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Banater Post

»Das deutsche Problem war für die Securitate bis 1989 sehr wichtig«

Dr. Virgil-Leon Tarau, stellvertretender Leiter des Nationalen Rates für das Studium der Securitate-Archive (CNSAS).

Blick in das Archiv der CNSAS. Foto: Romania Libera

Gespräch mit Dr. Virgil-Leon Tarau, stellvertretender Leiter des Nationalen Rates für das Studium der Securitate-Archive (CNSAS)

Wann und wie wurde der rechtliche Rahmen der CNSAS abgesteckt, welches sind seine Aufgaben?

Basis unserer Arbeit ist das Gesetz 1807/1999, das in der Folgezeit zweimal geändert worden ist. Unsere Behörde soll aufklären, ob Personen, die heute in Rumänien öffentliche Ämter bekleiden oder bekleiden wollen, im Dienste der Securitate gestanden und andere wegen ihrer politischen oder ethischen Gesinnung verfolgt haben. Ferner stellen wir unseren Bürgern alle Informationen zur Verfügung, die von der Securitate über sie gesammelt wurden; das ist ein anderer Schwerpunkt unserer Arbeit, der in den letzten Jahren immer stärker in den Vordergrund gerückt ist. Hatten wir 2009 insgesamt 3000 Anträge auf Akteneinsicht registriert, so waren es allein in den ersten zehn Monaten 2010 bereits 4000 Anträge. Den Antragstellern stehen Akten zur Verfügung, die aneinandergereiht eine Länge von bereits 24 Kilometer erreichen. Dazu kommt noch ein großer Bestand mikroverfilmter Akten. Der Zugang zur eigenen Akte ist auch deshalb wichtig, damit die betroffenen Personen erfahren, wer die jeweiligen Spitzel waren. Entgegen ersten Befürchtungen ist es auch zu keinen Hetzjagden gekommen, im Gegenteil, wir haben oft die Betroffenen mit ihrer Vergangenheit versöhnt. Ein anderer wichtiger Bereich unserer Arbeit ist natürlich auch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Aktenbestände durch die Forschung. Wir haben ca. zwanzig eigene Wissenschaftler in unserer Behörde, die diese Akten in verschiedenen Arbeiten auswerten, und wir haben bereits 1200 akkreditierte externe Wissenschaftler, die hier arbeiten und entsprechend seriös arbeiten. Einige Fälle des Missbrauchs der Aktenbestände gab es zwar auch, wo versucht wurde, mit intimen Details aus dem Privatleben Betroffener für Schlagzeilen zu sorgen, doch hier haben wir schnell die Akkreditierung entzogen. Das waren jedoch Ausnahmen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass unsere Aufgaben qualitativ und quantitativ gewachsen sind, ja wir selbst mittlerweile als Institution erwachsen geworden sind.

Wir arbeitet Ihre Behörde mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zusammen?

Es gibt diese Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen. Wir bieten Schülern und Studenten Praktika an, wir haben ein Projekt mit der EU durchgeführt, ein Filmprojekt, wir haben verschiedene Projekte mit Kreismuseen, mit anderen Forschungseinrichtungen im Land oder mit den Kirchen.

Herr Tarau, wie schlägt sich die Rolle der deutschen Minderheit in Rumänien und speziell die der Banater Schwaben in den Akten der Securitate nieder?

Das „deutsche Problem“ war bis 1989 für die Securitate sehr wichtig. Anhand der vorhandenen Bestände kann man gut ablesen, wie es sich im Laufe der Zeit gewandelt hat, ohne jedoch an Bedeutung zu verlieren. Die ersten Akten der Securitate zur deutschen Minderheit in Rumänien waren die Akten der Siguranta. Es handelt sich um Akten bezüglich der deutschen Volksgruppe in Rumänien und deren Einrichtungen, Listen mit Deutschen, die in der Wehrmacht oder der Waffen-SS gedient haben usw. Für die Securitate waren die Deutschen gefährlich. Sie standen unter einem Generalverdacht. Es war die Zeit der Deportationen auf ethnischer Basis, z. B. die Depor-tation der Deutschen zur Zwangsarbeit in die UdSSR und anderer diskriminierender Maßnahmen auf dieser Basis. Diese Maßnahmen wurden dann nach und nach durch andere ersetzt, jene des Klassenkampfes. Die Maßnahmen richteten sich nun gegen Bürgertum, Landwirte etc. Hierzu zählt z. B. die Deportation in den Baragan oder die weniger bekannte Deportation von 3000 Personen dieser Kategorie aus den Kreisen Arad und Bihor in die Gegend von Medigidia am Schwarzen Meer, weil es Probleme bei der Kollektivierung der Landwirtschaft gab. Die Deportationen wurden genutzt, um die Umgestaltung der Landwirtschaft voranzutreiben, aber auch um Angst und Schrecken zu verbreiten, um die Menschen einzuschüchtern und so leichter über sie zu verfügen. Dies geschah auch mittels einer Reihe von politischen Prozessen gegen führende Vertreter der deutschen Minderheit, der Verbannung in verschiedene Städte und Regionen. So hatte man die deutsche Gemeinschaft destabilisiert, um sie nach den Vorstellungen der damaligen kommunistischen Machthaber neu zu formen.

Wie ging es weiter, in der Politik und in den Akten?

Mitte der fünfziger Jahre war die Angst vor dem Sicherheitsapparat überall da, und die Leute begannen sich mit dem Regime zu arrangieren. Von der Securitate wurden nun auch die Probleme anders gewichtet. Sie behielt die Deutschen unter sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Aspekt im Visier. Sie diskutierte, wieweit die Deutschen ihre Identität bewahren dürften, um im Einklang mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu sein, inwieweit schon eine neue Elite geschaffen worden sei, die sich mit den kommunistischen Zielen identifiziere, und sie schlug dort zu, wo sie glaubte, dass in den Bereichen Kunst oder Literatur diese Grenzen übertreten würden.

Kann man also von einer zunehmend ambivalenten Haltung des Repressionsapparates gegenüber den Deutschen sprechen?

Ja, auf jeden Fall, wobei diese Maßnahmen alle rumänischen Staatsbürger betrafen, sofern die Grenzen des Möglichen überschritten worden waren.

Trotzdem gab es ja auch ein spezielles Augenmerk der Securitate auf die deutschen Volkszugehörigen, zumal was die Auswanderung betraf, die ja zwischen den beiden Staaten Deutschland und Rumänien vertraglich fixiert worden war.

Na, ja, ob es ein Vertrag war, weiß man ja bis heute noch nicht. Es gibt keine entsprechenden Akten, die bisher veröffentlicht worden wären, und als Historiker muss ich mich an diese halten. Man muss hier sehr differenzieren. Für die deutsche Bevölkerung in Rumänien bedeutete die Auswanderung die Möglichkeit, ein neues Leben in Freiheit anzufangen, Zugang zu einer Wohlstandsgesellschaft zu finden und dem Unterdrückungsapparat zu entkommen.

Unser Verband würde mit der Beteiligung Ihrer Behörde gerne eine Tagung über die Securitate im Banat veranstalten, speziell zum Thema der deutschen Minderheit. Sie und einige Ihrer Mitarbeiter haben hierzu schon Veröffentlichungen vorzuweisen. Wie stehen Sie zu einem solchen Vorhaben?

Sehr offen. Man könnte zum Beispiel untersuchen, wie der Securitate-Apparat auf ein ehemals deutsches Dorf eingewirkt hat, wie auf eine Kleinstadt und Vergleiche mit anderen Ortschaften anstellen. Der Zugriff der Securitate auf bestimmte gesellschaftliche Bereiche könnte auch thematisiert werden.

Es gibt keinen ausgewiesenen Aktenbestand der Landsmannschaft der Banater Schwaben in ihrer Behörde, dennoch kann man in Akten von diversen Personen sehen, dass die Securitate über die Landsmannschaft recht gut informiert war. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Diese Akten sind wahrscheinlich noch nicht bei uns eingegangen. Fakt ist, dass die Securitate in den Anfangsjahren der Landsmannschaft keinen direkten Zugang zum Führungspersonal der Landsmannschaft herstellen konnte. Erst mit dem Beginn der Aussiedlung der Deutschen aus Rumänien konnte sie auch Leute platzieren, die für sie berichteten. Diese hatte sie aber eher im Umfeld der Verbandsführung angesiedelt. Hinweise dazu sind sicher im Bestand „nationalisti germani“ zu finden. Dieser Bestand umfasst 42 Bände.


Dr. Virgil Tarau wurde 1970 in Aiud geboren. Er studierte in Klausenburg Geschichte, wo er 2004 mit einer Arbeit über die ersten Parlamentswahlen in Mittel- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg promovierte. Tarau ist Autor zahlreicher Bücher zur Zeitgeschichte Rumäniens und der internationalen Beziehungen.