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Banater Post

Vor 70 Jahren: Fünf deutsche Jugendliche zu Unrecht malträtiert

Die kommunistische Parteizeitung „Scânteia“ verkündet das vorläufige Wahlergebnis und titelt „Das rumänische Volk hat für Frieden, Wohlstand und Fortschritt gewählt!“. Quelle: www.cristoiublog.ro

Wahlplakate der kommunistisch dominierten Volksdemokratischen Front mit dem Aufruf „Votaţi soarele“ Quelle: www.okazii.ro

Es war im Frühjahr 1948, als wir, fünf Neusiedler Jugendliche, unschuldig von den willkürlichen Repressalien der örtlichen Kommunistischen Partei betroffen waren. Die beiden 15-jährigen Schüler der 7. Volksschulklasse Josef Engelmann und Josef Tittel sowie ihre zwei Jahre älteren Freunde Johann Goschy, Adam und Johann Schimmel wollten in der Karwoche, Mittwoch gegen Abend, neben dem Elternhaus von Josef Engelmann in der Nebenstraße „Werfballe“ spielen.

Nach dem Sturz von König Michael I. Ende 1947 und der Selbstauflösung der im November 1946 gewählten Abgeordnetenkammer waren für den 28. März 1948 – es war Ostersonntag, wobei in jenem Jahr das orthodoxe und das katholische Osterfest zusammenfielen – Wahlen für die Große Nationalversammlung angesetzt. So sollte fortan das Parlament des kommunistischen Staates heißen. Die tonangebenden Kommunisten hatten mit den ihnen hörigen Blockparteien die Volksdemokratische Front (Frontul Demo-craţiei Populare) gebildet, deren Wahlsymbol die Sonne war. Die
Opposition war faktisch ausgelöscht, doch um den demokratischen Schein zu wahren, wurden zwei oppositionelle Splitterparteien zugelassen. Schon im Februar wurden Wahlplakate an den Hauswänden und Zäunen angebracht. Unübersehbar waren jene mit dem Aufruf: „Votaţi soarele!“, also „Wählt die Sonne!“. Infolge der schlechten Witterung – viel Regen und stürmische Winde – wurden viele Plakate weggeweht, zum Teil bis auf die Felder. Einige wenige blieben zerfetzt, oft nur an einer Ecke hängend, zurück.

Ins Visier des Parteisekretärs geraten

Da beim „Werfballe“ immer nur zwei Teilnehmer gegeneinander spielten, beschlossen die anderen, um der Langeweile zu entgehen, um die Wette zu laufen. So liefen Josef Engelmann und Johann Schimmel in die gegenüberliegende Nebenstraße, wo aus dem Elternhaus von Nikolaus Kowatsch Grammophonmusik erklang. Auf dem Rückweg liefen sie wieder um die Wette bis zum Tiefbrunnen auf dem Eckgrundstück von Wolz-Wagner. Dort stillten sie ihren Durst, zuerst Engelmann, dann Schimmel. Ersterer wartete zunächst an der Ecke, lief dann aber über die Straße zu den anderen, Johann Schimmel folgte nach. Inzwischen kam aus dem Hause Wolz von einem Gespräch mit den dortigen Kolonisten der kommunistische Parteisekretär Ion Buda. Als er ein abgerissenes Plakat an der Ecke sah, kam er hinüber zu uns fünf Buben und wollte wissen, warum wir das Plakat abgerissen hätten. Wir beteuerten unsere Unschuld. Buda bestand aber auf seiner Beschuldigung und wir mussten ihm ins Neusiedler Gemeindehaus folgen. Dort befanden sich zwei rumänische Nachtwächter, von denen einer auf Anordnung des Parteisekretärs den Lehrer Ilie Maginta herbeirufen musste.

Lehrer Maginta unterrichtete ab dem Schuljahr 1947/48 als zweiter Lehrer an der Schule die Klassen
1-4. Der Schuldirektor Petru Radu unterrichtete die Klassen 5-7. Maginta kam aus Jugoslawien, beherrschte die rumänische Sprache gut, die deutsche Sprache aber nur sehr mangelhaft. Trotzdem wurde er auch von den Eltern der deutschen Kinder unterstützt, als eine Unterschriftenliste für seinen Verbleib im Schuldienst beim Schulinspektorat in Temeswar eingereicht wurde. Da in Jugoslawien die Kommunistische Partei unter Tito die Staatsmacht ausübte, war dies ein Vorbild für die
rumänischen Kommunisten und Maginta diente ihnen als Berater. Es stellte sich heraus, dass er sehr deutschfeindlich eingestellt war. Nach kurzer Zeit verschwand er aus Neusiedel. Angeblich sei festgestellt worden, dass er ein serbischer Agent war. Es hieß, er sei nach Jugoslawien geflohen.

Brutale Verhörmethoden der Gendarmerie

Maginta verständigte telefonisch die Gendarmerie in Alexanderhausen. Von dort kam ein Gendarm und beauftragte die beiden Nachtwächter, uns noch in dieser Nacht nach Alexanderhausen zu bringen. Dort wurden wir in den Arrest gesteckt. Da in dieser Nacht in einem Haus in Alexanderhausen Feuer ausgebrochen ist, war die Gendarmerie mit diesem Brand beschäftigt.

Am nächsten Vormittag wurden wir verhört. Dabei wurden wir geohrfeigt und unsere Finger in die
Türe gequetscht. Danach mussten wir ein Protokoll unterschreiben, in dem stand, dass wir ein Wahlplakat abgerissen hätten. Jung, unerfahren und aus Angst wagten wir nicht, dies zu verweigern. Am Donnerstagnachmittag musste die Gemeinde Neusiedel ein Pferdefuhrwerk stellen, um uns, in Begleitung eines Gendarmen, nach Lovrin zur dortigen Gendarmerie zu bringen. Zufällig war der Fuhrmann Johann Goschys Vater. Vorne, neben ihm, saß Josef Engelmann. Hinter den beiden hatten die Zwillingsbrüder Schimmel Platz genommen, ganz hinten saßen Josef Tittel, der Gendarm und  Johann Goschy. Der Gendarm mahnte uns, sein Gewehr sei geladen und wenn jemand von uns weglaufen würde, dann würde er schießen. Josef Tittel wollte sich versichern, ob er das Gewehr wirklich mit Patronen geladen hatte und nahm mit einer flinken Bewegung den Verschluss aus dem
Gewehr heraus. Nun bekam der Gendarm es mit der Angst zu tun, denn auf der elf Kilometer langen Strecke bis Lovrin hätten wir leicht weglaufen können. Bis Lovrin sprach er sehr höflich mit uns, dann bekam er den Verschluss zurück. Zur Strafe musste Josef Tittel den Hühnerstall und den Hof der Gendarmerie in Lovrin reinigen. Den anderen vier Jungen wurde aufgetragen, den Keller zu reinigen.

Während der Nacht wurde noch ein älterer Mann, Nikolaus Gehl, der mit dem Richter in Billed gerauft hatte, zu uns eingesperrt. Er sagte uns, dass wir alle nach Großsanktnikolaus zur Kreis-Sicherheitspolizei gebracht würden. Dort würden wir so lange geschlagen, bis wir die Tat gestehen.

Sicherheitspolizei erzwingt Geständnis

Am Freitag wurden wir mit der Eisenbahn nach Triebswetter gebracht und von der dortigen Gendarmerie auch eine Nacht in deren Keller eingesperrt. Ein Gendarm führte uns am Karsamstag, ebenfalls mit der Eisenbahn, nach Großsanktnikolaus und übergab uns der Kreis-Sicherheitspolizei. Wir kamen in einen Raum, in dem sich schon einige rumänische Jungen aus Walkan (Vălcani) befanden. Einer von ihnen fragte: „Was habt ihr gemacht?“ „Nichts“, antworteten wir. Daraufhin meinte ein anderer dieser Jungen: „Ihr sagt nach dem Verhör was eure Großmutter vor drei Jahren gekocht hat, auch wenn ihr sie gar nicht mehr gekannt habt.“ Wir sahen also die Warnung von Nikolaus Gehl bestätigt und wussten, worauf wir uns gefasst machen müssen.

Wir wurden dann alle in einen anderen Raum gebracht und in der Nacht einzeln zum Verhör geholt. Zuerst wurden wir mit einem harten Stock auf die Hände geschlagen und nachher bekamen wir mit einem Gummiknüppel, so wie beim rumänischen Militär die Soldaten traktiert wurden, 25 Hiebe auf den Hintern. Die Haut wurde schwarz und blau und platzte an manchen Stellen auf. Man konnte nicht sitzen vor Schmerzen und die Hände zitterten.

Als in der zweiten Runde als erster Josef Engelmann 25 Hiebe mit dem Gummiknüppel verpasst bekam, gestand er, das Wahlplakat, welches nur noch an einer Ecke hing, abgerissen zu haben, und beteuerte, dass seine vier Kameraden davon nichts mitbekommen hätten. Wir hatten das so untereinander vereinbart.

Tagsüber mussten wir dann Holz spalten, in den Keller tragen und aufsetzen.

Ostertage im Arrest verbracht

Am Ostersonntag schickte der katholische Pfarrer von Großsanktnikolaus für die eingesperrten Menschen Essen, eine Suppe mit Knödeln. Es sei die beste Suppe gewesen, die er jemals im Leben gegessen habe, so der 85-jährige Josef Tittel heute.

Am gleichen Tag wurde Johann Goschy zu einem Polizeibeamten gerufen, der unter vier Augen zu ihm sagte: „Verständige deinen Vater, dass er ein kleines Osterpaket mit Schweineschinken, Geld und einem Liter Schnaps hierher bringen soll, dann werdet ihr am Ostermontag, nach den Wahlen, freikommen.“

Von den Eltern der Geschwister Schimmel wurde ein Schweineschinken gespendet, von den anderen
Eltern Geld und ein Liter Schnaps. Johann Goschys Vater brachte die Sachen nach Großsanktnikolaus und dieser versteckte das Geld im Keller zwischen zwei Ziegeln, den Schinken und den Schnaps stellte er in einer Ecke ab.

Am Ostermontag in der Früh sagte ein Polizeibeamter zu uns: „Ihr spielt nun ein Spiel und zwar jeweils zu zweit. Der eine muss versuchen, mit einem Streichholz nasses Holz im Ofen anzünden. Sollte ihm dies nicht gelingen, bekommt er von dem anderen eine Ohrfeige.“ Johann Goschy und Josef Tittel kamen als erste dran. Selbstverständlich misslang Goschys Versuch, das nasse Holz anzuzünden. Als dann Tittel nur leicht zuschlug, schrie ihn der Polizeibeamte an: „Das war doch keine Ohrfeige! Ich zeige dir, was eine richtige Ohrfeige ist.“ Und schon verpasste er ihm eine gehörige Ohrfeige.
Schließlich wurden wir eine halbe Stunde bevor der Zug in Großsanktnikolaus eintraf entlassen und gegen Mittag waren wir wieder bei unseren Eltern in Neusiedel.

Der kommunistische Parteisekretär festigte seine Karriere also auf solch hinterlistige Art und Weise. Dagegen wurden wir fünf Jungen als „nicht zuverlässige Personen“ abgestempelt, obwohl wir uns nichts zu Schulden haben kommen lassen. Wir bekamen immer wieder Schwierigkeiten bei dem Versuch, weiterführende Schulen zu besuchen oder auch später am Arbeitsplatz. Schließlich benötigte man ja des Öfteren Referenzen und Empfehlungen seitens der örtlichen KP-Organisation. Und die hatte uns stets im Visier.

Übrigens gingen die „Wahlen“ so aus, wie sie in einem kommunistischen Staat auszugehen haben: Die Kommunisten und ihre Verbündeten erzielten 93,2 Prozent der abgegebenen Stimmen und 405 von 414 Mandaten in der Großen Nationalversammlung. Diese verabschiedete am 13. April 1948 eine neue Verfassung nach sowjetischem Vorbild. Die „kommunistische Sonne“ spendete in den darauf folgenden Jahrzehnten kein Licht und kein Leben, wie den Menschen verheißen worden war, sondern brachte Unrecht und Leid.