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Banater Post

Die Rumänen kommen

Deutsche Ängste vor einem wenig bekannten Volk. Ein nur mit Mühe verhaltener Aufschrei geht durch die deutschen Lande: Die Rumänen und die Bulgaren kommen! Als hätten es nicht alle schon seit Jahren gewusst, dass der Eingliederung der beiden südosteuropäischen Staaten die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union folgt, ja dass diese die Sinngebung des europäischen Gedankens mitbestimmt. Die Älteren unter uns erinnern sich nur zu gut daran, als der Kontinent von bewachten und versperrten Grenzen unterteilt war, eine der widersinnigsten mitten durch Deutschland lief und Berlin in gegnerische Hälften spaltete. Das alles ist heute bereits Geschichte, noch immer aber gilt, dass die Freiheit stets auch die Freiheit der anderen ist. Das mag seinen Preis haben, aber er kann so hoch nicht sein, um das in Frage stellen zu wollen, was den Kern unserer Gesellschaft darstellt: nämlich Frieden, Freiheit und Wohlstand. Wie dieser Kennwert bewahrt wird und was ihn nachhaltig mindern oder auch nur stören könnte – dazu sind die Meinungen geteilt, und auch das ist letztlich eine Qualität unserer Demokratie. Dabei geht es oft nicht um die Sache an sich, sondern um ihre praktische Umsetzung. So ist auch kaum einer gegen die Freizügigkeit der Rumänen und Bulgaren in den deutschen Arbeistmarkt, was beanstandet wird, ist der befürchtete Missbrauch durch eine spekulative Zuwanderung in die Sozialleistungen – also dass unrechtmäßig und unverdient erhebliche Leistungen beansprucht werden, die vor allem die Kommunen belasten. Hinzu kommen Verstimmungen der Bürger über die vom massiven Zuzug von Armutsflüchtlingen negativ empfundene Veränderung des unmittelbaren Lebensraumes. Die vorteilhafte Aufrechnung perspektivischer Vorteile, die sich rechnerisch aus der Zuwanderung ergeben, wird diejenigen wenig erwärmen, die selbst kaum über die Runden kommen oder seltsame neue Nachbarn hinzunehmen haben.

Wir neigen vorschnell dazu, solche Empfindlichkeiten als rückständig, unchristlich oder fremdenfeindlich zu verurteilen, wobei die lautesten Moralisten in der Regel von den Belastungen am wenigsten betroffen sind. Aber auch die administrative Rechtfertigung, die Grenzen der Belastbarkeit bereits überschritten zu haben, kann nicht als letzte Konsequenz herhalten. Es geht darum, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und zu begegnen, wobei der integrative Charakter durchdachter Maßnahmen von besonderer Bedeutung ist. Auch wenn nicht immer ein Volksentscheid angebracht sein mag, so sind die legislativen Beschlüsse zuletzt dennoch auf die Zustimmung der Bürger angewiesen, ohne diese nicht umsetzbar ist, was als richtig oder doch als unvermeidlich betrachtet wird. Wahltaktische Überlegungen einer Partei zur Zuwanderungsfrage müssen deshalb nicht gleich undemokratisch sein, wenn sie die Belange ihrer Wähler vorweg bedenkt oder zumindest nicht ausgrenzt.

Die Deutschen beunruhigt zur Stunde, dass die Politik zur Freizügigkeit von Rumänen und Bulgaren an dem, was die Kommunen bedrückt, wissentlich vorbeiredet. Es sind vor allem die Roma aus diesen Ländern, die sich, schnell entschlossen, als zuwanderungswillig zeigen, angelockt von den Vorzügen der sozialen Versorgungsmaßnahmen in Deutschland, die sie für sich wahrzunehmen wissen. Eine pauschale negative Kategorisierung ist hier gewiss eben so wenig zulässig wie das Kleinreden aufkommender Bedenken. Es dürfte aber, bei zunehmender Zuwanderung, zunehmend schwierig bleiben, Roma in absehbarer Zeit erwerbsmäßig einzugliedern. Mangelnde Sprachkenntnisse, aber auch die fehlende berufliche Ausbildung verhindern allzu oft die Eigenversorgung der oft vielköpfigen Familie. Gern werfen wir den Herkunftsländern vor, dass die Roma dort Arbeiten zu verrichten gezwungen waren, die sonst keiner machen wollte -genau das aber wird, auch über eine gestreckte Anlaufzeit hinaus, in Deutschland nicht viel anders sein können. Es ist ja nicht so, dass in Rumänien oder Bulgarien nie etwas zur besseren Integration der Roma unternommen worden wäre. Sollten sie dort alles falsch gemacht haben? Auch wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen dazu gering sein mögen, so bietet das gewachsene nachbarschaftliche Verhältnis ausgleichend eine nicht unwesentliche Voraussetzung für die gesellschaftliche Eingliederung.

In meiner Banater Heimat in Rumänien hatte fast jede Gemeinde ihre „Zigeuner-Kolonie“, deren Häuschen und Hütten hinter dem Ortsrand zwanglos hingestreut standen, im Gegensatz zu den strengen Häuserreihen der Bauern. Die Frauen waren Saisonarbeiterinnen in den Weingärten, während die Männer Gelegenheitsarbeiten auf den Höfen verrichteten, eben das, was sonst keiner machen wollte oder worauf sie sich die Roma besser verstanden. Sie waren aber auch die besseren Musikanten, die zu den Festtagen in den Häusern aufspielten und über ein erstaunliches Repertoire verfügten. Sie beneideten die Bauern nicht um ihren Wohlstand, der einen streng geregelten Alltag erforderte. So war es ein friedliches, in gewisser Weise vielleicht sogar gelungenes Zusammenleben, bis im Spätsommer 1944 die Russen unser Dorf besetzten und als erstes den Uhrmacherladen und das Schuhdepot plünderten. Einige unserer „Zigeuner“ bedienten sich mit dem, was die Russen im Schuhladen übrig gelassen hatten, und sollten doch keine Freude daran finden. Eine Woche danach besetzte die SS-Polizeidivision das Dorf und erschoss die „Plünderer“ standrechtlich vor ihren Hütten in der Kolonie, ohne den leisesten Gedanken daran, dass die Beschießung des Dorfes weit größere Schäden verursacht hatte als die unseren Roma zugefallene Nachlese im Schuhladen.

Eine „Banater Regelung“ bietet sich heute im Rheinland, wo ich ansässig geworden bin, allerdings nicht an. Die gesellschaftlichen Strukturen sind anders gelagert, und was im Banat, in Jahrhunderten gewachsen, als Nachbarschaft galt, wird hierzulande mit behördlichen Maßnahmen und Sozial-leistungen so schnell nicht anzugleichen sein. Die schon immer kinderfreudigen Roma im Banat suchten ihre Taufpaten unter den schwäbischen Bauern, was zwar nicht zum verwandtschaftlichen Umgang miteinander führte, aber immerhin eine humane Annäherung begünstigte. Das alles kann heute am Rhein nicht Ziel der kommunalen Eingliederung sein. Hier sind in der Tat neue Ideen gefragt, gepaart mit einem griffigen sozialen Engagement, das bisher nicht gefunden worden ist.

Den Rumänen und Bulgaren wird vorgeworfen, die Abwanderung der Roma in die westlichen Länder durch Diskriminierung und sozialen Notstand zusätzlich zu motivieren. Es ist jedoch das jedem bekannte Wohlstandsgefälle, das in erster Linie die Entscheidung zur Abwanderung und deren Richtung bestimmt. Die berechtigte Forderung zur Verbesserung der Lebensbedingungen im Herkunftsgebiet bleibt, so richtig sie auch sein mag, unwirksam. So lange will keiner auf etwas warten, was ihm woanders schneller zufällt.

Das trifft nicht nur auf die Roma zu, sondern auch auf die Rumänen und Bulgaren selbst, die in den Westen abwandern, jedoch, anders als die Roma aus denselben Ländern, qualifizierte Arbeit suchen und finden. Was der Westen an ihnen gewinnt, wird dem Südosten in absehbarer Zeit fehlen, und so wird heute schon der Vorwurf laut, ihm notwendige Fachkräfte abzuwerben. Hier steht Rechnung gegen Rechnung, wobei die Summen unterm Strich nicht gleichwertig sein können. Auch das ist allerdings im europäischen Zusammenhang zu sehen und zu werten, wobei ein Blick in die jüngste Historie zuträglich sein kann. Der National-Kommunist Ceauşescu kassierte für jeden auswandernden Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen ein lukratives Kopfgeld, das von der Bundesrepublik in harter Währung zu begleichen war. Jeder bekam das, was er wollte, und dennoch wurde der Handel, zu Recht, von der freien Welt geächtet. Nun bewegen sich zwar Geben und Nehmen in der Europäischen Union auf einer anderen Ebene, dennoch bleiben die nationalen Interessen der einzelnen Staaten davon keineswegs unberührt. Die angestrebte Prosperität aller fördert, umgekehrt, geradezu das Konkurrenzverhältnis der Beitrittsländer untereinander, nicht zuletzt in ihrem Bemühen um genehmigte Fördermittel. So diffus die Vorteilssuche auch gehandhabt werden mag, so geschieht sie doch vor dem Hintergrund und in der Verantwortung der Union, ohne die wir in der Weltgemeinschaft versagen müssten. Was die Rumänen und Bulgaren kosten und was sie bringen, erfordert vielleicht eine andere Arithmetik, auf jeden Fall aber die europäische Idee.

Beides sind Staaten, von denen wir uns in Deutschland weit entfernt vorkommen und um die wir uns vielleicht auch am wenigsten kümmern. Sie gelten allgemein als weniger entwickelte Empfängerländer, die mit zu tragen sind und wohl noch lange nicht euro-reif sein werden. Über ihre Kultur, ihre Eigenheiten oder gar über ihre Geschichte sind wir meist nicht in der Lage, uns ein einigermaßen zutreffendes Bild zu machen. Die deutsche Reiselust umgeht weitgehend die beiden Länder an der unteren Donau, auf der zwar die weißen Kreuzfahrtschiffe das Delta ansteuern, aber nur eher verlegen die kleinen Häfen anlaufen. Ins Landesinnere wagen sich vergleichsweise nur Wenige vor.
Abgesehen von den ausgewanderten Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen, die ihre alten Siedlungsgebiete aufsuchen, sind es hauptsächlich westliche Geschäftsleute, die Kontakte knüpfen und ausbauen. Die touristische Zurückhaltung wird mit dem weltweiten Angebot der Branche und der oft mangelhaften Infrastruktur der beiden Donauländer begründet. Mäßig interessiert zeigen sich auch die deutschen Medien, die nur dann ausführlich über Rumänien und Bulgarien informieren, wenn es Sensationelles oder zumindest Spektakuläres zu berichten gibt. Ähnlich reagieren die Volkshochschulen und Sprachschulen, die verständlicherweise nur das anbieten, was nachgefragt wird – und das führt wieder an den Anfang unserer Beanstandung zurück. Auch die rheinländische Redewendung von der „hintersten Walachei“, als Bezeichnung für äußerste Abgelegenheit und Unerreichbarkei, fördert nicht gerade das Interesse für den südöstlichen Donau-raum, wobei die Redewendung doch eher die walachischen Fürstentümer anpeilt, wie sie bis weit ins 19. Jahrhundert bestanden, umlagert, besetzt oder auch umworben von den miteinander rivalisierenden Osmanen, Habsburgern und russischen Zaren. Die überaus günstige territoriale Abrundung des rumänischen Staatsgebietes nach dem Ersten Weltkrieg – im Wesentlichen über den Zweiten Weltkrieg hinweg gerettet – verleiht den Rumänen seither ein größeres politisches Gewicht und festigt ihre Jahrhunderte hindurch von der osmanischen Vorherrschaft beschädigte Selbstwahrnehmung.

Geopolitisch gesehen, treibt Rumänien gemeinsam mit Ungarn einen Keil zwischen die Slawen im Norden und südlich der Donau und hält, trotz wiederholter Versuche, den großen russischen Nachbarn bis heute davon ab, eine strategische Brücke quer durch das Land zu schlagen. Das ordnet den Rumänen in gewisser Weise eine politische Schlüsselfunktion im Südosten zu, die allerdings durch die Einbindung der Südslawen in die Europäische Union heute weitgehend nur noch historischen Charakter hat. Gleichwohl war und bleibt das Verhältnis zu den slawischen Nachbarn akzentuiert, auch wenn dieses die tief empfundene kulturelle westliche Zugehörigkeit in keiner Weise schmälert.

Obwohl sie orthodoxe Christen sind und von den Bulgaren das Kirchenslawisch als Sakralsprache übernommen haben, verwenden die Rumä-nen die lateinische Schrift und verstehen sich als östlicher Eckpunkt der romanischen Völker in Europa. Diese bewusst gepflegte Romanität bindet sie schicksalhaft an das von den lateinischen Völkern mitgestaltete Kerneuropa. Die Kirchenbauten des Landes halten sich zwar an die byzantinischen Vorgaben, doch übernimmt das Bukarest des späten 19. Jahrhunderts den dekorativen Prunk der Pariser Boulevards, und das französische Muster bestimmt seither nachhaltig die Lebenshaltung und Spiritualität der Rumänen. Sie sehen sich dabei keineswegs nur als Nehmer. Bedeutende uns aus der Pariser Kulturwelt bekannte Künstler und Schriftsteller wie der Bildhauer Constantin Bran-cusi, der Komponist und Interpret George Enesco, der Dramatiker Eugen Ionesco und viele andere Zelebritäten an der Seine sind Rumänen, was sich unverkennbar in ihrem künstlerischen Werk äußert. Auch in Wien und Berlin sind sie rühmlich nachweisbar. Die Rumänen kommen nicht nur – sie sind schon lange da und nicht zum Schaden des Abendlandes.

Das verpflichtet freilich nicht, vorhandene Missstände zu übersehen oder Kriterien aufzuweichen, die für die Europäische Union Gültigkeit haben und im Interesse aller einzufordern sind. Besser als Sanktionen erweisen sich diesbezüglich rechtzeitig vorgenommene Korrekturen sowohl in der Wirtschaft als auch innerhalb der Gesellschaft bis hin ins Denken des Einzelnen. Niemand beabsichtigt eine Abkehr von Lebensgewohnheiten oder die Preisgabe von materiellen und geistigen Besitzständen, niemand bestreitet aber auch die Notwendigkeit von Veränderungen in einigen Kernbereichen unserer europäischen Befindlichkeit. Das muss nicht alleinige Aufgabe der Brüsseler Keule sein, denn was zu tun bleibt, kann in nur einer Legislaturperiode nicht abgeleistet werden. Der Südosten wird auf lange Sicht eine europäische Angelegenheit bleiben, was Rumänen und Bulgaren nicht vorweg aus der Verantwortung ausschließt. Der geforderte Wandel im Südosten mag auf sich warten lassen – aus dem Katalog zu streichen ist er nicht. Es fehlt übrigens nicht an gesellschaftskritischen Stimmen in Bukarest, die zur mentalen Ankunft in einer globalen Welt aufrufen, die den Blick ausschließlich nach innen zu lenken nicht zulässt. Vor allem die jungen Historiker fordern in ihren Studien zum Nachdenken und zum Umdenken heraus, zu einer neuen und notwendigen Selbstwahrnehmung jenseits der alten Mythen. „Warum ist Rumänien anders?“ fragt der Historiker Lucian Boia bereits im Titel seines 2013 in zweiter Auflage erschienenen Buches, in dem er das überbetonte nationale Heldentum, die proklamierte Romanität und selbst die als unantastbar geltende Genialität des Dichters Mihail Eminescu im europäischen Kontext betrachtet und damit auf den ersten Blick abzuwerten scheint – wie ihm von einer aufgebrachten Öffentlichkeit vorgehalten wird. Die ungewöhnlich schnelle Verbreitung des Buches weist indessen auf die Bereitschaft weiter Kreise hin, die Dinge so zu sehen wie sie sind, und nicht so, wie sie die nationale Eitelkeit darzustellen bemüht war. Dem Autor geht es um die dringend notwendige Bereitschaft der Rumänen einzusehen, dass die Ursache für ihren weit abgeschlagenen Platz in der Reihe der europäischen Völker nicht zuletzt hausgemacht ist. Wer sich aber am Ende befindet, hat die besten Aussichten, auch dort zu bleiben, befindet der Autor. Die den Rumänen nachgesagte besondere Fähigkeit, schwierige Lagen schlitzohrig zu überwinden, wird für das Aufrücken auf der europäischen Bewertungsskala nicht ausreichen. Das zu vermitteln muss nicht vorrangig die Aufgabe einer Troika europäischer Experten sein. Eine bessere oder doch erste Wirkung kann von den rumänischen Gesellschaftswissenschaftlern ausgehen. Auch wenn sie die Wirtschaft nicht ruckartig voran zu bringen in der Lage sein werden, können sie doch erheblich dazu beitragen, in eine Realität zu finden, in der zu viele noch nicht angekommen sind.

Es gibt gute Gründe für die Verbreitung von Lucian Boias Buch über Rumänien. Es mag nicht alles unanfechtbar sein, was es vorbringt, aber man weiß auch, dass nicht alles, was bestritten wird, jeder Grundlage entbehrt.