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Banater Post

Sammelband "Die Banater deutschen Mundarten" erschienen

Mit dem vorliegenden Sammelband wird der Ertrag der 52. Kulturtagung der Landsmannschaft der Banater Schwaben, Landesverband Baden-Württemberg, dokumentiert, die im November 2016 traditionsgemäß im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen stattgefunden hat. Der Veranstalter hatte sich zum Ziel gesetzt, die Banater deutschen Mundarten als prägendes Identitätsmerkmal der banatschwäbischen Gemeinschaft ins Blickfeld zu rücken, neue Erkenntnisse dazu aus unterschied-
lichen Perspektiven zu vermitteln. Nicht zuletzt geht es jedoch heute ganz allgemein darum, die in drei Jahrhunderten herausgebildeten Mundarten der Banater Schwaben als eigenständiges Kulturerbe einer Gemeinschaft festzuhalten.

So wurde bei der Sindelfinger Tagung einführend auf das zunehmende Schwinden der Mundarten im deutschen Sprachraum hingewiesen, aber auch auf Initiativen zu deren Bewahrung und Erforschung als wertvolles Kulturgut. Diese Notwendigkeit trifft in noch höherem Maße auf die Banater deutschen Mundarten zu, deren Sprecher seit der massiven Auswanderung gegen Ende des 20. Jahrhunderts nun in ganz Deutschland verstreut leben, während im Banat selbst nur wenige Mundartsprecher verblieben sind.

Die in dem Band zusammengefassten Beiträge widmen sich zwei größeren Themenschwerpunkten: dem Werden der Banater deutschen Mundarten, deren Charakteristiken und Erforschung sowie den besonderen kommunikativen, gemeinschaftsstiftenden Werten der Mundart, der ihr eigenen Wirkungskraft in der Presse und in der regionalen Literatur.

Den sprachwissenschaftlichen Rahmen der Mundarttagung steckte Dr. Hans Gehl mit seiner Überblicksdarstellung „Banater deutsche Mundarten“ ab. Ausgehend von der „deutschen Dialektlandschaft“ und der dialektgeographischen Zuordnung der donauschwäbischen Siedlungsgebiete, widmet sich der bekannte Mundartforscher detailliert der bunten banatdeutschen Mundartregion, innerhalb derer sich „durch Sprachmischung und Ausgleich“ mehrere „Mundartgebiete“ entwickelten. Anhand eines Beispiels – einem der „Wenkersätze“ – weist er dies mit Bezug auf neun Banater Dörfer nach und vergisst dabei auch nicht die Temeswarer Stadtsprache. Übersichtlich berichtet der Autor sodann über die relativ spät einsetzende Erforschung der Banater Mundarten und würdigt Dr. Johann Wolfs „Beitrag zur Mundartforschung und Sprachpflege“. Als besonders wichtiges Anliegen und als Voraussetzung künftiger Forschungsarbeit erörtert Dr. Hans Gehl den Stand der „Sicherung der Banater Mundarten“. Ein ausführliches Literaturverzeichnis rundet den Beitrag ab.

Als ein „erstes greifbares Ergebnis jahrelanger, mühevoller Arbeit am Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten, an dem sich seit 1968 viele beteiligt haben“, bezeichnen Dr. Mihaela Şandor und Dr. Alwine Ivănescu die Publikation dieses Wörterbuchs (Band 1, Buchstaben A-C, München 2013). Die beiden Temeswarer Germanistinnen gehörten mehr als ein Jahrzehnt zum engen Mitarbeiterkreis des verdienstvollen Mundartforschers Peter Kottler (1939-2013) und zum Autorenkollektiv des „Wörterbuchs der Banater deutschen Mundarten“, das in ihrem Beitrag vorgestellt wird. Die Autorinnen erläutern den Aufbau des Wörterbuchs, die Aufnahme des Grundwortschatzes der Banater Mundarten, der Entlehnungen usw. sowie die Struktur und den mehrschichtigen Informationsgehalt der Artikel zu den einzelnen Stichwörtern. Sie führen dabei zahlreiche Wort-Beispiele mit Bezug auf viele Banater Ortsmundarten an. Das „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“ wendet sich nicht nur an Fachwissenschaftler, sondern ist eine wahre Fundgrube für jeden interessierten Mundartsprecher – im Banat und im deutschen Sprachraum. Darüber hinaus vermittelt es ein Bild der sprachlich-kulturellen Identität der Banater Schwaben, wie es die Autorinnen überzeugend darlegen. Dies wird auch belegt durch die gediegene „Einleitung“ von Peter Kottler, die wesentliche sprachwissenschaftliche und kulturgeschichtliche Einblicke bietet.

Die Dorfmundart war – und ist noch immer – für ihre Sprecher ein Merkmal der Zugehörigkeit zur heimatlichen Gemeinde und, weiter gefasst, zur geschichtlich konstituierten Gemeinschaft der Banater Schwaben. Sie spielte auch im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle, in der Presse, in der Literatur und im Theater.

Helmut Ritter entwirft in seinem Beitrag „Die Pipatsch – mehr als ein Witzblatt“ ein facettenreiches Bild der überaus populären Mundartbeilage der „Neuen Banater  Zeitung“ (NBZ). In der bislang detailliertesten und umfangreichsten Darstellung des publizistischen Phänomens „Pipatsch“ berichtet der Autor zunächst über die Gründerzeit dieser so erfolgreichen Mundartbeilage, die ab November 1969 erschien. Ritter würdigt den Initiator und unbestrittenen Motor dieses einmaligen Mundart-Unternehmens der Nachkriegszeit in Rumänien, den Chefredakteur der NBZ Nikolaus Berwanger (1934-1989). Er zitiert aus dessen für die „Pipatsch“ richtungweisenden publizistischen Texten und aus seinen Mundartgedichten, die nicht selten brisante Fragen der Banater Schwaben und der damaligen gesellschaftlichen Zustände thematisierten. Berwanger sei sich auch dessen sicher gewesen, „dass er durch die Mundart die Herzen seiner schwäbischen Landsleute anspricht“, unterstreicht der Autor des Beitrags. Diese Einstellung dokumentiert Ritter durch zahlreiche Zitate aus Leserzuschriften. Sie war auch Grundüberzeugung der Mitstreiter Berwangers, wie aus dem skizzierten Mitarbeiterkreis zu erkennen ist.

Helmut Ritter bricht eine Lanze für den Humor der Banater Schwaben, der in der „Pipatsch“ intensiv zur Geltung kam. Aber er weist nach, dass die Mundartbeilage weit mehr war als ein Witzblatt. Sie spiegelte auch gesellschaftliche Missstände und den beginnenden Niedergang der schwäbischen Dörfer, worüber in den hochsprachlichen Zeitungsbeiträgen nicht berichtet werden konnte. Zweifelsohne handelt es sich hier um einen wichtigen Beitrag zur neueren banatdeutschen Pressegeschichte.

Zu den maßgeblichen Mitgestaltern der „Pipatsch“ gehörte neben Nikolaus Berwanger und Hans Kehrer/Stefan Heinz, der als „Vetter Matz vun Hopsenitz“ große Popularität erlangte, der vielseitige Schriftsteller Ludwig Schwarz (1925-1981). An den namhaften Banater Autor – er schrieb in der Hochsprache und in der Mundart – erinnert Luzian Geier in seinem Beitrag „Erzählungen aus seinem und aus unserem Leben“. Er war mit der schriftstellerischen und publizistischen Arbeit von Ludwig Schwarz aus nächster Nähe vertraut, aus der gemeinsamen Zeit in der NBZ-Redaktion. Daraus erhält der punktuelle Überblick über Biographie und Werk eines durch Krieg und Gefangenschaft, Deportation und Publikationsverbot betroffenen und geprägten Autors eine persönliche Note. Luzian Geier unterstreicht, dass Ludwig Schwarz wie kein Zweiter seiner Schriftstellerkollegen die Mundart sprach und deren Farbigkeit und Ausdruckskraft in Mundarttexten authentisch zur Geltung brachte. In diesem Zusammenhang hebt Geier den Roman „De Kaulebaschtl“ besonders hervor. Der Beitrag vermittelt weniger bekannte biographische Details, Einblicke in das Frühwerk des Schriftstellers, bezieht auch die hochsprachliche Kurzprosa und die Bühnenstücke („Husarenkammer“) in seinen informativen Überblick mit ein und verweist auf die unzureichende Rezep-tion des literarischen Werks von Ludwig Schwarz.

Mit der „Banatschwäbischen Mundartdichtung nach dem Zweiten Weltkrieg. Neuentdeckung des literarischen Erbes und Höhenflug der Mundartliteratur“ befasst sich sodann Dr. Walter Engel. Zunächst wird in diesem Beitrag an die schwierige Lage im Jahrzehnt nach Kriegsende erinnert, an die sogenannte „Stunde Null“, als im Banat an Mundartdichtung nicht zu denken war und die Literatur der Rumäniendeutschen insgesamt ein Schatten-dasein fristete. Erst Anfang der sechziger Jahre kam es – unter radikal veränderten gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Verhältnissen – zögerlich zur Wiederaufnahme literarischer Traditionslinien, und dies auch in der Mundartliteratur. Der Autor geht auf die Wiederentdeckung des mundartlichen literarischen Erbes ein, darunter auf die Sammlung der volksliterarischen Überlieferung, und unterstreicht die impulsgebende Rolle der Medien und des Theaters bei der überraschenden Auffrischung der Mundartdichtung. Der Hauptteil des Beitrags gilt den Anthologien banatschwäbischer Mundartdichtung, vor allem der von Ludwig Schwarz
herausgegebenen Gedichte-Sammlung „Fechsung“. Davon ausgehend skizziert der Verfasser die „thematische und formale Vielfalt banatschwäbischer Dialektdichtung“. Sodann bezieht sich Engel auf den Umgang der Literaturkritik mit dem „Höhenflug“ der Mundartdichtung und auf die unterschiedliche Akzeptanz der Literaturfähigkeit der Mundart bei den Autoren-Generationen. Er plädiert für eine angemessene Berücksichtigung der Mundartdichtung in der regionalen Literaturgeschichtsschreibung.

Die Autoren des vorliegenden Tagungsbandes sind allesamt mit der Mundartlandschaft Banat eng vertraut. Durch ihre wissenschaftliche oder publizistische Arbeit haben sie zur Bewahrung und Pflege der Banater deutschen Mundarten längst vor der Sindelfinger Tagung ihren Beitrag geleistet. Doch sollen von dieser Tagung und der sie begleitenden Publikation neue Einsichten und Anregungen für den aktuellen und künftigen Umgang mit dem Thema Banater Mundarten ausgehen.

Herausgegeben wurde der reich illustrierte Tagungsband im Auftrag des Landesverbandes Baden-Württemberg von Walter Engel und Walter Tonţa. Für die typographische Gestaltung und das Layout des Bandes sorgte, wie schon seit vielen Jahren, Professor Dr. Franz Quint.

(Aus dem Vorwort der Herausgeber)

Landsmannschaft der Banater Schwaben, Landesverband Baden-Württemberg: Die Banater deutschen Mundarten. Charakteristiken, Erforschung und Mundartliteratur. Beiträge der 52. Kulturtagung in Sindelfingen, 5./6. November 2016. Herausgegeben von Walter Engel und Walter Tonţa. Stuttgart 2017. 135 Seiten. Preis: 12 Euro, inklusive Versandkosten. Zu bestellen bei der Landesgeschäftsstelle in Stuttgart, E-Mail: lmbanaterschwaben-bw@t-online.de, Tel. 0711 / 625127 (vormittags).