Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Ein Leben im Dienste der Banater Schwaben

Bundesvorsitzender Anton Valentin (1898-1967). Foto: Archiv BP

Das Ehepaar Ella und Anton Valentin anlässlich seiner Silberhochzeit zusammen mit den drei Kindern. Einsender: Heidi Haug

Zum 50. Todestag von Anton Valentin, Bundesvorsitzender unserer Landsmannschaft von 1953 bis 1966 - „Sein Herz schlug für das Banat. Zeitlebens blieb er seiner Heimat und seinen Landsleuten aufs Engste verbunden“, erzählte mir Heidi Haug während eines kurzen Gesprächs am Rande der diesjährigen Kulturtagung in Sindelfingen. Die Aussage bezog sich auf ihren Vater Anton Valentin, von 1953 bis 1966 Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben. „Wenn es uns schon versagt ist, in unserer angestammten Heimat zu leben, so müssen wir hier in Deutschland alles in unserer Macht Stehende tun, um unsere Landsleute zu erfassen und in der Landsmannschaft zusammenzuführen, um die Erinnerung an die Banater Heimat wachzuhalten und unser kulturelles Erbe zu pflegen und zu bewahren“, zitierte meine Gesprächspartnerin ihren Vater. Aus dieser Überzeugung heraus habe Valentin die Motivation bezogen, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen und sich voller Kraft für die Belange seiner Landsleute einzusetzen. Und das, obwohl er noch voll im Berufsleben stand, seinen Pflichten als dreifacher Familienvater nachzukommen hatte und die Kommunikationsmöglichkeiten von damals mit denen von heute gar nicht zu vergleichen sind. „Anfangs hatten wir noch nicht einmal ein Telefon, das einzige Arbeitsgerät meines Vaters war eine alte, klapprige Schreibmaschine, auf der er den doch umfangreichen Schriftverkehr erledigte“, erinnert sich Heidi Haug. Und trotzdem bewältigte Anton Valentin die mit dem Amt des Bundesvorsitzenden verbundenen vielseitigen Aufgaben mit umsichtiger Beharrlichkeit und Hingabe für die Sache seiner vom Schicksal schwer geprüften Landsleute.

Am 16. Dezember jährt sich Anton Valentins Todestag zum 50. Mal – für uns ein Anlass, dieser herausragenden Persönlichkeit zu gedenken, Valentins Leben und Wirken im Kontext seiner Zeit zu skizzieren und seine Leistungen und Verdienste in Erinnerung zu rufen. Eine umfassende Darstellung seines Schaffens bietet die 1977, anlässlich des zehnten Todestages, von der Landsmannschaft herausgegebene Broschüre „Die Banater Schwaben gedenken des langjährigen Bundesvorsitzenden Anton Valentin“.

Anton Valentin wurde am 26. Februar 1898 in Neuarad als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Nach der im Heimatort verbrachten frühen Kindheit und Volksschulzeit besuchte er das Gymnasium in Arad und kam dann an das Piaristengymnasium in Temeswar, wo er 1917 maturierte. Von der Ostfront als Fähnrich heimgekehrt, gehörte er, wie Kaspar Hügel schreibt, „zu den führenden Köpfen jener jungen Banater schwäbischen Generation, die ihr Volkstum als zentralen Wert erlebte und für ihr ganzes Leben durch den damals herrschenden Geist des ‚völkischen Aufbruchs‘ geprägt wurde“. Valentin begann ein Theologiestudium am Temeswarer Priesterseminar in einer Zeit, in der sich in den Reihen der Banater Schwaben ein tiefgreifender Wandel vollzog, der von heftigen Auseinandersetzungen zwischen vormaligen „Pangermanen“ und „Magyaronen“ begleitet war. Der kompromisslos deutsch-
gesinnte Student geriet in Gegensatz zu seinen Vorgesetzten, vor allem auch zu dem magyarisch gesinnten damaligen Bischof Dr. Julius Glattfelder. So beendete er nicht das Theologiestudium, sondern widmete sich in Innsbruck, Tübingen, Marburg, München und Klausenburg dem Studium der Philologie. 1927 erwarb er das Diplom als Lizenziat für Deutsch, Latein und Rumänisch.

Während seiner Studienzeit war Valentin nicht nur als Vorsitzender des Bundes Südostschwäbischer Studenten (1923-24) und als Geschäftsführender Vorsitzender des Bundes Deutscher Hochschüler in Rumänien (1924-1927), sondern auch wegen seines kameradschaftlichen und musisch-geselligen Wesens allgemein bekannt und geschätzt.

Engagierter Banatia-Lehrer und Schulleiter

Als im Herbst 1926 die „Banatia“ eröffnet wurde, kam Valentin noch vor seinem formellen Studienabschluss an diese Schulanstalt und unterrichtete am Deutschen römisch-katholischen Knabenlyzeum vornehmlich Latein und Deutsch. Bis 1929 war er zugleich Studienleiter in dem großen Schülerheim des Hauses. Seiner menschlichen und fachlichen Qualitäten wegen war er bei den Schülern allgemein beliebt und geachtet. Dieser „warmherzige und durch und durch saubere Mensch und Erzieher“ habe auf seine Schüler eine besondere Ausstrahlung ausgeübt, attestierte Dr. Anton Peter Petri seinem ehemaligen Lehrer in einem Artikel zu dessen 65. Geburtstag („Banater Post“ vom 15. Mai 1963).

1942 wurde Anton Valentin mit der Leitung des nun in „Prinz-Eugen-Oberschule“ umbenannten Banatia-Lyzeums betreut. Durch sein vermittelndes Wesen gelang es ihm, die Eigenständigkeit der Schulverwaltung zu behaupten und von äußerer Beeinflussung freizuhalten. Dazu schrieb er selbst rückblickend 1960 an den langjährigen Abgeordneten Dr. Franz Kräuter: „Ich will für mich in Anspruch nehmen, daß ich die Schule in diesen schweren Zeiten sauber, korrekt und anständig geführt habe. (…) Wo es um die Integrität der Schule, um ihre Eigenständigkeit ging, gab es für mich keinen Kompromiß oder ein Nachgeben.“

Valentins Wirken reichte weit über den schulischen Rahmen hinaus in das kulturelle und politische Leben des Banater Deutschtums. So war er Mitglied des Volksrates der Deutsch-Schwäbischen Volksgemeinschaft, was ihn aber nicht daran hinderte, sich aus innerer Überzeugung Ende der 1920er Jahre der „Jungschwäbischen Bewegung“ anzuschließen, die zwar die bestehende Organisation der „Volksgemeinschaft“ bejahte, sich aber gegen „Diktatur und Cliquenwirtschaft in der Politik, gegen die Verquickung von Politik und Privatinteressen“ wandte, die Duldung „gesunder Gegenkräfte“ und „vollständige Demokratisierung“ durch „Statuten- und Systemänderung“ forderte. Bei dem von Hans Beller, dem führenden politischen Kopf dieser oppositionellen Bewegung, herausgegebenen „Banater Tagblatt“ wirkte Valentin als verantwortlicher Schriftleiter.

Bei den folgenden innervölkischen Auseinandersetzungen trat Valentin dann nicht mehr in den Vordergrund, stand jedoch der Erneuerungsbewegung nahe, bekannte sich ab 1935 vorübergehend zur „Deutschen Volkspartei Rumäniens“ und hatte in der Ära der „Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ wichtige Positionen im Banater deutschen Kulturleben inne. Von 1938 bis 1941 war er Leiter des Banater Kulturamtes der „Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien“ und ab 1941 zunächst Leiter der Banater Gebietsdienststelle des Amtes für Kunst und Wissenschaft der „Deutschen Volksgruppe in Rumänien“, später Leiter der Banater Zweigstelle des Forschungsinstituts der Volksgruppe und des damit verbundenen Heimatmuseums in Temeswar. Dabei vertrat Valentin „unter Wahrung des angemessenen Freiheitsraumes eigenen Urteils und persönlicher Überzeugung fast immer die auf Ausgleich gerichtete maßvolle Mitte“ – so sein einstiger Mitstreiter Kaspar Hügel.

Volkstumskämpfer und Kulturpolitiker

Besonders hoch einzuschätzen ist Anton Valentins Tätigkeit als Herausgeber und Schriftleiter der literarischen und Kulturzeitschrift „Banater Monatshefte“ von 1933 bis 1938. Die Zeitschrift hatte sich zum Ziel gesetzt, „die geistig tätigen Kräfte unseres Volkes (zu) sammeln und der Volksgemeinschaft nutzbar (zu) machen“, ihre „vornehmste Aufgabe“ sah sie aber „in der Förderung der Heimatliteratur“. Rückblickend könne man feststellen, „daß die Aufgabenstellungen und Zielsetzungen Valentins weitgehend erfüllt wurden. Nicht zuletzt beweist dies die breite Mitarbeiterschicht der bekannteren Banater Kulturschaffenden“, schreibt Anton Peter Petri. „Die Banater Monatshefte waren eines meiner Lieblingskinder, die mir – wie das nicht selten der Fall ist – aber auch die meisten Sorgen bereiteten, da ich oft nicht wußte, wie die laufenden Kosten zu begleichen waren“, gestand Anton Valentin in einem Brief an Petri aus dem Jahre 1964.

Die in seiner musisch-geselligen Art wurzelnde Sangesfreudigkeit hatte Valentin auch zum begeisterten Mitglied des Temeswarer Männergesangvereines „Eintracht“ werden lassen. Von 1936 bis 1944 war er Obmann dieses Vereines und zugleich Hauptschriftführer des „Banater Deutschen Sängerbundes“.
Eine einschneidende Zäsur im Leben des engagierten Lehrers und Kulturschaffenden brachte der Front- und Regimewechsel Rumäniens im August 1944. Im Herbst jenes Jahres überschritt Anton Valentin mit Frau Ella und den Kindern Dietmar, Hertha und Heidi die rumänische Grenze in das von der deutschen Wehrmacht besetzte jugoslawische Banat und trat damit wie viele andere unserer Landsleute den leid- und wechselvollen Weg des Flüchtlingsdaseins an. Die Familie fand eine vorläufige Bleibe in Niederösterreich, wo Anton Valentin am 1. Dezember 1944 zum Direktor der zur Aufnahme der aus der Heimat geflüchteten Oberschüler aus dem Südosten eingerichteten Heimschule Seitenstetten ernannt wurde. Nach der Auflösung der Schule im April 1945 gelangte die Familie nach Vorarlberg. In abgelegenen Gemeinden des Bregenzerwaldes sowie an der Hauptschule für Mädchen und am Bundesgymnasium für Jungen in Bregenz konnte Valentin einige Jahre als Hilfslehrer unterrichten. 1949 verließ er Österreich und versuchte es in Württemberg. Nach anfänglicher Aushilfstätigkeit wurde er am 1. März 1950 am Staatlichen Gymnasium Sigmaringen als Studienrat eingestellt und später zum Oberstu-dienrat befördert. Hier verblieb er mit seiner Familie bis an sein Lebensende. 1963 trat er als Oberstu-diendirektor in den wohlverdienten Ruhestand.

Bundesvorsitzender der Landsmannschaft

Sich dessen bewusst, dass die im Banat wahrgenommenen Führungsaufgaben eine Verpflichtung zur Fortsetzung der Arbeit unter anderen Vorzeichen und Bedingungen hier in Deutschland in sich bargen, konnte sich Anton Valentin nach der Sicherung seiner eigenen Existenz in Sigmaringen intensiver der landsmannschaftlichen Arbeit widmen. Bei der Hauptversammlung in Rosenheim am 27. Juni 1953 wurde er als Nachfolger von Dr. Matz Hoffmann zum Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben gewählt; in diesem Amt wurde er bis zu seinem Rücktritt am Pfingstfest 1966 in Schwäbisch Gmünd immer wieder bestätigt.

In den 1957 verabschiedeten Satzungen hatte sich unsere Landsmannschaft folgende   Aufgaben gesetzt: Zusammenfassung aller Banater Schwaben aus Rumänien in Deutschland; Förderung ihrer kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und heimatpolitischen Interessen; Pflege der geschichtlichen Überlieferungen, Sitten und Gebräuche; Vertiefung der Beziehungen zur neuen Heimat und zu ihrer Bevölkerung; Pflege der Verbindungen zu allen außerhalb des Heimatgebietes lebenden Banater Schwaben und stellvertretende Wahrnehmung der Interessen der in der alten Heimat verbliebenen Landsleute.

Bundesvorsitzender Anton Valentin hat sich mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit für den Aufbau unserer  Landsmannschaft und für die Verwirklichung ihrer Ziele eingesetzt. Das war damals keine leichte Aufgabe. Unsere Landsleute hatten nach 1945 Aufnahme in allen Teilen der westlichen Besatzungszonen gefunden. Sie in dieser  Zerstreuung zu sammeln, bedurfte kräftiger Antriebe, zumal alle mittellos und vom Aufbau einer neuen Existenzgrundlage voll in Anspruch genommen waren. Hinzu kam, dass die vorausgegangenen politischen Auseinandersetzungen in der alten Heimat schmerzhafte Wunden zurückgelassen hatten. Anton Valentin, dem von allen Seiten Vertrauen entgegengebracht wurde, war die überragende Integrationsfigur, der es in Zusammenarbeit mit vielen einsichtigen Kräften gelungen ist, unserer Landsmannschaft die Anerkennung als die allein zuständige Vertretung der Banater Schwaben zu sichern.

Über die landsmannschaftliche Tätigkeit in den Jahren 1953-1966 geben die beiden zum 30- beziehungsweise 40-jährigen Bestehen der Landsmannschaft 1980 und 1990 erschienenen Festschriften detailliert Auskunft. Hier genüge die schlagwortartige Aufzählung der verschiedenen Tätigkeitsbereiche: Erweiterung der organisatorischen und finanziellen Basis; Gründung der ersten Heimatortsgemeinschaften und Landesverbände; Veranstaltung von Heimattagen, Heimatortstreffen, berufsständischen Treffen der Lehrer sowie der Ärzte und Heilberufler; Erwerb der von Peter Maurus gegründeten „Banater Post“ als Organ der Landsmannschaft; Anfänge der Jugendarbeit in Hinblick auf Betreuung und Eingliederung des Nachwuchses; Familienzusammenführung; Eintreten für die rechtliche und soziale Eingliederung der Landsleute; Lastenausgleich und Bemühung um gerechte landwirtschaftliche Einheitswerte; Pflege des kulturellen Erbes (Kulturtagungen, Ausstellungen,
Lesungen, Trachtengruppen, Kirchweihfeste, Schwabenbälle, Publikationen); Aufrechterhaltung der Verbindungen zu den in der Heimat zurückgebliebenen Landsleuten sowie zu den Banatern in Österreich, Frankreich und Übersee; strikte Beachtung der landsmannschaftlichen Eigenständigkeit und gleichzeitige Zusammenarbeit mit den anderen Landsmannschaften.

Neben der Familienzusammenführung, die von Anton Valentin und seinen Mitarbeitern als prioritäre Aufgabe der Landsmannschaft betrachtet wurde, neben der Wahrung der Einheit und Geschlossenheit der Landsmannschaft ist die Pflege des Banater Kulturerbes als ein besonderes Herzensanliegen Valentins herauszuheben. Es galt, das Banater Kulturerbe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, es für künftige Generationen zu erhalten und es möglichst breiten Kreisen in der neuen Heimat bekannt zu machen. In solcher Absicht schrieb Valentin 1959, während er für mehrere Monate ans Bett gefesselt war, die Arbeit „Die Banater Schwaben. Kurzgefaßte Geschichte einer südostdeutschen Volksgruppe“, die noch im selben Jahr von der Landsmannschaft in Buchform herausgegeben wurde. Dazu schrieb er in der Einleitung: „Der vorliegenden Arbeit liegt die Absicht zu Grunde, den Landsleuten in einer kurzgefaßten Darstellung die historische Entwicklung deutschen Lebens im Banat aufzuzeigen, damit die Liebe zur Heimat und das Wissen um die hervorragende kolonisatorische Leistung der Vorfahren in den Erwachsenen nicht erlösche und in der Jugend, die die Banater Heimat nur aus den Erzählungen der Eltern kennt, in der gleichen Weise lebendig werde.“ Eine zweite Auflage dieses populärwissenschaftlichen Werkes ist 1984 erschienen.

Darüber hinaus veröffentlichte Anton Valentin eine Vielzahl von Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften sowohl im Banat als auch in Deutschland und Österreich. Eine von seiner Tochter Heidi zusammengestellte Bibliografie mit 178 Titeln ist in der bereits erwähnten Broschüre „Die Banater Schwaben gedenken des langjährigen Bundesvorsitzenden Anton Valentin“ erschienen.

Die höchste Anerkennung der Leistungen Anton Valentins für seine Banater  Landsleute wurde ihm durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse zuteil. Die Überreichung dieser hohen Auszeichnung nahm Staatssekretär Sepp Schwarz auf dem Heimattag 1963 in Schwäbisch Gmünd vor.

Da Anton Valentins Gesundheit seit dem Herzanfall von 1959 sich ständig verschlechterte, trat er am Pfingstfest 1966 in Schwäbisch Gmünd zurück, blieb der landsmannschaftlichen Arbeit aber noch als Ehrenvorsitzender verbunden. Er starb am 16. Dezember 1967 im Alter von 69 Jahren. Sein Freund Josef Gassner sagte am offenen Grabe: „Er ging stets einen geraden Weg und hielt trotz seiner Toleranz und seiner aus humanistischer Bildung und tief religiöser Einstellung entspringenden Hilfsbereitschaft zäh an seinen nationalen Idealen fest. Er stand im Kampf um die Rechte seines Volkes stets in vorderster Front, angefangen von seiner Hochschülerzeit bis jetzt, als ihn die Kräfte, die der vielseitige Kampf um sein Volk zermürbten, verließen und er sich den ewigen Gesetzen des Lebens beugen mußte.“