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Banater Post

Nationale Abgrenzung und interethnischer Austausch (1)

Die römisch-katholischen Kirchen in Warjasch und im Bulgarendorf Altbeschenowa, die rumänisch-orthodoxe in Knees und die serbisch-orthodoxe Kirche in Ketfel. Das Formengut des österreichischen Spätbarocks hat die Bauweise der katholischen Kirchen im Banat bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt, bei Rumänen und Serben ist dieser Einfluss im ländlichen Bereich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein sichtbar. Vereinheitlichend wirkte sich dabei insbesondere der Einsatz deutscher Handwerker im Dorfkirchenbau aller Banater Ethnien aus. Fotos: Walther Konschitzky

Bei dieser Untersuchung zu den interkulturellen und interethnischen Beziehungen im Banat stehen die Banater Schwaben im Vordergrund, doch ihre Lage wird durch den Vergleich mit anderen donauschwäbischen Siedlungsgebieten besser verständlich. Die Untersuchung geht aus vom aktualisierten Kapitel 13: „Nationale Abgrenzung und interethnischer Austausch“ des Bandes „Donauschwäbische Lebensformen an der Mittleren Donau. Interethnisches Zusammenleben und Perspektiven“ von Hans Gehl (N. G. Elwert Verlag, Marburg 2003, S. 259-267).

Nun zum Beginn unserer 250-jährigen Siedlungeschichte. Zur Zeit der Ansiedlung der Donauschwaben herrschte verständliches Misstrauen zwischen den neuen Dorfbewohnern und der alteingesessenen Bevölkerung der Nachbargemeinde bzw. des alten Dorfteils, wenn die Siedler in den neuen Dorfteil einzogen. Genährt wurde diese Verständnislosigkeit und feindselige Einstellung durch die mangelnde sprachliche Kontaktmöglichkeit und die stark abweichenden Lebens- und Wirtschaftsweisen. Falls sich die deutschen Bauern bei der Banater Landesadministration beklagten, dass die Rumänen oder Serben ihr Vieh unbeaufsichtigt in ihren Gärten und Feldern streunen ließen, kam es schon mal vor, dass diese „Nationalisten“ in Dörfer mit vorwiegender Viehzucht und extensivem Ackerbau umgesiedelt wurden – ein Grund zu Hass und Zwietracht. Interethnische und interkonfessionelle Ehen sind bis ins 20. Jahrhundert wegen der großen mentalen Unterschiede eher eine Seltenheit, und der eingeheiratete Partner musste sich der Mehrheitsgruppe anpassen. Um späteren Schwierigkeiten vorzubeugen und den wirtschaftlichen Start der deutschen Ansiedler zu erleichtern, legten die kaiserlichen Beamten in der zweiten Siedlungsperiode (1763-1772) vorzugsweise neue deutsche Gemeinden an, in denen Vertreter anderer Volksgruppen in geringer Zahl, vor allem nur als Knechte und Viehhüter, aufgenommen wurden.

Nebeneinander der Ethnien

Aus den Quellen über das Zusammenleben der Sathmarer Schwaben mit anderen Nationalitäten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geht hervor, dass die verschiedenen Ethnien nicht miteinander, sondern nebeneinander gelebt haben. Nach Ernst Hauler kamen Mischehen zwischen Schwaben und anderen Volksangehörigen nur vereinzelt vor. So wurden in Kaplau bis 1870 110 Mischehen verzeichnet. Da die Ungarn nicht die deutsche Sprache erlernen wollten, mussten die Schwaben ungarisch lernen, um sich ihnen zu nähern und gingen im Ungarntum auf. Allerdings war es auch anders möglich: In Terebesch nahmen die Schwaben den fremden Partner in ihrem Kulturkreis auf. Je mehr die deutsche Sprache im 20. Jahrhundert verdrängt wurde, umso mehr nahmen die Mischehen zu. Nach 1927 wurden innerhalb von zehn Jahren im Bezirk Großkarol 112 Ehen zwischen Rumänen und Schwaben geschlossen. Schließlich verloren viele Bewohner des Kreises Sathmar ihr ethnisches Bewusstsein völlig unter der kommunistischen Herrschaft durch die Landflucht und unter dem Einfluss der verordneten „Verbrüderung“ der Nationalitäten Rumäniens. (Ernst Hauler: Das Minderheitenschicksal der Sathmarschwaben, in: Hans Gehl / Viorel Ciubotă: Interethnische Beziehungen im rumänisch-ungarisch-ukrainischen Kontaktraum vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Tübingen 1999, S. 254-256).

Während die verbliebenen (und wieder heimgekehrten) Ungarndeutschen nach 1945 bewusst in ungarische Dörfer oder Städte zersiedelt wurden und die kleinen Splittergruppen in Jugoslawien sowieso in der Mehrheitsbevölkerung untergingen, kamen im Banat gebietsfremde rumänische Kolonisten in die deutschen Bauernhäuser, übernahmen durch die Agrarreform das gesamte landwirtschaftliche Inventar und die Zugtiere, so dass Reibereien und tätliche Auseinandersetzungen keine Seltenheit waren, bis 1956 die Deutschen ihre enteigneten Häuser zurückerhielten und die Zuwanderer auf eigenen Grundstücken am Gemeinderand „neue Dörfer“ anlegten. In Ungarn und auch bei den Sathmarer Schwaben war die Assimilierung der Deutschen nach Kriegsende schon weit gediehen, was der Unterdrückungspolitik beider Staaten entgegenkam. Im Banat wurden der deutsche Unterricht und die Kulturinstitutionen der Deutschen und der anderen Minderheiten zwar aufrechterhalten, doch ohne Landbesitz war die Dorfgemeinschaft nicht mehr lebensfähig. Die Jugend wanderte zum Großteil in die städtische Industrie ab. Die deutschen Minderheiten konnten dem Druck der zugewanderten Rumänen und anderer Ethnien nicht standhalten, und durch die große Aussiedlungswelle nach 1989 lösten sich die deutschen Siedlungen bis auf untergehende Splittergruppen auf, die immer weniger in der Lage sind, ihre Muttersprache zu erhalten.

Neben den unübersehbaren nationalen und konfessionellen Barrieren zwischen den im mittleren Südosteuropa zusammen bzw. nebeneinander lebenden Ethnien ergaben sich im Lebensalltag auch zahlreiche Situationen, in denen gute Nachbarschaft unerlässlich war. Vertreter verschiedener Ethnien gingen aufeinander zu, akzeptierten die Verschiedenheit des anderen und schufen die Voraussetzungen für Verständigung und für sprachliche, kulturelle und wirtschaftliche Interferenzen, was schließlich zu einer Annäherung der Lebensweise führte. Nicht umsonst wurde Temeswar in österreichischer Zeit Klein-Wien genannt. Der jahrhundertelange Kontakt mit der deutschen Bevölkerung hat die Architektur, Küche und Lebensweise etwa der Banater rumänischen, ungarischen und serbischen Bevölkerung so stark geprägt, dass man gerade heute, nach der Aussiedlung der meisten Deutschen, der Temeswarer rumänischen Bevölkerung aus der Sicht der Landeshauptstadt Bukarest vorwirft, sie wären eine Art „deutsche Rumänen“ und würden näher zu Europa als zu den Rumänen des Altreichs stehen. Die Temeswarer halten dagegen, dass ihnen der österreichisch-deutsche Einfluss einen Zivilisationsstand beschert habe, der sich im Verständnis zwischen den verschiedenen Volksgruppen äußert (dieses findet seinen Ausdruck in bezeichnenden Begriffen wie lanţman für ‚Banater Landsmann, d. h. Einzelpersonen und Stammesgruppen aus demselben Wohngebiet’, pauăr ‚Bauer’ und maistur ‚Meister’ mit positiver Konnotation sowie prieteni ‚befreundete Familien’). Dazu zählt auch die gefüllte „Speis(ekammer)“ ebenso wie Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß und Verlässlichkeit. Die meisten Banater Rumänen (nicht so die kürzlich zugewanderten) beklagen denn Auszug der Deutschen und Juden, die das besondere Erscheinungsbild des Banats mitgeformt hatten. Man sagt: Die Deutschen verließen das Land und nahmen dessen Reichtum in ihren leeren Händen mit.

Gegenseitige Beeinflussung

In gemischtsprachigen Gebieten kommt es zu einem ständigen Geben und Nehmen, das nach Richtung und Intensität verschieden ausgeprägt sein kann. Die gegenseitige Beeinflussung, die Interferenzen führen zur Übernahme von Trachtenstücken und Bauweisen, Speisen, volksheilkundichen Praktiken und Gebräuchen, Werkzeugen und Arbeitsweisen. Ingeborg Weber-Kellermann merkt dazu im Vorwort einer Studie über das mehrsprachige Banater Dorf Kleinbetschkerek an: „Die Erforschung deutscher Minderheiten im traditionellen volkskundlichen Sinne war zumeist gekoppelt mit der Feststellung von Nationalcharakteren im Geiste eines hierarchischen Schemas, bei dem ganz selbstverständlich die Deutschen an erster Stelle standen. Dieses statische Modell der Sprachinsel und die damit verbundenen nationalen Klischees gilt es abzubauen und stattdessen das reale dynamische Modell von Prozessen anzuerkennen, in denen sich der Wandel von Minderheitengruppen und ihrem Umweltverhältnis vollzieht.“ (Annemie Schenk / Ingeborg Weber-Kellermann: Interethnik und sozialer Wandel in einem mehrsprachigen Dorf des rumänischen Banats, Marburg/Lahn 1973, S. 1) Das gilt für jedes interethnische Zusammenleben.

Die wichtigsten Berührungspunkte gab es zwischen den Donauschwaben und dem jeweiligen Staatsvolk, also den Ungarn, Rumänen, Serben und Kroaten. Kleinere Ethnien im Umfeld fielen weniger ins Gewicht und wurden auch seltener beschrieben. Als Beispiel kann die „Chronik der Heidegemeinde Billed im Banat“ angeführt werden, die den Juden und den Zigeunern eigene Kapitel widmet. Wir lesen hier zum Beispiel von den „Juden als unsere Nachbarn und Schulkameraden“, dass die ersten „israelitischen Ansiedler“ schon unter Kaiser Karl VI. aus Spanien ins Banat kamen, während in der Festung Temeswar jüdische Familien aus der Türkenzeit  zurückgeblieben waren. Später ließen sich die Neuankömmlinge in den deutschen Siedlungen nieder, weil sie sich hier sprachlich und kulturell angesprochen fühlten. Über die Juden in Billed gibt es kein Quellenmaterial, und erst im Jahre 1837, 72 Jahre nach der Ansiedlung der Gemeinde, geht aus einem Visitationsbericht des Bischofs Lonovics hervor, dass in der Pfarre Billed neben 3218 (deutschen) Katholiken auch 28 Juden lebten. Laut einer Beschreibung aus den Jahren 1859-1860 gab es damals 26 Juden im Ort, die zumeist Handel trieben. Es bestand neben dem Sauerländer-katholischen auch ein jüdischer Friedhof. Der Verfasser des Beitrags, Hans Braun, hatte vor dem Zweiten Weltkrieg jüdische Kollegen in der Dorfschule. Ihre Eltern waren Industrielle, Kaufleute und Rechtsanwälte, die zur wirtschaftlichen Entwicklung von Billed beigetragen hatten. Viele jüdische Kinder besuchten Mittel- und Hochschulen. Gegenseitige Achtung und Toleranz ermöglichten ein harmonisches Zusammen-
leben mit den Mitbürgern anderer Nationalitäten und Konfessionen. Nach 1945 wanderten einige Juden nach Israel aus.

Gleich den Juden waren die Zigeuner zur Zeit der Habsburger nur geduldet und mussten ein Kopfgeld bezahlen. Dieses betrug im Jahre 1734, nach einem Bericht von Graf Hamilton, fünf Gulden. Damals lebten etwa 200 Zigeunerfamilien im Banat. Sie lebten sehr genügsam, machten sich durch Schmiede- und Schlosserarbeiten unentbehrlich und wurden auch im Berg- und Hüttenwesen eingesetzt. Kaiser Joseph II. wollte sie – vergeblich – sesshaft machen. In Billed – wie auch in vielen anderen Gemeinden – lebte eine Anzahl Zigeuner in armen Hütten am Dorfrand. Sie verrichteten schlechtbezahlte Arbeiten als Viehhüter, Abdecker oder gelegentliche landwirtschaftliche Hilfsarbeiter und erwarben sich häufig ein Zubrot durch Betteln oder durch Weissagen der Zukunft, aber auch durch Glückwünschen zu Neujahr und an großen Festen, an denen in den schwäbischen Dörfern kein Bittsteller abgewiesen wurde. Alle abgehärteten Zigeuner waren genügsam und häufig Analphabeten. Sie spielten nach dem Gehör jede Melodie und nahmen die Dialekte ihrer Umgebung an. (Franz Klein: Billed. Chronik einer Heidegemeinde im Banat in Quellen und Dokumenten 1765-1980, Wien 1980, S. 432-436). Heute hat sich die Anzahl der Roma in ganz Osteuropa stark vermehrt.

Auch Ernst Hauler beschreibt das Zusammenleben der Sathmarer Schwaben mit Juden und Zigeunern. Nach ihm lebten Juden in kleineren Gruppen in den Schwabensiedlungen entlang der Karpatenausläufer. Sie führten einen Kaufladen, betrieben eine Schusterei oder Schneiderei, andere handelten in den Ortschaften mit Lumpen, Tierhäuten und Federn. Sie erlernten schnell den schwäbischen Dialekt, waren gesellig, hatten viele Kinder und wurden akzeptiert. Es kamen gegenseitige Heiraten vor, so dass heute Sathmarschwäbinnen auch in Israel wohnen. Im Frühjahr 1944 wurden die Juden nach Auschwitz verschleppt, von wo 50 Prozent zurückkehrten, doch bald weiterzogen. Die Sathmarer Juden vertraten den Chassidismus, eine strenge ostjüdische religiöse Bewegung. Von weltweit 150.000 „Satmar“ – so heißen die aus dem Sathmarer Gebiet stammenden Chassidim (die Frommen) – leben heute allein 40.000 im New Yorker Stadtteil Williamsburg. (Ernst Hauler: a.a.O., S. 252 f.)