zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Freikauf der Rumäniendeutschen – Härtefälle und Bleibehilfen – Teil 2: Bleibehilfen (II)

2011 erschien in Bukarest eine Quellenedition zur Ausreiseproblematik der Deutschen aus Rumänien.

Deckblatt der Securitate-Akte des bundesdeutschen Verhandlungsführers Dr. Heinz-Günther Hüsch. Geführt wurde seine Akte unter dem Decknamen »Eduard«. Sie besteht aus fünf Bänden.

Im zweiten Teil des Interviews geht es um Bleibehilfen für die Rumäniendeutschen. Etwa ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre verfolgte die Bundesrepublik im Falle der Rumäniendeutschen eine doppelte Strategie.

Bukarest stoppt Hilfspakete

Frage: Ende der achtziger Jahre hat Rumänien vorübergehend auch keine Hilfspakte ins Land gelassen.

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Der Paketversand lief lange Zeit. Wenn ich mich richtig erinnere, erhielt ich 1987 die Information, dass solche Paketsendungen, die offensichtlich in großen Mengen mit Güterwagen transportiert worden waren, von der rumänischen Bahn nicht mehr angenommen wurden. Weisungsgemäß habe ich interveniert. Zunächst war mein Verhandlungspartner – scheinbar – nicht informiert. Die Verhandlungen – sie standen allerdings nicht im Mittelpunkt – schleppten sich hin. In dem Gespräch, das ich im Oktober 1988 in Bukarest mit Nicolae Ceausescu führte, erklärte der Staats- und Parteichef: Dieser Paketversand wäre nicht Sinn der Sache. Das Unternehmen, das sich auf kommerzieller Basis damit beschäftigte, würde die Lebensmittel in Rumänien kaufen. Das ginge nicht. Die könnten doch nicht den Rumänen die Lebensmittel wegkaufen, die sie dann über Deutschland in Form von Geschenkpaketen wieder nach Rumänien lenkten. Darin hatte er Recht. Es war ein schwerer taktischer Fehler, so etwas zu machen. Die Lebensmittel hätten nur aus Deutschland kommen dürfen. In dem Gespräch sagte Ceausescu: „Wir überlegen, die hungernden Arbeiter im Ruhrgebiet mit Paketen zu versorgen.“ Ich habe ihm gesagt: „Herr Generalsekretär, da wird Sie niemand daran hindern, wird sich sicher so mancher freuen.“ Im Laufe des Gesprächs lenkte Ceausescu beim Paketversand ein. Seine Bedingung war: Wenn das einzeln adressierte, nicht normierte Pakete sind, die keine Güter aus Rumänien enthalten, dann dürfen sie nach Rumänien geschickt werden. Kurze Zeit darauf teilte mir mein Auftraggeber mit, dass die Pakete wieder rollten. Ich glaube, dass auch ein Vertreter einer Firma in meinem Bonner Büro angerufen hat mit derselben Mitteilung.

Frage: Wie hat man sich diesen Paketversand genau vorzustellen?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Es waren Pakete, die von einem oder mehreren Unternehmen in Deutschland, genau kann ich das nicht mehr sagen, auf rein kommerzieller Basis versandt wurden. Das heißt, die Absender schickten an diese Unternehmen Empfängeradressen in Rumänien und einen Geldbetrag. Und dann gingen normierte Pakete an die Empfänger. In dem Gespräch, das ich im Oktober 1988 in Bukarest führte, war Ceausescu der festen Überzeugung, dass es keine Versorgungsengpässe gebe, dass Rumänien noch nie so gut dagestanden habe wie zur damaligen Zeit. Ich habe ihm gesagt: „Herr Generalsekretär, ich habe den Eindruck, Ihre Funktionäre unterrichten Sie nicht richtig.“ Das kann man auf dem Tonband nachhören. Unser Gespräch wurde aufgezeichnet. Ceausescu hat wirklich in der Vorstellung gelebt, er sei so beliebt, wie die da erzählen, diese miese Kamarilla.

Deutsche Hilfen erleichtern Gespräche über Familienzusammenführung

Frage: Sie erwähnten vorhin die zwei großen Naturkatastrophen von 1977 – das Hochwasser und das Erdbeben – und die Hilfen, die Deutschland danach geleistet hat. Waren diese zwei Hilfsaktionen in irgendeiner Weise mit der Ausreiseproblematik gekoppelt?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Sie waren gekoppelt, weil sie über mich liefen. Die Bundesregierung hätte das jederzeit auch über die Botschaft machen können oder über eine andere Stelle. Das Geld stammte aus dem Haushaltstitel „Rückführung von Deutschen“. Ich habe gesagt: „Wenn wir etwas mit der Katastrophenhilfe erreichen wollen, dann müssen wir sie mit der Familienzusammenführung verknüpfen.“ In der Familienzusammenführung mussten wir alles geheim halten. Also war die einzige Möglichkeit, beides miteinander zu verknüpfen, mich mit der Katastrophenhilfe persönlich zu befassen. Deswegen bin ich persönlich mit den Hilfsgütern nach Rumänien gefahren, bzw. das Technische Hilfswerk kam damit an und ich kam von der anderen Seite und habe alles übergeben. Nach dem Erdbeben haben wir Rumänien unter anderem eine Feuerwehr-Drehleiter geliefert. Wir haben sie geliefert, weil Rumänien nicht in der Lage war, Probleme in den neu entstandenen Hochhäusern zu lösen. Sie hat 700000 D-Mark gekostet. Ich bin persönlich nach Rumänien, um sie zu übergeben.

Frage: Brauchten Sie für die Ausfuhr dieses Feuerwehrautos mit Drehleiter eine Sondergenehmigung?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Ja. Drehleitern dieser Höhe fielen unter Embargo-Bestimmungen, weil man damit, wie man mir sagte, auch kleinere Raketen hätte abschießen können. Die Drehleiter hatte, soweit ich mich erinnere, eine Höhe von 30 Metern, vielleicht auch mehr. Es war die größte Leiter dieser Art, die damals auf dem Markt war.

Frage: Was hat Deutschland beim Erdbeben noch übergeben – außer der Feuerwehr-Drehleiter?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Unter anderem drei Generatoren, weil die Stromversorgung zusammengebrochen war. Ein solcher Generator kostete damals um die 200000 D-Mark. Die Generatoren wurden der Rumänischen Botschaft in Köln übergeben.

Frage: Wie hoch war der Wert der Hilfen, die Deutschland beim Hochwasser übergeben hat?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Ich schätze sie auf eine bis anderthalb Millionen D-Mark, aber damals. Nach heutigen Preisen wäre das wahrscheinlich ein Vielfaches davon.

Frage: Haben die Hilfen bei den Naturkatastrophen Ihre späteren Gespräche mit der rumänischen Seite über die Familienzusammenführung erleichtert?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Ganz sicher.

Rüpelhafter Verhandlungspartner: »Cholerisch, eingebildet, national überzogen«

Frage: Ihr rumänischer Verhandlungspartner in den Anfangsjahren war Gheorghe Marcu. Mit ihm haben Sie auch über den Härtefall Hansi Schmidt verhandelt. Was für ein Mensch war Marcu?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Marcu war ein grober Klotz und ein ungebildeter Patron. Cholerisch. Eingebildet. National überzogen. Er hielt sich für den Größten. Und glaubte auch immer, er könne uns unter Druck setzen. Wenn Sie die Protokolle nachlesen, werden Sie immer wieder die Drohung finden: „Wenn Sie das und das nicht tun, dann ist die Sache zu Ende.“ Das kommt in den Protokollen 30, 40, 50 Mal vor. Wohingegen sein Dolmetscher Adalbert Bucur ein kluger Mann war. Der sagte mir schon mal am Rande: „Ich bedaure sehr, dass er sich so verhält. Aber bitte haben Sie Verständnis.“ Bucur konnte natürlich nicht gegen seinen Vorgesetzten handeln.

Man musste mit Marcu sehr oft streiten. In Rom zum Beispiel lief eine Verhandlung nicht ganz nach seinen Vorstellungen. Wir wollten nicht so viel Geld bezahlen, wie er haben wollte. Das passierte immer wieder. Es ist nicht so, dass wir da hinfuhren und brav ablieferten, sondern da wurde schon genau nachgerechnet. Es wurden auch Zahlungen verweigert, mitunter in Millionenhöhe. In Rom war er völlig cholerisch, schrie herum, schlug mit den Fäusten auf den Tisch, drohte mit dem Abbruch. Bis ich dann gesagt habe: „Wollen wir eine kleine Pause machen?“ Danach kam der Dolmetscher zu mir und sagte: „Wir möchten gern mit Ihnen zum Mittagessen gehen. Wir kennen ein wunderschönes Restaurant.“ Ich sagte: „Aber ich muss zum Flughafen. Ich habe Ihnen von Anfang an gesagt, dass ich in Zeitnot bin. Ich muss dieses Flugzeug nehmen.“ Darauf der Dolmetscher: „Können Sie nicht noch über Nacht bleiben? Wir gehen mit Ihnen auch in den Vatikan eine Kerze aufstellen.“ Ich habe gesagt: „Ich bezweifle, ob Sie das in der richtigen Gesinnung tun.“ Dann habe ich mit ihnen Mittag gegessen. Da war Marcu sanft wie ein Lamm.

Bundesinnenministerium erwägt Abbruch der Gespräche

Frage: War Marcu Ihr unangenehmster rumänischer Verhandlungspartner?

Dr. Heinz-Günther Hüsch: Ja. Mit Abstand der unangenehmste. Später, mein letzter Verhandlungspartner, Constantin Anghelache, war auch unangenehm, weil er überkorrekt war (11). Der nutzte keinen Spielraum aus. Marcu war deshalb so unangenehm, weil er unablässig mit seinen Drohungen operierte. Zeitweilig war sein Verhalten so, dass bei meinem Auftraggeber in der Ministerialbürokratie der Abbruch der Verhandlungen in Erwägung gezogen wurde. Die lasen ja meine Protokolle. Und die Protokolle sind sehr genau. Ich habe zum Teil mitstenographiert. Weil immer ein Dolmetscher mitwirkte, hatte man die doppelte Zeit zum Mitschreiben. Und solche wichtigen Punkte habe ich natürlich absolut genau aufgeschrieben. Ich habe nichts hinzugefügt oder weggelassen.

»Es geht nicht um mich, sondern um die Deutschen in Rumänien«

Die Meinung in der höheren Führungsebene des Bundesinnenministeriums war: „So können wir nicht mit uns umgehen lassen. Das können wir uns nicht gefallen lassen.“ In dieser Situation habe ich gesagt: „Erst mal bin ich Rheinländer. Wir sind überhaupt nicht zu erschüttern. Zweitens: Es geht nicht um mich. Ich bin nicht zu beleidigen. Ob ich beleidigt bin, entscheide ich selbst. Es geht um die Deutschen in Rumänien. Wollen wir jetzt wegen einer Empfindlichkeit, die bei mir nicht vorliegt, die vielleicht im Selbstbewusstsein einer deutschen Behörde vorhanden ist, wollen wir deswegen Menschenschicksale aufs Spiel setzen? Nehmen wir Marcus Benehmen hin und überspielen es.“ So sind wir dann auch verfahren, und das war richtig so.

Anmerkungen

(10) Aristotel Stamatoiu alias Ene, zuletzt Generalleutnant der Securitate; in den achtziger Jahren für kurze Zeit rumänischer Verhandlungspartner des deutschen Verhandlungsführers Dr. Heinz-Günther Hüsch.

(11) Constantin Anghelache, zuletzt Oberstleutnant der Securitate; letzter rumänischer Verhandlungspartner des deutschen Verhandlungsführers Dr. Heinz-Günther Hüsch.