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Banater Post

Die Jagd des Geheimdienstes nach Gold

Blick zur Temeswarer Lloydzeile (Foto: K. Ortinau)

Meine Erlebnisse mit der rumänischen Securitate

Der 23. August 1944 war der Schicksalstag Rumäniens und der deutschen Volksgruppe. An diesem Tag stürzte König Michael I. den Marschall Ion Antonescu und schloss mit den Russen einen Waffenstillstand. In dieser Zeit des Umbruchs, und zwar in den Jahren 1944 bis 1946, haben viele Banater Familien Goldmünzen gekauft. Sie wurden entweder im eigenen Hause versteckt oder im Garten eingegraben. Im Juni des Jahres 1951 besuchte uns meine alleinstehende Tante Lisa aus Detta mit der Bitte, ihre mitgebrachten Goldmünzen in unserem Haus in Temeschburg zu verstecken. Wir haben die zwanzig Goldmünzen auf dem Dachboden aufbewahrt. Leider hatten wir keinen ausreichenden Wohnraum zur Verfügung, um Tante Lisa bei uns aufzunehmen. Acht Jahre später, im Juni 1959, unterrichtete ich bereits als Gymnasiallehrer am Abendlyzeum, als mich in der Schulpause ein Milizoffizier aufsuchte und mich aufforderte, ihm zu folgen. Wir fuhren zur Milizstelle am Begaufer.

Dort war ich mit weiteren fünf Inhaftierten in einem Raum ohne Fenster im Kellergeschoss untergebracht und einem ungewissen Schicksal überlassen. Lediglich einige Luftlöcher zierten den unteren Teil der Türen des Raumes. Am nächsten Morgen fand ein Verhör statt, verbunden mit der Aufforderung, das Versteck der Goldmünzen in unserem Familienhaus preiszugeben. Ich sagte zum wiederholten Male aus, dass ich von den Goldmünzen nichts wisse. Nach drei Tagen kam Leutnant Popescu vorbei und teilte mir mit, dass mein Haftaufenthalt um Tage verlängert wird. Dagegen protestierte ich vehement und versicherte ihm meine Unschuld. Nach einigen Tagen voller quälender Gedanken kam mir folgende rettende Idee: Ich erinnerte mich, dass ich im Juni 1951 mit meinem Freund Josef Maywurm einen dreitägigen Fahrradausflug nach Hermannstadt unternommen hatte. Demzufolge konnte ich doch nicht zu Hause gewesen sein, als Tante Lisa die Goldmünzen meiner Mutter zur Aufbewahrung übergeben hatte. Einige Tage später habe ich dann diese Aussage auch schriftlich abgegeben unter Vorlage von Papier, Tinte und Schreibgerät.

Anmerken möchte ich noch, dass unter den fünf Mitinhaftierten mindestens ein Spitzel war, der immer wieder versuchte, mit uns ins Gespräch zu kommen, um uns auszuhorchen. Diesbezüglich habe ich mich auf keinerlei Diskussionen eingelassen. Während des Freigangs auf dem Weg zu den Toiletten habe ich immer eine ruhige und selbstsichere Haltung eingenommen. Meine Haare waren damals übrigens kurz geschnitten. Nach 27 Tagen Haft erklärte mir der Milizoffizier, dass ich nun nach Bukarest überführt werde. Ich antwortete ihm: „Va stau la dispozitie“ (Ich stehe Ihnen zur Verfügung). Daraufhin entgegnete er: „Sie sind frei, Sie können nach Hause gehen!“ Es war ein sehr schöner Sommertag, als ich nach 27 Tagen Haft zu Hause ankam und meine Eltern begrüßen und umarmen konnte. Mein Vater und meine Mutter waren nämlich am gleichen Tag wie ich verhaftet worden. Da meine Tante fremden Menschen von der Existenz der Goldmünzen erzählt hatte, haben diese den Geheimdienst informiert. Bereits nach drei Tagen hatte meine Mutter die Münzen übergeben. Ich wusste, dass meine Existenz als Gymnasiallehrer gefährdet war. Für Privatpersonen war der Besitz von Goldmünzen gesetzlich verboten; alles Gold musste zur Sanierung des Staatshaushaltes abgegeben werden.

Mit dem Ziel, einer Haftstrafe zu entgehen, hatte meine Mutter zu ihrer Verteidigung einen Rechtsanwalt engagiert. Leider gab es im Dezember 1959 keinen Aufschub mehr. Das bedeutete, dass sie im Januar 1960 ihre Haftstrafe von sechs Monaten antreten musste. Nach nur fünf Monaten (im Juni 1960) wurde sie jedoch entlassen. Grund der vorzeitigen Entlassung war eine landesweite Amnestie für Besitzer von Goldmünzen. Schließlich wurde die Jagd nach Gold eingestellt. Bezüglich der Thematik „Jagd der Securitate nach Goldmünzen“ gab es viele Beispiele von Verrat. Um drohenden Foltermaßnahmen zu entkommen, hatten die von der Securitate verhafteten Personen ihre eigenen Landsleute, die auch Goldmünzen gekauft hatten, verraten und angezeigt. Betroffene wurden solange verprügelt, bis sie aus Verzweiflung und Demütigung die Goldmünzen herausgaben. Es gab auch Fälle von Suizid.

Noch tragischer war die Situation den Familien, die aus der Baragan-Deportation zurückgekehrt waren. Als sie ihre von Kolonisten bewohnten Häuser wieder bezogen hatten, suchten sie ihre versteckten Goldmünzen – aber nicht alle Familien fanden sie. Die Kolonisten hatten sie längst entdeckt und verschwinden lassen. Demzufolge konnten die von der Securitate verhafteten und gefolterten Männer der besagten Familien keine Goldmünzen mehr zurückgeben. Weil man dem verhafteten Personenkreis keinen Glauben schenken wollte, wiederholten sich die Verhaftungen. Die Prügelattacken waren so heftig und gnadenlos, dass einige Personen nach kurzer Zeit sogar verstorben sind.

Meine berufliche Tätigkeit als Gymnasiallehrer setzte ich am Abendgymnasium fort. In der von mir unterrichteten Klasse befanden sich ausschließlich Offiziere und Unteroffiziere, die sich während des Unterrichtes im Flüsterton unterhielten. Ich fing die Stimme einer dieser Männer auf, die besagte: „Der war nicht schuldig.“ Noch kurz vor den Sommerferien des Schuljahres 1959 erreichte mich die Einladung eines Offiziers namens Sandu (ehemaliger Schüler vom Abendgymnasium), ihn in seiner Dienststelle zu besuchen. Am nächsten Tag pünktlich um 10 Uhr vormittags war ich dort, wurde aber vertröstet zu warten. Daraufhin fuhr eine schwarze Limousine vor, man bat mich einzusteigen, um kurz danach in der Zentrale der Securitate in der Loga-Straße zu landen. Dort wurde ich in ein kleines Zimmer gebracht, das mit einer Liege ausgestattet war, und man ließ mich warten. Die Warterei hielt bis zum Nachmittag an, man wollte mich so unter massiven Druck setzen. Endlich erschien ein Major der Securitate namens Janto zum Verhör, der mich während des Verhörs auch geohrfeigt hat.

Man konnte mir nichts nachweisen was eventuell gravierende Folgen hätte haben können. Spät am Abend hat man mich entlassen, und weil ich ja dem Unterricht an der Schule ferngeblieben war, legte man mir nahe, als Ausrede zu sagen, dass ich in Arad gewesen wäre und deshalb meiner beruflichen Pflicht nicht nachkommen konnte. Eigentlich wollte man mich als Informant gewinnen. Deshalb sollte ich in zwei Wochen nachmittags um 16 Uhr in einem nahegelegenen Park erneut erscheinen. Danach hat man mich mit dem Auto nach Hause gefahren. Ich war bereits von meinen Eltern bei der Polizei als vermisst gemeldet worden. Nach Ablauf der zwei Wochen war ich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt und wartete eine halbe Stunde lang, aber von der Securitate erschien niemand. Somit war meine erste Spitzeltätigkeit beendet.

Im Oktober 1962 wurde ich vom Geheimdienstoffizier Minciu ins Tipografilor-Viertel in eine konspirative Wohnung eingeladen. Er fragte ohne Umschweife, ob ich Informationen über meine Lehrerkollegen liefern möchte. Ich ging auf seinen Vorschlag ein und erklärte mich dazu bereit. So kam es, dass wir uns zwei oder drei Mal in dieser konspirativen Wohnung immer vormittags getroffen haben. Seit Beginn des neuen Schuljahres kannte ich meine Kollegen erst kurze Zeit (etwa einen Monat lang). Ich beendete eine Information über einen Kollegen, daraufhin verlangte Genosse Minciu, dass ich anstelle meines Familiennamens einen anderen Namen benutzen sollte. Schlagfertig erwiderte ich „Calin“, und auf die Frage, wie ich ausgerechnet auf diesen Namen käme, erklärte ich dazu, dass ich mir am Vortag die Rasiercreme „Calin“ gekauft hatte.

Meine Informantentätigkeit war bald beendet. Meine Strategie dabei, zunächst die Tätigkeit nicht abzulehnen, aber niemals relevante Informationen zu liefern, erwies sich als richtig.