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Banater Post

Vom Bäckerlehrling zum Gewerkschaftsführer

Hans Kolleck mit seinen Freunden Franz Birkenheuer, Hans Bollinger und Mathias Wetzler (von links), 1928.

Hans Kolleck mit Mitgliedern der Tanzgruppe Singen anlässlich deren Auftritts in Cincinnati in diesem Sommer. Einsender der Fotos: Norbert Neidenbach

Hans Kolleck ist 96 Jahre alt. Der gebürtige Großjetschaer lebt seit über 60 Jahren in Cincinnati (USA), wo er sich ein neues Leben aufgebaut hat. Er hat aber nie vergessen, woher er kommt und ist bis heute ein würdiger Vertreter seines Volksstammes geblieben. Kolleck hat in seinem Leben viel erlebt und gesehen, er musste viel erdulden und einstecken, aber er hat auch sehr viel geleistet und erreicht. Wenn er aus seinem überaus ereignisreichen Leben erzählt, könnte man ihm stundenlang zuhören. Seine Erlebnisse und Erfahrungen, die kleineren und größeren Episoden in seinem Leben könnten Bücher füllen. Was er mir erzählt hat, soll hier zusammenfassend präsentiert werden.

Geboren wurde Hans Kolleck in der Trierer Gasse, später hat er mit seinen Eltern in der Perjamoscher Gasse gewohnt. Seine Mutter, die „Wes Bewi“, war von 1925 bis 1933 Gemeindehebamme. Hans ging in seinem Heimatort zur Schule und erinnert sich noch gut an seine Lehrer Standhaft, Leitich und Rueckert. Letztere hatten wenig für die Kinder des Dorfes getan, der Jugend- und Sportverein ist in dieser Zeit verfallen.

Hans Kolleck verlebte eine schöne, für die damalige Zeit typische Kindheit eines schwäbischen Bauernjungen. Im Winter liefen die Kinder auf der Kaul Schlittschuh, im Sommer spielten sie auf der Hutweide. Und manchmal fingen sie Eulen auf dem Dachboden der Kirche. Hans erinnert sich: „Bosch Hans, obwohl zwei Jahre jünger als ich, war einer meiner besten Kameraden. Ich hatte 1928 einen Fußballclub gegründet, meine Mutter hatte mir einen Fußball gekauft. Wir spielten immer ,uf dr Hutwet‘ gegen Tschatad. Hans Bosch war Verteidiger, Federspiel Sepp war Tormann, später dann Gilde Joschi. Sehi Klos spielte rechts außen, ich war Mittelstürmer. Meistens haben wir barfuß gespielt. Na ja, Rueckert Adam hatte richtige Fußballschuhe, dafür haben wir ihn alle beneidet. Aber immerhin, wir spielten mit Begeisterung und sind öfter nach Billed, Kleinjetscha und Gertianosch gefahren, wo die Spiele zuweilen in einer Rauferei endeten.“

Jugend- und Lehrjahre in vertrautem Umfeld

Wenn er von der Zeit seiner frühen Jugend spricht, dann erzählt Hans Kolleck immer von seinen Kameraden: „Wetzler Matz war mein bester Freund. Er war der stärkste unter uns und wenn mal gerauft wurde, war Matz immer an meiner Seite. Meistens rauften wir mit den 1916-ern oder auch mal mit den 1915-ern. Die Jahrgänge waren damals wie heute die Cliquen, wir hatten sogar unsere eigenen Pfeifsignale. Ich nehme an, das gab uns ein Gefühl der Wichtigkeit. So war es eben.“

Als er dann ab 1930 Lehrling in der Bäckerei meines Großvaters Matz Neidenbach (Bäcks-Matz) war, konnte er nicht mehr so mitmachen, die Freundschaften sind aber nie eingeschlafen. Hans Kolleck erinnert sich noch gut, wie er jeden Samstagnachmittag mit seinem Kipfel- und Semmelkorb durch die Gassen zog und, eine kleine Trompete benutzend, die Leute zum Kauf rief. Er erzählt: „In der Trierer Gass, gleich wenn man von der Hauptgasse kam, auf der linken Seite, hinter dem Haus von Puldi und vor dem Haus von Jost, wohnte die Wes Marei. Die hat immer zwei Kipfel für ihre Enkelin Leni Muth gekauft, deren Mutter in Detroit war. Die Leni hat später meinen guten Schulfreund Wickete Michl (auch Specks Michl genannt) geheiratet, der an der Kaul Richtung Billed wohnte. Nach dem Krieg sind Leni und Michl nach St. Louis ausgewandert und durch Bekannte haben wir uns wieder gefunden und uns öfters besucht. Michl ist schon gestorben, Leni und ich sind noch in Verbindung. Ich schicke ihr immer die ,Banater Post‘, die sie sehr gerne liest.“

Nachdem er 1933 die Lehre beendet hatte, blieb er noch ein Jahr beim Bäcks-Matz, für 100 Lei pro Woche, dazu noch Kost und Logis. Mit seinem ersten verdienten Geld kaufte er sich ein Fahrrad der Marke Göricke. 1935 zog es ihn in die Welt hinaus, zuerst nach Bukarest, wo aber als Bäcker keine Arbeit zu finden war. So arbeitete er auf dem Bau und in einer Gummifabrik. Danach ging es nach Kronstadt und schließlich wieder zurück nach Temeswar. Hier arbeitete er in einer Bäckerei in der Mehala, bei Tolwadin.

Schließlich kam die Einberufung zum Militärdienst, den er aber vermeiden wollte. Deshalb machte er sich, zusammen mit einem Freund aus Kleinbetschkerek, auf den Weg nach Deutschland. Nach dem Grenzübertritt bei Nadlak wurden die beiden jedoch von den ungarischen Grenzsoldaten erwischt und  erstmals für zwei Monate in Szegedin eingesperrt.

Nach seiner Freilassung schlug sich Hans alleine bis an die österreichische Grenze durch. Da er keinen Pass hatte, wurde er von einem Wachposten mit aufgepflanztem Bajonett zurück zur Grenze gebracht. Auf dem Weg dorthin meinte dieser auf einmal: „So, ich dreh mich jetzt um, und dann bist du weg, verstanden?“ Hans sprang in den Straßengraben und weg war er. Er marschierte querfeldein und erreichte Bruck an der Leitha. Von dort ging es dann nach Wien, in ein Flüchtlingslager.

Hans musste 1943 dann doch in den Krieg ziehen. Zunächst kam er in Frankreich zum Einsatz, dann an der Ostfront. Nach einer Verwundung an der Newa, als sein Regiment versuchte, einen Brückenkopf zu bilden, musste sein linkes Bein beinahe amputiert werden. Die Folgen waren zehn Monate Lazarettaufenthalt, ein verkürztes Bein und danach Erhebung in den Rang eines Offiziers der deutschen Wehrmacht. Die Verwundung von damals verursacht ihm heute mehr und mehr Beschwerden, das Gehen wird immer beschwerlicher.

Nach Beendigung des Krieges hat er seine Frau Irene in Deutschland geheiratet und ist im November 1951 nach Amerika ausgewandert – wie Hans sagt: „Here we go!“ Irene sprach sehr gut Englisch und bekam eine Stellung bei „Proctor and Gamble“, Hans fand eine Anstellung als Bäcker in einer nicht gewerkschaftlich organisierten Bäckerei, für einen Dollar pro Stunde. „Arbeite schnell oder noch schneller“, lautete hier die Parole. Nach kurzer Zeit fand er Arbeit bei einer gewerkschaftlich organisierten Bäckerei, was gleich 0,50 Cent pro Stunde mehr bedeutete. Es dauerte nicht lange, und er stellte fest, dass das Management die Verträge nicht immer einhielt. Seine Beschwerde bei der Gewerkschaft wurde abgewiegelt, und bald galt er als das „Schwarze Schaf“ des Unternehmens.

Beispielhafter Aufstieg in der Gewerkschaft

Bei den anderen Arbeitern jedoch kam seine Standhaftigkeit gut an, und schon nach einem Jahr wurde er zum Gewerkschaftsschriftführer gewählt. Er machte seinen Job gut, blieb seinen Prinzipien treu und wurde nach weiteren zwei Jahren als Gewerkschaftsvertreter des Betriebs gewählt, sodass er nun an den Verhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen teilnehmen konnte. Seine Hauptthemen waren aber die Krankenversorgung und die Pensionen. Wie zu erwarten, dauerte es nicht lange bis die Arbeiter wussten: „That German guy has great ideas“ (dieser deutsche Kerl hat gute Ideen).

Die Gewerkschaft in Cincinnati hatte rund 1000 Mitglieder in sechs Großbäckereien. Dank seines Einsatzes für die Einhaltung und Verbesserung der Arbeits- und Lohnkonditionen wurde Hans bereits fünf Jahre später in den Vorstand der Gesamtgewerkschaft der Bäckereien in Cincinnati gewählt. 1960 folgte dann die Wahl zu deren Vorsitzenden. Infolgedessen hatte er einen erheblichen Einfluss auf die Verbesserung der Vertragsbedingungen für die Arbeiter; sein Einsatz für Krankenversicherung und Pensionen der Mitglieder fanden allgemeine Anerkennung.

Inzwischen hatte sich Hans an der Cincinnati University eingeschrieben und besuchte dreimal pro Woche die Kurse für Arbeits- und Sozialgesetzgebung. Nach vier Jahren machte er dann das Diplom für Arbeits- und Sozialrecht. 1972 wurde er in den Vorstand des Cincinnati Labor Council (Gesamtverband der Arbeitnehmer) von Cincinnati gewählt. Zwei Jahre später wurde er Regionaldirektor aller Bäckereibetriebe in den Regionen Cincinnati, Dayton, Hamilton, Columbus (im Staat Ohio), Indianapolis (Indiana), Louisville, Lexington und Bowling Green (Kentucky), zuständig für über 3000 Mitglieder. In seinem Stab arbeiteten bereits drei Assistenten und fünf Sekretärinnen.

Mit berechtigtem Stolz sagt Hans: „Unsere Hauptgewerkschaft hatte eine eigene Non-Profit-Krankenversicherung und einen eigenen Pensionsfonds. Als Regionaldirektor stand mir das Recht zu, an den Lohnverhandlungen teilzunehmen. Natürlich nicht nur als Ja-Sager. Was mir manchmal komisch vorkam, ist, dass der einstige ,Bäckerlehrbu vun Großjetscha‘ mit am Tisch sitzt, wo Löhne, Arbeitsbedingungen, Krankenversicherungen und Pensionen für tausende von Arbeitern verhandelt werden.“

Hans gründete eine Spar- und Darlehensgesellschaft, wo die Mitglieder wöchentlich, welchen Betrag auch immer, einzahlten, um dann, bei Bedarf, Geld ausleihen zu können. Und auch darauf ist er berechtigterweise sehr stolz: „Es war so erfolgreich, dass die Ohio Credit Association mir zweimal Anerkennungen zuerkannte für beispiellose Führung. Aber die Hauptsache war, dass wir in die Lage versetzt wurden, Geld für unsere Mitglieder anzusparen. Wir waren später in der Lage, sogar Autos zu finanzieren, vor allen Dingen bei Autohändlern, die gewillt waren, den Gewerkschaftsmitgliedern Rabatte zu gewähren. Immerhin, als ich in Pension ging, hatten wir über vier Millionen Dollar Einlagen, was mich enorm stolz machte.“

Natürlich konnte er, trotz seines Engagements und seiner Erfolge, es nicht immer allen Recht machen. Manchmal musste er in Begleitung von Leibwächtern zu Gewerkschaftsversammlungen gehen. Hauptgründe dieser Feindseligkeit waren Trunkenheit und Ressentiments gegenüber Deutschen.

Hans hat sich nicht ausschließlich für die Gewerkschaftsmitglieder engagiert, er hat auch immer getrachtet, die Gewerkschaft an sich weiter zu entwickeln, ihren Einfluss zu vergrößern. Die von ihm geführte Gewerkschaft kaufte 1970 ein Haus, ließ es abreißen und ein neues, modernes Verwaltungsgebäude errichten. Dazu eine kleine Pikanterie: Das erworbene Haus stand in unmittelbarer Nachbarschaft jenes Hauses, in dem seine Eltern von 1906 bis 1914 gewohnt hatten. Wie Hans sagt: „Wenn das meine Eltern gewusst hätten! Amazing indeed.“

Nach den bereits genannten Erfolgen im Bereich der Krankenversicherung und Pensionen, konzentrierte sich Hans auf die Gleichberechtigung der Frauen, Rassen und Religionen. Die diesbezüglichen Verhandlungen gestalteten sich jedoch immer schwieriger, und so beschloss er 1980, in Pension zu gehen. Es sei wohl eine seiner besten Entscheidungen gewesen, meint er heute.

Auf seine Karriere in den USA zurückblickend, sagt Hans nicht ohne Stolz: „Viele unserer Landsleute haben es hier in den USA wirtschaftlich sehr weit gebracht. Hauptsächlich im Baugewerbe. Ich benutze das Wort ,ich‘ nicht gerne, aber, ja, meine Laufbahn war erstaunlich. Mit Hingabe, absoluter Ehrlichkeit und Sachlichkeit konnte ich Erfolge für meine Mitglieder erzielen.“

Banater Schwabe mit Leib und Seele

Als er in Pension ging, bot ihm „Interstate Bakeries“, eine der größten Bäckereigesellschaften der USA mit über 10 000 Beschäftigten die Stelle eines Personaldirektors an. Aber Hans entschied sich dagegen. Und warum? „Weil ich dann gegen das arbeiten müsste, wofür ich 25 Jahre gearbeitet habe. Das ging einfach nicht“, lautet seine Antwort. Und er fügt hinzu: „Es ist schön, dass der ,kleene Bäckerlehrbub vun Großjetscha‘ eine wichtige und positive Rolle im Leben von tausenden Familien spielte, was mir eine große Genugtuung gibt. Wenn das deine Großeltern wüssten, würden sie schon stolz auf ihren einstigen Lehrbub sein. Aber: Alle unsere ,Schwoweleit‘ können stolz sein auf das, was sie geschaffen haben, wo immer sie auch landeten!“

Hans Kolleck verlebte zusammen mit seiner Frau Irene von 1980 bis 2006, als sie starb, eine herrliche Zeit. Er konnte nun endlich kürzer treten, sich auch mehr um sich selbst und die Familie kümmern. Auch heute noch liest er viel, er bezieht mehrere Zeitungen und Zeitschriften und verfügt über eine umfangreiche Bibliothek in seinem großen Haus.

Hans wurde aktives Mitglied im Verein der Donauschwaben, wo er noch immer tätig ist und die Verbandsarbeit finanziell unterstützt. Er hilft vor allem den Jugendgruppen, die alte Heimat ihrer Eltern und Großeltern zu besuchen, um dadurch besser verstehen zu können, wo ihre Wurzeln liegen. Und er sagt: „In unserem Verein wissen alle, dass mit Hans Kolleck nur deutsch gesprochen werden kann. Ich sage öfters: ,Du bischt doch a Schwob, red wie dei Motter gred hat.‘ Was leider bei vielen nicht mehr geht. Aber meine Tochter spricht noch das beste Hochdeutsch, auch mein ältester Enkelsohn, die beiden anderen leider nicht mehr.“

Im Rahmen ihrer USA-Tournee hat die Tanzgruppe Singen Cincinnati besucht und traf dort selbstverständlich auch Hans Kolleck. Er ließ es sich nicht nehmen, einige der Großjetschaer Mitglieder der Tanzgruppe zu sich nachhause einzuladen.

Hans hat den Kontakt zu seiner Banater Heimat, speziell zu seiner Heimatgemeinde nie verloren. In allem was er tat, ist er immer der Banater Schwabe geblieben, mit all den Eigenschaften, die dieses Völkchen von Pionieren auszeichnen. Denn die Banater Schwaben waren Pioniere im Verlauf ihrer gesamten Geschichte. Sie konnten zwar die machtpolitischen Entscheidungen, durch welche sie letztendlich ihre Heimat verloren haben, nicht beeinflussen. Aber dennoch haben sie im Banat und überall, wo sie danach auf der Welt lebten und leben, bleibende Eindrücke ihres Fleißes, ihrer Sparsamkeit, ihres Ordnungs- und Familiensinnes, ihrer Heimatverbundenheit und ihres Verantwortungsbewusstseins hinterlassen.