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Banater Post

Margaretha Grünn und ihre Kinder

Erinnerungsfoto an Margaretha Grünns 80. Geburtstag (mittig in der Vorderreihe, sitzend), Perjamosch 1911. Foto und Todesanzeige im Besitz von Mariann Gottschick (Erlangen)

Die Todesanzeige der Witwe Margaretha Grünn vom Januar 1914 führt 68 Nachkommen namentlich an.

Hintergründige Wahrnehmungen beim Betrachten eines alten Fotos - In der Familienablage von Mariann Gottschick (Erlangen) befindet sich ein altes Foto im Postkartenformat, auf dem die Perjamoscher Großfamilie der Witwe Margaretha Grünn, geb. Prachthäuser abgebildet ist. Sie selbst ist mittig in der vorderen Reihe zu sehen. Sitzend. Alle anderen stehen, in vier Reihen geordnet nach Geschlecht und Verwandtschaftsgrad. Die älteren Frauen im ortsüblichen Gwand, das Kopftuch unterm Kinn geknotet, die jüngeren modisch im leichten Kleid, das offen getragene Haar mit der Brennschere onduliert. Sämtliche Männer im dunklen Anzug mit Halsbinde und, mit wenigen Ausnahmen, den Hut aufgesetzt. Festlich. Das Foto dürfte zu einem besonderen Anlass aufgenommen worden sein, zu dem sich alle erreichbaren Verwandten eingefunden hatten. Es könnte der 80. Geburtstag der Witwe gewesen sein, also der 26. September 1911. Die Zeiten waren so gut wie lange nicht, und die schwäbische Welt im Banat kam sich in der Doppelmonarchie der Habsburger geborgen vor. Zwanzig Personen sind auf dem Foto zu sehen, und dementsprechend ausladend wird Margarethas Ehrentag im Perjamoscher Altdorf gewesen sein.

Hochzeit, Krieg und Cholera

So in sich ruhend war das Leben der Jubilarin, im Rückblick, allerdings nicht immer gewesen. Geheiratet hatte Margaretha, gerade mal siebzehn geworden, am 18. Jänner 1848. Der Revolutionskrieg von 1848/49 überschattete bald darauf das Land, spaltete Gemeinden und Familien in ungarische und kaiserliche Patrioten und brachte Zwietracht unter die von unterschiedlichen Nationalitäten bewohnten Dörfer. Vorausgegangen war die Choleraepidemie von 1831 (Margarethas Geburtsjahr), in dem 110 Menschen an der Seuche gestorben sind. In den Folgejahren sollte sich die Zahl der Choleraopfer in Perjamosch auf 388 erhöhen. „Die Todesfälle mehrten sich von Tag zu Tag“, berichtet Ludwig Baróti (Grünn) in seiner1889 bei Alois Pirkmayer erschienenen „Geschichte von Perjamos“. Wir lesen: „Täglich wurden zehn bis fünfzehn Verstorbene zur ewigen Ruhe bestattet... Im Henz’schen Hause waren fünf Leichen auf einmal: der Groß-vater, der verheiratete Sohn mit Weib und Kind, und die erwachsene Tochter... Bei Philipps ist auch das ganze Haus ausgestorben. Nur ein kleines Kind blieb übrig.“

Der Tod war immer ganz nahe. Margarethas erstes Kind Jakob starb 1850 im Alter von neun Monaten. Ihr zweites Kind, ein knappes Jahr danach geboren, ließ sie wieder auf den Namen Jakob taufen. Es geschah, dürfen wir annehmen, im Andenken an ihr erstes Kind. Eine Wiederholung trug sich sechs Jahre später zu, als sie ihrer 1856 geborenen Tochter den Namen Susanne gab, nach ihrem im Vorjahr nach nur drei Monaten verstorbenen Kind Susanne. Es war ihre trotzige Antwort auf den immer gegenwärtigen Tod. Zwölf Kindern schenkte sie das Leben, von denen vier im Säuglingsalter verstorben sind. Ihren Mann Georg verlor sie im Juni 1874. Er war Wagnermeister und starb mit 48 Jahren. Das jüngste Kind, Katharina, war bei seinem Tod fünf Jahre alt. Margaretha hat nicht wieder geheiratet. Sie starb, 83 Jahre alt, zu Neujahr 1914 „nach langem Leiden und Empfang der hl. Sterbesakramente“, wie die von Mariann Gottschick aufbewahrte Todesanzeige mitteilt. Die Seelenmesse wurde am Samstag, den 3. Jänner, neun Uhr, in der Altdörfer Pfarrkirche gelesen.

Georg Grünn, Wagnermeister, ist in der Kirchenmatrikel als Krühn eingetragen. Die Grünns waren meist Handwerker – Wagner, Tischler, Schneider, Schuhmacher, Schmiede. Nach 1850 sind sie als Blaufärber bekannt geworden, später als Textilfabrikanten. Aber auch Dichter, Wissenschaftler, Ärzte, Pfarrer, Lehrer und Sammler sind in der Folge aufzuzählen. Grün, Krün, Krien, Grühn und schließlich einheitlich Grünn – so schlicht der Name ist, so unterschiedlich geschrieben findet er sich in den Kirchenbüchern. Jeder Pfarrherr hatte seine eigene Rechtschreibung, und so verwundert es nicht, dass auch unsere Bezugsperson in den Kirchenbüchern als Margarete Krühn, geb. Prachthäuszer vermerkt ist, in ihrer Todesanzeige aber als Witwe Margaretha Grünn, geb. Prachthäuser. Das Dorf nennt die Familie, der mundartlichen Lautung gemäß, Krien – und das bis heute.

Dem Alter die Ehr

Das uns vorliegende Foto zeigt die Grünns als Familienverband, als Sippe, in der sich jeder Angehörige als zugehörig und, mehr oder weniger, auch gut aufgehoben vorkam. Die Reihenfolge beachtet das Verwandtschaftsverhältnis zur Bezugsperson und nicht den jeweiligen Besitzstand oder sonstige Begünstigungen oder Meriten Einzelner. Entsprechend dem schwäbischen Grundsatz „Dem Alter die Ehr'“, wird die Ahnfrau Margaretha von zwanzig Angehörigen umschlossen. Acht Männer, sieben Frauen und fünf Kinder umstehen die Jubilarin. In Haltung und Aufmachung der Gesellschaft kündigt sich eine, die Tradition aufkündigende, Wende an, und es sind – wie könnte es anders sein – die
Damen, die vorweg den Zeitgeist modisch repräsentieren. Sie wagen ein zaghaftes Lächeln in die Kamera und auch schon mal – des Blicks geradeaus überdrüssig – die Schrägstellung im Halbrelief. Die Kinder, ganz vorne aufgereiht, sind brav und wirken dementsprechend unlustig, indessen die sitzende Urgroßmutter Margaretha gottergeben und ein wenig abwesend die Hände verschränkt und den Dingen ihren Lauf lässt. Landwirte, Handwerker, Unternehmer und Studierte sind unter den Gästen, die allerdings – so zahlreich sie auch sein mögen – nur repräsentativ für die viel größere Sippe posieren. Auf der im Januar 1914 von der Perjamoscher „Hungaria“ gedruckten Todesanzeige Margarethas sind 68 Nachkommen namentlich angeführt – jeder von ihnen wichtig genug, um genannt zu werden. Unterteilt finden wir sie allerdings in drei, dem Verwandtschaftsgrad entsprechende Gruppen – denn die Ordnung sollte schon gewahrt sein, wie immer diese im persönlichen Umgang auch berücksichtigt gewesen sein mochte.

Rechtsaußen auf dem Familienfoto ist Dr. Josef Pauli zu sehen, und es ist nicht nur der steife Kragen, der ihn von den anderen sichtbar abhebt. Er war damals 25 Jahre alt, gerade zum Dr. med. promoviert und in der Budapester Chirurgischen Klinik bei Dr. Julius Dollinger Assistent. Seinen Militärdienst hatte er im 1. Kaiserjägerregiment in Innsbruck und im Garnisonsspital Temeswar abgeleistet, seine Zukunft aber plante und verwirklichte er in der Heimatgemeinde Lowrin. Es mag dort nicht zuletzt Barbara, die Tochter des Gemeindearztes Johann Grünn gewesen sein, die mit seiner Heimattreue in Zusammenhang gebracht werden kann. (Dr. Johann Grünn war das 11. Kind der Jubilarin und damals Gemeindearzt in Lowrin). Jedenfalls verlobte sich der junge Dr. Pauli im Kriegsjahr 1914 mit Barbara, nicht ahnend, dass bis zur Hochzeit sechs lange Treuejahre hinzunehmen waren. Schon im Herbst geriet er in Galizien in russische Kriegsgefangenschaft, die er in Kaluga, Rjasan und Samarkand, später in Moskau und Sankt Petersburg zubrachte, von wo er erst im Juni 1920 nach Lowrin zurückkehrte und noch im gleichen Jahr Hochzeit mit Barbara Grünn feierte. Seine eigene Praxis in Lowrin eröffnete er drei Jahre später, nachdem er sich in Budapest und Paris nicht nur chirurgisch fortgebildet, sondern auch mit der Bestrahlungstherapie vertraut gemacht hatte. In den Folgejahren führte er in seiner Privatklinik (Sanatorium) rund 10000 chirurgische Eingriffe durch und war, über die Banater Heide hinaus, als verdienstvoller Mediziner geschätzt.

Die rumänischen Kommunisten kümmerte das wenig. Sie verstaatlichten 1948 seine Privatklinik, wobei die Familie auch die Wohnräume zu räumen gezwungen war. Im selben Jahr starb sein Schwiegervater Dr. Johann Grünn, mit dem ihn über das Familiäre hinaus medizinhistorische Studien verbunden hatten. Gemeinsam mit dem Orthopäden Dr. Nikolaus Hoffmann hatte Dr. Johann Grünn 1924 in Lowrin die „Semmelweis-Ärztegruppe Banat“ gegründet – benannt nach Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865), dem es gelang, das Kindbettfieber erfolgreich zu bekämpfen.

Die schönen Jahre des Aufbruchs und der Selbstfindung der Banater Schwaben in der Zwischenkriegszeit wurden durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen nicht nur unterbrochen, sondern beendet. Besonders hart betroffen davon waren die großen, aufblühenden Landgemeinden wie Lowrin und Perjamosch, die im Kommunismus ihre Wirtschaftskraft verloren und durch den Zuzug rumänischer Kolonisten eine andere Prägung erhielten. Dr. Pauli sah sein Lebenswerk zerstört und wanderte 1965 nach Deutschland aus. Er starb 1981 in Biberach/ Riß.

Russland und Rubla

Am anderen Ende der Männerreihe (zweiter links) ist Adam Recktenwald – genannt Grünns Adam – zu sehen. Ihm zur Seite seine Frau Mariann. Ihre Hochzeit hielten sie am 25. Feber 1897. Zwei Kinder, Susanne und Matthias, wuchsen heran. Matz, Jahrgang 1900, war seit seiner Rekrutenzeit und bis ans Lebensende mit meinem Vater, Johann Heinz, Jahrgang 1901, befreundet. Die Recktenwalds wohnten von uns um die Ecke in der Neugass, und die häusliche Nähe machte die Freundschaft noch enger. Ihre zwei Buben, Hans 1925 und Matz 1927 geboren, waren mir um zwei bis vier Jahre voraus, und das kann im Knabenalter eine ganze Menge sein. Es war eine ganze Menge. Hans, der ältere von beiden, ernst und strebsam – äußerlich eher unauffällig, sollte den Hof übernehmen, mit Matz (er gehörte später der in die A-Liga aufgestiegenen Perjamoscher Handballmannschaft an) hatte man anderes vor. In den vierziger Jahren waren wir alle in der DJ (Deutsche Jugend) und marschierten, Kampflieder singend, durchs Dorf. Die Alten nahmen es meist kopfschüttelnd hin, wir aber sollten und wollten, wie wir es sangen, „junge Soldaten in sturmschwerer Zeit“ sein. Auch noch nach Stalingrad, als sich die Wehrmacht genötigt sah, eine „Frontverkürzung“ nach der anderen vorzunehmen. Junge Soldaten wurden gebraucht, und es war nicht die Art meines Nachbarsjungen Hans Recktenwald, sich zu verweigern.

In unserem 1998 erschienenen, von Evi Krämer/Wirth herausgebenen Perjamoscher Heimatbuch sind zwei Gruppenbilder gegenübergestellt: Das eine zeigt die Dorfbuben im Braunhemd, auf dem anderen sind sie im Waffenrock zu sehen, die SS-Rune auf dem Kragenspiegel. Die Wenigsten von ihnen haben den Krieg überlebt. Grünn Hans, mein Nachbar, fiel mit neunzehn als einer der ersten. Auf dem Foto der Braunhemden nimmt er die Mitte ein. Er war dem Führer ergeben, glaubte an den Sieg und blieb ohne Grab in Russland. Sein Führer siegte nicht, und es war nachträglich wenig rühmlich, das Leben für ihn eingesetzt und verloren zu haben. Der Hof in der Neugass ging verloren, Eltern, Großeltern und Bruder aber standen 1951 als potentielle Staatsfeinde auf der Deportationsliste in den Bărăgan. Die Kolonne der Deportierten wurde im Dunkel der Nacht durch unsere Gasse zum Bahnhof eskortiert. Wir erkannten die Recktenwalds unter ihnen und riefen ihnen zu, in der Annahme, noch in derselben Nacht gleichfalls abgeholt zu werden. Das traf nicht zu.

Es dauerte dann Wochen, bis es durchsickerte, wohin unsere Nachbarn zwangsverbracht worden waren. Für immer, wie zu befürchten war. Die Recktenwalds wurden in Rubla in der Bărăgansteppe ausgesetzt und durften erst 1956, nach fünf Jahren, in die Heimat zurück. Adam Recktenwald, der Großvater, starb im Mai 1954 in Rubla und wurde in einem heute  nicht mehr auffindbaren Grab beigesetzt.

Brot und Kuchen

Das vorliegende, von uns als Erinnerungsfoto an Margaretha Grünns 80. Geburtstag zugeordnete Gruppenbild, zeigt verständlicherweise nicht alle Angehörigen. Zu den auf dem Foto fehlenden Anverwandten gehören auch die Brüder Karl Grünn (Pfarrer) und Ludwig Baróti (Grünn). Sie sind Geschwisterkinder des hier im Zusammenhang mit Dr. Pauli erwähnten, in Lowrin praktizierenden Arztes Dr. Johann Grünn und erfreuten sich als Dichter und Historiker landesweit eines besonderen Ansehens. Den Madjarisierungszwängen der Zeit nachgebend, nahm Ludwig 1884 den Namen Baróti an, wobei er in Klammern „Grünn“ hinzufügte. Das hinderte den Dichterbruder Karl keineswegs daran, da-gegen zu wettern. „Den deutschen Namen dahin sie gaben, / Damit sie statt Brotes Kuchen haben“, lästerte er. Das innige Verhältnis zum Bruder verdarb das nicht, wie es der intensive und langjährige – bis heute leider nicht öffentlich zugängliche – Briefwechsel zeigt.

Ursache für Ludwigs Abwesenheit auf dem Familienfoto dürfte der Gesundheitszustand des an den Beinen gelähmten und am Plattensee ansässigen Historikers gewesen sein. Pfarrer Karl Grünn aber hatte 1911 einen Ortswechsel in seine Heimatgemeinde Perjamosch zu bewältigen, wo ihm die Kirchengemeinde des 1845 gegründeten neuen Ortsteils Haulik anvertraut worden war. Nach neun vorausgegangenen Versetzungen sah Pfarrer Grünn darin eine Heimkehr. Er war als eigenwilliger Freigeist bekannt, der sich den mit seinem Amt verbundenen strengen klerikalen Regeln widersetzte und gegen diese verstieß. In Deutschzerne (heute in Serbien gelegen), wohin er 1878 als Kaplan versetzt worden war, begegnete er der Fleischerstochter Katharina Maria Weber, die seine Lebensgefährtin wurde und 1887 ein Kind zur Welt brachte, das später unter dem Namen Georg Szönyi in Perjamosch als Zahnarzt ordinierte. Pfarrer Grünn starb im November 1930. Katharina überlebte ihn um 14 Jahre, von den Nachbarn und der Gemeinde geachtet. Sie verstarb im September 1944, als im Dorf deutsche Kampfverbände Rückzugsgefechte gegen die Sowjets ausfochten und den Großteil der Einwohner evakuierten. 167 Fuhrwerke mit 815 Personen bildeten den Treck, der nach vier Wochen und 1000 Kilometern Fluchtweg im Kreis Horn in Niederösterreich (damals Niederdonau) auf die umliegenden Landgemeinden verteilt wurde. Die beiden amtierenden katholischen Geistlichen Josef Sundhausen und Karl Ritter waren gleichfalls geflüchtet, und so wurde Katharina in aller Stille und ohne kirchlichen Segen an der Seite ihres Lebensgefährten beigestzt, dem sie sich in freier Entscheidung angeschlossen hatte. Karl Grünn hat ihr unter dem Titel „Katharina. Ein Frauenleben“ einen Gedichtzyklus gewidmet, in dem sie gepriesen und herzlich in die Arme geschlossen wird. Zwei dieser Gedichte werden hier abgedruckt.