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Banater Post

Von Jahrmarkt nach Las Vegas

Josef Probst mit seiner Tuba

Die Loris-Kapelle aus Jahrmarkt mit ihren kleinen Trommlern (Aufnahme um 1960)

Belege eines erfolgreichen Schaffens

Ein halbes Jahrhundert Musikantenleben

Wer erinnert sich nicht daran, an die Schläge der großen Trommel, an Klangfetzen der bald darauf einsetzenden Blasmusik, manchmal noch einige Straßen weit entfernt, die immer mehr Menschen aus ihren Häusern und Gärten hervorlockte? „Die Musich kummt“, riefen die Kinder und begleiteten die Kapelle. Von der Wiege bis zur Bahre – die Blasmusik war (fast) immer dabei. Sie war der Stolz eines jeden schwäbischen Dorfes im Banat und dessen Bewohner. Auf die Frage nach der „besten“ Blasmusik im Banat wollen wir uns nicht einlassen, das ist ein Minenfeld, vergleichbar den Fragen nach dem besten Wein oder den ertragreichsten Feldern. Gut waren sie alle, die Musikanten mit viel Begeisterung dabei, und einige waren ganz besonders gut. Verfolgt man diese Spuren, so führt eine ganz sicher nach Jahrmarkt, wo die Tradition der Blasmusik gezielt und intensiv gepflegt wurde. Die Dirigenten waren starke Persönlichkeiten, es wurde regelmäßig und viel geprobt, die Besetzung der Kapellen so gestaltet, dass Blasmusik in vollendeter Form zum Erklingen gebracht wurde. Kinder, die immer gerne mit und hinter den Kapellen herliefen, durften bei den Proben reinschnuppern. Sie erhielten eine kleine Trommel, entwickelten ein Taktgefühl, wurden langsam an die Instrumente und das Wirken einer Kapelle herangeführt.

Einer von ihnen war vor mehr als fünfzig Jahren der Jahrmarkter
Josef Probst. Er hatte das Glück, zweiter Nachbar von Ignaz Loris, dem Nestor der großen Jahrmarkter Loris-Kapelle zu sein, deshalb war er schon als fünfjähriger Pimpf immer gleich im Hofe des Nachbarn, wenn die Trommel einschlug. Eine, die kleine Trommel, erhielt auch er, und 1959 – da war der kleine Bursche noch keine sieben Jahre alt – durfte er bereits mit der Loris-Kapelle durch das Dorf und die Kreisstadt ziehen. Ein Bild aus dieser Zeit ist aufschluss-reich. Vorneweg der Kapellmeister, gleich dahinter, von den Älteren beschützend eingerahmt, die kleinen Trommler der Loris-Kapelle. So wird Tradition weitergegeben.

Josef Probst wird an der Tuba ausgebildet, einem großen und
anspruchsvollen Instrument, sowie zusätzlich am Schlagzeug. Drei Jahre lang lernt er bei Ignaz Loris in Jahrmarkt, danach weitere drei Jahre lang an der Volkshochschule für Kunst in Temeswar. Bereits als 16-jähriger hat er seinen ersten Fernsehauftritt mit Hans Sieber, Hans Fritz, Peter Riesz und
Michael Tritz. Er ist bei der Gründung der Jahrmarkter Jungmusikanten unter Mathias Loris jun. dabei, er wird als gesuchter Tuba-Bläser von anderen Kapellen immer wieder als „Verstärkung“ eingeladen: nach Sanktandres, Bruckenau, Bakowa, Fratelia, Neupetsch, Sackelhausen, Knees, Kleinbetschkerek, Großjetscha und in andere Ortschaften des
Banats. Die Tuba war und ist kein „Modeinstrument“, aber für eine Blaskapelle unverzichtbar. Ein gutes Gehör, eine gute Atmung und viel Übung seien nötig, um die Tuba, das tiefste Instrument eines Blasmusikorchesters, richtig zu beherrschen, hört man immer wieder von den Musikanten.

Josef Probst, der Mann, der seit mehr als vierzig Jahren dieses Instrument virtuos beherrscht, legt als Kriterium für einen guten Tubisten die Tonbildung fest. „Das ist das Allerwichtigste“, sagt er. Alles andere könne man lernen, aber der Ton, der mache – nicht nur sprichwörtlich – auch hier erst die gute Musik. Für kurze Zeit gelingt es ihm, seine Berufung für die Blasmusik zum Beruf zu machen. Als Tuba- und E-Bass-Bläser wirkt er beim Deutschen Staatstheater in Temeswar, eine Teilnahme an einer Gastspielreise nach Dresden bleibt ihm aus politischen Gründen versagt. Das ärgert ihn. Er geht vom Theater weg, arbeitet als Maler und widmet sich der Musik. Als Mitglied der Jahrmarkter Loris-Kapelle ist er 1977 in Bukarest dabei, als dieser Kapelle der größte Erfolg im Rumänien der Nachkriegszeit beschieden war: Sie erringt den ersten Platz beim landesweiten Wettbewerb der Blaskapellen Rumäniens. „Dreimal die Woche wurde vorher geprobt“, erinnert sich Josef Probst, „von 19 Uhr bis Mitternacht“. Selbst die großen und besten Militärkapellen des Landes hatten das Nachsehen.

Auf sechzig bis achtzig Auftritte im Jahr kommt der Tubist in dieser Zeit, daneben steht er noch im Berufsleben, heiratet, wird Vater zweier Söhne. 1982 geht er mit seiner Familie den Weg, den viele vor ihm und noch mehr nach ihm gehen sollten. Er siedelt mit seiner Familie nach Deutschland aus. Vor der Ausreise lässt er seine Tuba generalüberholen und sagt zu seiner Frau: „Das erste Geld in Deutschland werde ich mit der Tuba machen.“ Er sollte Recht
behalten. Im Übergangswohnheim in Crailsheim noch nicht einmal richtig „warm geworden“, kommen Siebenbürger Sachsen, ehemalige Neppendorfer mit einer ebenfalls großen Blasmusiktradition auf ihn zu und verpflichten ihn für einen
ersten Auftritt. Weitere sollten folgen, und schon bald kommt Josef Probst in den verschiedensten Kapellen in Süddeutschland wieder auf die stolze Zahl von sechzig bis achtzig Auftritte wie einst im Banat. Er macht Überstunden oder nimmt unbezahlten Urlaub, um „freie“ Zeit für seine Auftritte zu haben. Er spielt mit dem „Krebsbach Trio“, mit den Kapellen Keller, Keller-Loris, den Original Donauschwaben München, den Jahrmarkter Musikanten unter Sepp Tritz, den Dinkelsbühler Musikanten, den Neppendorfern, Roßfeldern, Onolzheimern, den Donau-Franken unter Hans Eichinger, er musiziert mit Robert Payer, Michael Klostermann und Peter Schröppel. Überall, wo ein guter Tubist gebraucht wird, fragt man nach ihm, und Josef Probst kann und will nicht „Nein“ sagen.

Die Musik bedeutet ihm viel, sie ist Ausgleich zum Alltag, ist Leidenschaft und Kameradschaft, sie öffnet ihm die Welt. Mit Peter Schröppel und seinen Schwabenländer Musikanten wird er Vizeweltmeister der böhmischen Blasmusik, mit den Dinkelsbühler Musikanten geht er auf Tournee in die USA und nach Japan, mit den Roßfelder Musikanten zieht er durch Florida, mit „Fresh Alpin“ war er 2008 vier Wochen lang in Las Vegas. Tourneen führen ihn durch die Niederlande und Schweden.

Wer sein Leben so auf die Musik ausrichtet wie Josef Probst, braucht viel Verständnis und Unterstützung seitens seiner Familie. Seine Frau hat ihn auf vielen Tourneen und Auftritten begleitet, dafür Sorge getragen, dass die acht verschiedenen Uniformen und jede Menge weiße Hemden immer passend und in genügend hoher Zahl vorhanden waren. Josef Probst erzählt gerne von diesen Auftritten, und von den meisten hat er einen Zeitungsausschnitt, ein Foto, eine Einladung fein säuberlich abgeheftet. Sein Keller voller Noten, Ordner und Tonträger dokumentiert gut den Fortbestand einer Tradition, die im fernen Banat ihren Ursprung hat und von ihm hier konsequent fortgeführt wird. Im mittlerweile heimischen Crailsheim leben drei Generationen der
Familie Probst unter einem Dach. Die Söhne – einer wurde Theologe, der andere Informatiker – haben auch etwas vom musikalischen Talent und der Begeisterung des Vaters mitbekommen. Akkordeon und Orgel spielt der Theo-
loge, Gitarre und Keyboard der Informatiker. An Heiligabend – das ist Tradition in der Familie – wird nach der Christmette musiziert.

Irgendwann am Ende unseres Gespräches gleitet das Thema auch zur Konkurrenz unter den Blasmusikkapellen in Jahrmarkt ab, zur Rivalität der „Spitziche“ und der „Stumpiche“, wie die Mitglieder der zwei stärksten Kapellen des Ortes genannt wurden. Josef Probst antwortet diplomatisch. Er erinnert an die erste Jahrmarkter Kirchweih 1983 in Reutlingen, bei der die Kassner- und die Loris-Kapelle gemeinsam aufgespielt hätten. Er hat das damals mitorganisiert, es ist ein Erfolg gewesen. Auf Nachhaken erklärt er dann, dass diese Rivalität weniger unter den Musikanten als vielmehr unter den Anhängern der Kapellen ausgefochten wurde. Aber das ist Geschichte, was bleibt ist die Musik, und die bleibt, solange es solche begeisterte und begeisternde Musikanten gibt.