand ein Vertreter aus den Reihen der ehemaligen politischen Häftlinge, Theodor Stanca, auf und beklagte in pathetischer Form, dass von den zehntausenden Häftlingen nur noch etwa 300 Über-
lebende in Rumänien sind, die in keiner Weise Anerkennung oder gar Entschädigung für ihre Haftjahre in Arbeitslagern oder in den Gefängnissen des kommunistischen Terrorregimes erhalten haben, wie das der Fall ist in anderen ehemals kommunistischen Ländern. Auch die Rückgabe von Eigentum ist in vielen Fällen noch ungeklärt. Macovei bedauerte dies und versprach, sich zusammen mit ihren EU-Kollegen dafür einzusetzen, dass auch in Rumänien eine Legislative verabschiedet wird, die Änderungen bringen kann. Unterstützung findet sie leider kaum bei den rumänischen Abgeordneten, sondern eher bei Vertretern aus anderen EU-Ländern wie Deutschland oder Großbritannien, so ihr Bericht.

Anschließend folgte ein Besuch im Plenarsaal, wo die Parlamentarier in sogenannten offenen
Sitzungen tagen. Jeder kann sich für den Besuch einer Sitzung bewerben. 23 Dolmetscherkabinen oberhalb der Parlamentssitze sind dafür da, die Reden, Erlasse und Dokumente des Parlaments in jede der aktuellen EU-Sprachen zu übersetzen. Am 14. Oktober wurde im Europäischen Parlament das größte Besucherzentrum eines Parlaments in Europa und die erste Ausstellung überhaupt eröffnet, die vollständig in 23 Sprachen gehalten ist. Im Parlamentarium – dem offiziellen Besucherzentrum – können die Besucher einen einzigartigen Einblick in die Arbeit und das Wesen des Europäischen Parlaments und der EU gewinnen. In Brüssel arbeitet man auf vielen Bühnen. Rumänien, das zu den bevölkerungsreichsten Ländern der EU gehört, hat nun eine feste Stimme in Brüssel und mit Vertretern wie Monica Macovei auch eine Repräsentantin, die die Auseinandersetzung nicht scheut.