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Banater Post

226.000 Deutschen aus Rumänien zur Freiheit verholfen

Die Laudatio zu Ehren von Dr. Heinz Günther Hüsch hielt der Journalist Ernst Meinhardt. Foto: BP

Zweiundzwanzig Jahre in geheimer Mission: Dr. Heinz Günther Hüsch erinnerte in seiner Dankesrede an den „Kampf der Worte, der Argumente und auch des Geldes“, den er von 1968 bis 1989 mit der rumänischen Seite ausfocht, um 226.000 Deutschen aus Rumänien das Tor zur Freiheit zu öffnen. Foto: Karin Bohnenschuh

Laudatio aus Anlass der Verleihung der Prinz-Eugen-Nadel an Dr. Heinz Günther Hüsch, gehalten von Ernst Meinhardt

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste und Gastgeber unseres Ulmer Heimattags, liebe Banater Landsleute!

Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie in Deutschland angekommen sind? „Was für eine Frage!“, denken jetzt sicher viele der hier anwesenden Banater Schwaben. „Es war der Tag, auf den wir fünf, zehn, zwanzig Jahre – oder noch länger gewartet haben.“

„Die Ausreise“. Spätestens ab den 1960-er Jahren war sie unter den
Banater Schwaben in aller Munde. „Hast du schon eingereicht?“ war ein geflügeltes Wort. Nach welchem Prinzip die Behörden in Bukarest, in
Temeswar, in Arad, in Reschitza Ausreisen genehmigten oder ablehnten, das wissen wir bis heute nicht. Es bleibt ein Auftrag an die Forschung, es herauszufinden.

Was wir aber sicher wissen, ist: Ohne das Engagement, ohne das Beharren der Bundesrepublik Deutschland hätte es keine Ausreise aus Rumänien gegeben. Der Mann, bei dem alle Fäden zusammenliefen, ist heute unter uns: der Rechtsanwalt und langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Heinz Günther Hüsch. Fast ein Vierteljahrhundert lang war er derjenige, der mit der rumänischen Seite darüber verhandelte, dass Rumäniendeutsche ausreisen durften. Bonner Regierungen kamen und gingen. Dr. Hüsch aber blieb in all den Jahren alleiniger bundesdeutscher Verhandlungsführer, weil ihm alle Bundesregierungen – egal ob CDU- oder SPD-geführt – uneingeschränkt vertrauten. Kann es ein größeres politisches Kompliment geben?

Als Dr. Hüsch im Januar 1968 von der Bundesregierung offiziell den Auftrag erhielt, mit Rumänien über die Familienzusammenführung zu verhandeln, war er 38 Jahre alt. Zu dem Zeitpunkt war er Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen und Chef einer angesehenen, gut gehenden Anwaltskanzlei in Neuss am Rhein. Es gehörte eine Menge Mut dazu, den Auftrag der Bundesregierung anzunehmen. Sein direkter Ansprechpartner, Gerd Lemmer, Staatssekretär im damaligen Bundesministerium für Vertriebene, sagte ihm klipp und klar: „Sollte die Sache schief gehen – ich weiß von nichts und werde alles abstreiten.“

Das Risiko war so groß, weil die bundesdeutsche Seite nicht wusste, mit wem sie es auf rumänischer Seite zu tun hatte. Erst zu Beginn der 1970-er Jahre war klar, wer die Männer waren, die Dr. Hüsch am Verhandlungstisch gegenübersaßen, sich mit falschen Namen vorstellten und mit Titeln wie „Direktor“, „Staatsrat“ oder „Ministerialrat“ schmückten: Es waren Offiziere des Geheimdienstes Securitate, die mit Rückendeckung von ganz oben handelten.

Dr. Hüsch macht keinen Hehl daraus, dass er lieber in Deutschland oder einer westeuropäischen Hauptstadt verhandelte. In Rumänien wurde alles abgehört. Seltsame Geräusche in seinem Bukarester Hotelzimmer waren ein untrügliches Zeichen dafür, dass irgendwo Abhörwanzen versteckt waren. Immer wieder hat die Securitate versucht, ihren bundesdeutschen Verhandlungspartner in kompromittierende Situationen zu manövrieren. Dr. Hüsch wehrte sie ab mit dem Konzept: „Die Securitate muss an meinem Wohlergehen ein Interesse haben. Sie muss mich heil nach Hause kommen lassen, sonst bekommt sie kein Geld. Darauf war sie doch erpicht. Sie wollte doch die Millionen.“

In den Verhandlungen, besonders in der Anfangsphase, musste sich Dr. Hüsch wiederholt einen ruppigen, ungehobelten, pöbelnden, rüden, rüpelhaften Ton gefallen lassen. Irgendwann wurde es so schlimm, dass sein Auftraggeber auf deutscher Seite ernsthaft mit dem Gedanken spielte, die Gespräche abzubrechen. Dr. Hüsch verhinderte dies mit der für ihn so typischen Einstellung: „Erstens bin ich Rheinländer. Wir sind durch nichts zu erschüttern. Zweitens geht es nicht um mich. Es geht um die Deutschen in Rumänien. Wollen wir wegen einer Empfindlichkeit, die bei mir nicht vorliegt, die vielleicht im Selbstbewusstsein einer deutschen Behörde vorhanden ist, wollen wir deswegen Menschenschicksale aufs Spiel setzen?“ Welch eine Bescheidenheit und damit zugleich menschliche Größe spricht aus einer solchen Haltung!

In den mehr als 20 Jahren, die Dr. Hüsch bundesdeutscher Verhandlungsführer war, hat er mit der rumänischen Seite insgesamt sechs Ausreisevereinbarungen geschlossen. Dass sie geheim bleiben mussten, war eine rumänische Kernforderung. Durch diese Vereinbarungen konnten bis Ende 1989 fast eine Viertelmillion Deutsche aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Wie alles hatte auch das seinen Preis. Für die ausgereisten Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen flossen deutlich mehr als eine Milliarde
D-Mark von Bonn nach Bukarest.

Dr. Hüsch kümmerte sich aber nicht nur um diejenigen Deutschen, die aus Rumänien ausreisen wollten. Seine Sorge galt auch denjenigen, die nicht ausreisen wollten oder konnten. In geringerem Umfang ist es ihm gelungen, ihnen Hilfe zukommen zu lassen. Beispielsweise dadurch, dass er erreichte, dass Hilfspakete wieder ins Land gelassen wurden. Die großen Hilfsangebote, die Dr. Hüsch seinen rumänischen Verhandlungspartnern unterbreitete, wurden aber rundweg abgelehnt. In dem einzigen Gespräch, das er Ende der 1980-er Jahre mit Nicolae Ceauşescu in Bukarest führte, sagte der damalige Staats- und Parteichef, Rumänien brauche keine Hilfe. Es sei aber seinerseits bereit, den hungernden Bergleuten im Ruhrgebiet Hilfspakete zu schicken.

In Anlehnung an den Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR werden auch Dr. Hüschs Ausreisevereinbarungen mit der rumänischen Seite als „Freikauf“ bezeichnet. Dr. Hüsch mag diesen Begriff nicht. Es habe sich bei seinen Bemühungen um Kauf von Freiheit und Entlassung in die Freiheit gehandelt. „Es war eine große humanitäre Aktion, nicht um Personen zu kaufen, sondern um solchen, die in Unfreiheit lebten, die Freiheit zu ermöglichen – angesichts der damaligen Bedingungen im Ostblock und besonders in Rumänien.“

Was Unfreiheit heißt, hat Dr. Hüsch als Jugendlicher leidvoll erfahren. In der Nazi-Zeit wurde er von Altersgenossen verprügelt, weil er, statt zu Treffen der Hitlerjugend zu gehen, in der katholischen Kirche als Ministrant diente. Mit einem Augenzwinkern, das für Rheinländer wie ihn so typisch ist, sagt er, er sei zwar kein guter Katholik, aber ein überzeugter.

Was ihn letztlich angetrieben hat, sich fast ein Vierteljahrhundert lang für die Rumäniendeutschen einzusetzen, ist sein Glaube. „Ich war und bin der festen Überzeugung“, sagt Dr. Hüsch, „dass es ein christliches Werk ist, Gefangene zu befreien. Die Rumäniendeutschen habe ich als politische Gefangene betrachtet, als Menschen, die aus politischen Gründen festgehalten wurden. Für mich ist die Bergpredigt Orientierung in diesem Punkt und die christliche Lehre, anderen gegenüber barmherzig zu sein.“

Seit 2011 ist in Temeswar, der Hauptstadt des Banats, der 18. Oktober ein lokaler Gedenktag. Mit Umzügen und Kulturveranstaltungen wird daran erinnert, dass Prinz Eugen von Savoyen, der berühmte Feldherr des Hauses Österreich, am 18. Oktober 1716 im Triumphzug in die Festung Temeswar einzog und die Stadt und das ganze Banat von einer über 150-jährigen osmanischen Herrschaft befreite.

So wie Prinz Eugen das Banat befreite, so brachten die Vereinbarungen, die Dr. Hüsch mit der rumänischen Seite traf, vielen Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen die Freiheit. Statt in einem kommunistischen Staat leben zu müssen, durften sie in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Sie tauschten damit Diktatur gegen Demokratie, Mangelwirtschaft gegen Wohlstand, Willkür gegen Rechtsstaatlichkeit, Gleichschaltung gegen Meinungsvielfalt, Unterdrückung gegen Freiheit.

Für seine Verdienste um die Banater Schwaben wird Herr Dr. Heinz Günther Hüsch deswegen mit der Prinz-Eugen-Nadel ausgezeichnet. Sie ist die höchste Auszeichnung, die wir Banater Schwaben vergeben. Seit es sie gibt, wurden gerade mal ein Dutzend verdiente Bürger damit geehrt. Herr Dr. Hüsch, danke für alles, was Sie für uns getan haben, und herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung!