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Banater Post

Was heute noch an den Administrationsrat De Jean von Hannsen in Temeswar erinnert

Johann Anton De Jean (Deschan) von Hannsen. Foto: Repro aus Bela Schiffs »Unser Alt-Temesvar«

Rückwärtiger Innenhof mit Laubengang des Scherter-Hauses (ehemaliges Deschan-Palais). Foto: Arch. Paul von Schuster

Die Grabplatte mit dem Wappen der Temeswarer Adelsfamilie Deschan von Hannsen. Foto: Wilhelm Weber

Das Scherter-Haus – das ehemalige Deschan-Palais – nach der Restaurierung. Foto: Repro aus dem Bildband »Temeswar/Timisoara. Eine Perle des Banats«

Als ich noch als Kind und später als Jugendlicher gemeinsam mit meinen Eltern und meinem Bruder an Sonntagnachmittagen unser Familiengrab und das halb links hinter der Fegerkapelle auf dem Josefstädter Friedhof gelegene Grab meiner Urgroßeltern aufsuchte, und auch noch in späteren Jahren, als in diesem Grab eine Tante beerdigt war und unser Weg immer wieder auch zu diesem Grab führte, bestaunte ich die vielen sich gleichenden Grabstätten der Notre-Dame-Schwestern und den in ihrer Nähe stehenden Obelisken. Aus Neugierde ging ich oft entlang der Gräber und las die auf den Kreuzen und Grabsteinen stehenden Namen der Toten. Auffallend war eines dieser Gräber, das weder Kreuz noch sonstige Gräber verzierende Gegenstände aufwies. Auf einem flach auf dem Boden aufliegenden Stein war eine Metallplatte angebracht, deren Aufschrift mich stutzig machte. Diese Namen waren mir bekannt, und meine Neugierde war geweckt. Auch konnte ich bereits etwas mit diesen Namen anfangen, doch beschäftigte mich anderes mehr in jener Zeit, als dass ich mich eingehender mit dieser Grabstätte und den darin Bestatteten befasst hätte.

Nach Kriegseinsatz, Kriegsgefangenschaft, Heirat und Baragandeportation hatte man sich beruflich zu etablieren. Doch führte ein Weg immer wieder – auch nach unserer Aussiedlung in die Bundesrepublik – zum Grab der Tante und zum Grab dessen Aufschrift auf der Metallplatte so lautet: „Deschan Maria von Hannsen, geb. 1846, gest. 1916, Deschan Achill von Hannsen, geb. 1848, gest. 1939”.

Als wir anlässlich eines unserer Temeswar-Aufenthalte vor mehr als 14 Jahren wieder das Grab der Tante aufsuchten, mussten wir feststellen, dass die vielen Gräber der Nonnen geschleift waren und sich an deren Stellen schon andere Gräber befanden. Die Überreste des zerschlagenen Obelisken, wie auch Überreste anderer Gräber lagen auf einem großen Abfallhaufen. Eine große Genugtuung spürte ich, weil ich diese Metallplatte des Deschan-Grabes noch vor dessen Schleifung fotografiert hatte. Nachdem ich mich nun eingehender mit der Familie Deschan von Hannsen befasst hatte, ist mir bekannt worden, dass der hier auf dem Josefstädter Friedhof in Temeswar beerdigte Achill Deschan von Hannsen Vizegespan im Temesch-Torontaler Komitat war und sich in seinem Besitz der Adelsbrief befand, mit welchem sein berühmter Vorfahre vom Habsburgerkaiser Karl VI. in den Adelsstand erhoben wurde. Der
erste Vertreter dieser Familie in der Festung Temeswar versah wichtige Ämter in der damaligen Landesadministration und hinterließ der Stadt eines der bedeutendsten Denkmäler, nämlich das 1740 eingeweihte Dreifaltigkeitsdenkmal, auch Dreifaltigkeitsstatue und Pestsäule genannt.

Nachdem dieses Denkmal schon reparaturbedürftig war, wurde es nach einer einjährigen gründlichen Restaurierung am 9. April 1995 vom Temeswarer Diözesanbischof Sebastian Kräuter wieder eingeweiht, so dass es in neuer Schönheit den Domplatz ziert. Dieses Denkmal wie auch dessen Stifter Administrationsrat und Hofkammerrat Johann Anton Deschan von Hannsen sind aus der Geschichte Temeswars nicht wegzudenken.

Diese verdienstvolle Persönlichkeit wurde als Johann Anton De Jean 1686 im lothringischen Montcassel geboren. Sein Vater war Franzose, seine Mutter war die Tochter des hohen siebenbürgischen Beamten aus Karlsburg namens Nikolaus Groß von Breithard. Seiner bedeutenden Verdienste wegen wurde Johann Anton De Jean, der die Namensvariante Deschan annahm, am 3. Februar 1728, wie schon oben erwähnt, in den erblichen Adelsstand mit dem Adelsprädikat „von Hannsen“ erhoben. In dem Adelsbrief werden einige seiner Verdienste lobend aufgezählt, die zur Adelserhebung führten. Ausführlich wird seine militärische und zivile Laufbahn in einem Bericht über das Dreifaltigkeitsdenkmal von Hans Diplich beschrieben. Dieser wie auch andere Autoren dokumentierten sich aus der Temeswar-Monographie „Unser Alt-Temesvar“ von Bela Schiff.

In einer komprimierteren und nicht alle seine Ämter und Tätigkeiten beschreibenden Form ist seine Biographie in dem „Biographischen Lexikon des Banater Deutschtums“ von meinem ehemaligen Klassenkollegen Dr. Anton Peter Petri aufgelistet. So ist zu erfahren, dass er zwischen den Jahren 1704 und 1718 im kaiserlichen Militärdienst stand, Rechtswissenschaften in Straßburg studierte und 1716 an der Belagerung Temeswars unter dem österreichischen Heerführer Prinz Eugen als Rittmeister (Hauptmann) teilgenommen hatte. 1718 war er auch an der Einnahme Belgrads durch die kaiserliche Armee beteiligt. Danach quittierte er seinen Militärdienst und wurde Beamter im Dienste der unter dem Gouverneur Graf Mercy stehenden Banater Landesadministration. Zuerst versah er die Stelle des Salzamtkontrolleurs. Danach hatte er die oberste Aufsicht über das Banater Mautwesen und wurde 1724 interimistischer Administrationsrat der Verwaltung, um 1726 das Amt des Kameral- und Bergwerk- Oberinspektors zu übernehmen. Ab 1733 ist er als wirklicher Banater Administrationsrat tätig. Als solcher war er für das im Aufbau befindliche Banat neben dem Gouverneur Graf Mercy einer seiner wichtigsten und erfolgreichsten Mitarbeiter. Als nach 1737 sowohl in Temeswar als auch in mehreren Orten der Provinz Pestfälle festgestellt wurden, ist Deschan von Hannsen zum Leiter der Sanitätskommission ernannt worden. Die Pestepidemie nahm bedrohliche Ausmaße an, so dass zwischen den Jahren 1738 und 1740 allein in der Festung Temeswar von den sechstausend Einwohnern über eintausend der Pest zum Opfer gefallen sind. Nachdem auch seine Frau verstorben war, bedurfte er einer Erholungszeit, die ihm auch gewährt wurde. Im März 1740 heiratete er ein zweites Mal eine Baronesse Franziska Theresia Maria Romana von Koch. 1745 wurde er Ungarischer Hofkammerrat und ab 1751 Direktor des gesamten Salzwesens in Ungarn. 1760 verstarb Johann Anton Deschan von Hannsen 74-jährig in Pressburg. Dort wurde sein Sohn Josef Deschan von Hannsen 1754 geboren.

Nachdem die Pest 1740 erloschen war, konnte Deschans Entschluss, nach der Errettung des Banats „Zum ewigen Gedächtnis und zur Danksagung eine steinerne große Saullen“ in Temeswar errichten zu lassen, in die Tat umgesetzt werden. Angeblich hat er in Wien dieses Denkmal der Dreifaltigkeit um eintausend Gulden herstellen lassen und auf dem Wasserweg nach Temeswar gebracht. Es gibt zwar auch die Variante, dass dieses Denkmal im Banat bzw. in Temeswar angefertigt worden sei, doch dafür gibt es keine Beweise. Aus dem Tagebuch der Jesuiten ist zu erfahren, dass die Dreifaltigkeitssäule am 21. November 1740 eingeweiht wurde. Ihr Standort befand sich damals auf einem freien Platz in der Nähe der Siebenbürger Kaserne. Dieser Platz aber wurde von der Baronesse Rosina von Metzrad aufgekauft,und bevor sie dort ein Haus erbauen ließ, wurde das Denkmal 1752 entfernt und dessen Teile in der noch nicht ganz fertig gebauten Domkirche aufbewahrt. 1753 erhielt das Denkmal einen neuen Standort auf dem Domplatz, wo es auch heute noch zu bewundern ist.

Der Sohn Johann Anton Deschans von Hannsen namens Josef – 1754 in Pressburg geboren – war von 1771 bis 1779 Kameralkanzleisekretär, zwischen 1779 und 1813 war er Temescher Kameraladministrator. Zu seiner Lebzeit wurde der von seinem Vater begonnene Bau – nachher Deschan-Palais genannt – beendet. Zuletzt war er Hofkammerrat, doch über sein weiteres Wirken ist nichts mehr bekannt. Ebenso weiß man auch nicht genau, wann und wo er gestorben ist.

Über einen anderen Angehörigen der Familie Deschan von Hannsen, über dessen Grab ich anfangs berichtet habe, ist bei Petri zu erfahren, dass Achill Deschan von Hannsen am 4. August 1848 in Bukowetz (Bucovat) geboren und – wie auch auf der metallenen Grabplatte vermerkt – am 10. November 1939 gestorben und neben seiner Ehefrau Maria Deschan von Hannsen auf dem Josefstädter Friedhof beerdigt ist. Zwischen 1858 und 1866 war er Schüler des Szegediner Piaristengymnasiums. In Kaschau, Fünfkirchen und Pressburg studierte er Rechtswissenschaften und trat 1875 in den Dienst des Temescher Komitats. 1883 ist er als Präsident der Komitatswaisenkommission dokumentiert. Ab 19. Dezember 1889 versah er die Stelle des Temescher Vizegespans und wurde 1897 pensioniert. Für seine Verdienste bekam er 1891 die 3. Klasse des Österreichisch-Ungarischen Eisernen Kronenordens verliehen.

Eine wichtige Stelle versah Achill Deschan von Hannsen als Präsident der Südungarischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft und der Südungarischen Historischen und Archäologischen Gesellschaft. Wie schon erwähnt, wollte sich Johann Anton Deschan von Hannsen ein Haus erbauen lassen. Zu diesem Zweck erwarb er ein 2444 Quadratmeter großes Grundstück in der Festung. Die Fertigstellung seines Hauses erlebte er aber nicht mehr, weil er 1760 verstorben ist. Erst sein Sohn Josef Deschan von Hannsen beendete das in seiner Größe recht ansehnliche Haus.

Ein Bild über die ursprüngliche Vorderfront des in Quaderform erbauten Hauses ist nicht bekannt, denn schon 1856 wurde diese Seite des nach seinem Bauherren und ersten Besitzer Deschan-Palais genannten Gebäudes abgetragen, und an dessen Stelle wurde die Vorderfront im neoklassizistischen Baustil wieder aufgebaut. Dieses Gebäude wird von vier Gassen begrenzt: Von der ehemaligen Eminescu-Gasse, die jetzt Strada Proclamatia de la Timisoara genannt wird, links von der Griselini-Gasse; der Prinz-Eugen-Gasse (heute Strada Eugeniu de Savoya) und von einer ganz engen unbenannten Gasse zwischen dem Deschan-Palais und dem sogenannten Mercy-Haus. Der Haupteingang befindet sich an der Vorderfront, die unterkellert und dreigeschossig ist bzw. aus einem Erdgeschoss und zwei Stockwerken besteht. Diese neoklassizistische Hauptfassade des Deschan-Palais – in späteren Jahren Scherter-Haus genannt – wird in der Höhe der zwei Stockwerke von vier runden korinthischen Säulen und zwei eckigen Pfeilern verziert, die eine Attika tragen. Die beiden Ecken der Fassade zieren zwei eckige Pfeiler. Die beiden Seitenflügel des Hauptgebäudes, wovon der zur Griselini-Gasse zugewandte etwas länger ist, sind mit je fünf eckigen Wandpfeilern geschmückt, während die anschließenden einstöckigen zum Hof zu mit einem Laubengang versehenen Gebäudeflügel einen viereckigen Innenhof umschließen. Diese einstöckigen Gebäudeflügel stammen noch aus der Bauzeit. In den rückwärtigen Hofteil konnte man durch einen dort befindlichen Nebeneingang gelangen.

Aus welchen Gründen auch immer, musste schon 1803 das Gebäude vom Eigentümer Josef Deschan von Hannsen an den Handelsmann Georg Mangyarty um  45 050  Gulden  verkauft werden. Infolge einer öffentlichen Lizitation 1839 wurde das Gebäude samt Branntwein-, Bier- und Weinschanksgerechtigkeit von Georg Georgievits von Apadia und Ehefrau um 49 200 Gulden und 24 Kreuzer erworben. Laut einer gerichtlichen Schätzung im Jahre 1841 hatte es einen Wert von 80 000 Gulden. Vermutlich wurde die 1856 im klassizistischen Stil neu aufgebaute Gassenfront von dieser Familie finanziert, denn an Geld scheint es bei dieser Familie nicht gemangelt zu haben, war doch dieser Georg Georgievits von Apadia Tafelrichter und Bräuhauspächter und seine fünf Kinder 1856 kraft ihres mütterlichen Erbteiles auf die Hälfte des Hauses ins Grundbuch eingetragen. Laut den im Grundbuch befindlichen Intabulierungen wechselten seitdem mehrmals die Eigentümer des Deschan-Palais, bis es in den Besitz des Eisenwarenkaufmanns Otto Scherter gelangte, der am 17. November 1879 in Werschetz geboren wurde. Aus dem „Biographischen Lexikon des Banater Deutschtums“ von Dr. Anton Peter Petri ist zu erfahren, dass Otto Scherters Eisenwarenhandlung dem Kaufmann Pausenberger abgekauft und ins Deschan-Palais verlegt wurde. Nachdem das Deschan-Palais im Besitz von Otto Scherter war und dessen Eisenwarenhandlung zu einer der größten im Banat zählte, wurde das Deschan-Palais auch Scherter-Haus genannt.

Infolge der Verstaatlichungen in der Anfangszeit des Volksdemokratischen Regimes ist auch die Scherterische Eisenwarenhandlung samt dem Gebäude dem Eigentümer Otto Scherter enteignet worden. Dieser musste gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern 1951 das Haus verlassen und sozusagen zwangsumgesiedelt in eine Kellerwohnung in der Temeswarer Josefstadt einziehen. Otto Scherter starb 83-jährig und wurde am Josefstädter Friedhof beerdigt.

Wie aus dem in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien am 22. September 2005 erschienenen Beitrag „Deschan-Palais wird renoviert“ zu erfahren ist, wurde das Deschan-Palais bzw. Scherter-Haus einer umfangreichen Sanierung unterzogen, und zahlreiche Anwaltskanzleien haben sich in den Seitenflügeln des Gebäudes niedergelassen. Der Haupttrakt des Palais’ wurde laut Zeitungsmeldung zu Büroräumlichkeiten umgebaut, wäh-rend die Räumlichkeiten im Innenhof mit dem rückwärtigen Gebäudeflügel Anwaltskanzleien vorbehalten sind. Immobilienfachleute äußerten die Meinung, dass dieses Gebäude bei Firmenvertretungen und Notarbüros gefragt sein wird, weil es zentral und nahe zum Dikasterialgebäude liegt, in dem Gerichtsinstanzen untergebracht sind.

Quellen und Literatur

Schiff, Bela: „Unser Alt-Temesvar“. 1.Teil, Verlag Sonntagsblatt, Temesvar 1937 z Diplich, Hans: Die Dreifaltigkeitssäule, in „Die Dreifaltigkeits- oder Pestsäule in Temeswar. Stationen einer Wiederentdeckung“. Verlag Landsmannschaft der Banater Schwaben, München 1996 z Liebhard, Franz (Reiter, Robert): „Unbekanntes Temeswar“ (II), in „Neue Banater Zeitung“, Temeswar 14.12. 1972 zPetri, Anton Peter, Dr.: „Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums“, Verlag Th. Breit, Marquartstein 1992 zSchuster, Else, von: „Ein Rundgang durch Temeswar“, Verlag ADZ, Bukarest 1999; zEichler, M.; Ciobotaru, D.L.; Rill, M.: „Temeswar/Timisoara. Eine Perle des Banats“, Verlag Süd-Ost, 2009 zAllgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien vom 22. September 2005: „Deschan-Palais wird renoviert“.