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Banater Post

Einziges Ziel: In die Freiheit zu gelangen

Das Buch: "Die Gräber schweigen"

Johann Steiner und Doina Magheti legen zweiten Band der Fluchtgeschichten-Anthologie vor: »Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas«

Das positive Echo, auf das der vor zwei Jahren erschienene Band „Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas“ gestoßen ist, ermutigte die beiden Autoren Johann Steiner und Doina Magheti, im Jahr darauf eine rumänische Fassung im Polirom-Verlag Jassy herauszubringen und vor kurzem einen zweiten Band unter demselben Titel vorzulegen. Und das, obwohl sich seit 2008 nicht viel geändert hat, wie Steiner in seiner Einleitung unterstreicht. Die Gräber am serbischen und am rumänischen Donauufer schweigen noch immer. Die dort Verscharrten sind nach wie vor nicht identifiziert, und die meisten werden wohl für immer unbekannt bleiben. Die in verschiedenen rumänischen Archiven verstreut liegenden einschlägigen Aktenbestände, wovon ein guter Teil vernichtet worden sein soll, sind noch immer nicht zugänglich, so dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Fluchtthematik derzeit unmöglich ist und das Fluchtgeschehen in seiner quantitativ-statistischen Dimension nicht einmal annähernd erfasst werden kann. Bei alledem sind auch viele, vor allem in Rumänien lebende Opfer, Angehörige und Zeugen nicht bereit, über die grausamen Vorkommnisse an der Grenze zu berichten.

Aus all den genannten Gründen darf bezweifelt werden, dass eine vollständige Aufarbeitung des Themas Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und eine lückenlose Aufklärung der an der Grenze zugetragenen Gräueltaten jemals möglich sein wird. Umso wichtiger ist es deshalb, dass je mehr Menschen aus dem Kreis der Betroffenen ihr Schweigen brechen und ihre Fluchtgeschichte dokumentieren. Johann Steiner und Doina Magheti kommt das Verdienst zu, eine Vielzahl solcher Erlebnisberichte zusammengetragen und 108 davon in einem zweibändigen Werk veröffentlicht zu haben. Gemessen an der doch beträchtlichen Fluchtbewegung in der Zeit der kommunistischen Diktatur sind es nur winzige Mosaiksteine. Aber zu einem Ganzen zusammengefügt, ergeben diese Berichte ein authentisches Bild dessen, was sich über einen Zeitraum von viereinhalb Jahrzehnten an der Westgrenze Rumäniens abgespielt hat. Gleichzeitig entlarven sie das menschenfeindliche Antlitz eines Regimes, das sich anschickte, ein ganzes Land in ein Gefängnis zu verwandeln und Millionen Menschen ein freies, selbstbestimmtes Leben zu verwehren.

Wie ausgeprägt muss wohl der Drang nach Freiheit gewesen sein, wie groß die Frustration und Verzweiflung, wie stark der Leidensdruck jener tausenden und abertausenden Menschen, die alles daran setzten, dem kommunistischen Inferno zu entkommen? Dass sie dabei Gefahr liefen, gefasst zu werden und im Gefängnis zu landen, dass sie gar ihr Leben riskierten, war allen bewusst. Doch der Wunsch, ein menschenwürdiges Leben in Freiheit zu führen, war so groß, dass sie nichts abschreckte – kein Stacheldraht und kein Wassergraben, keine Donau und kein Bega-Kanal, kein Schießbefehl und keine Wachhunde, keine Folter und keine Haftstrafe.

Die 546 Kilometer lange Grenze zu Jugoslawien schien zwar dank des ausgeklügelten Sicherungs- und Bewachungssystems eine schier unüberwindbare Barriere zu sein, doch für viele Bürger Rumäniens stellte der illegale Grenzübertritt in das benachbarte Land die einzige Möglichkeit dar, dem Elend des Sozialismus zu entfliehen. Für sie war Jugoslawien das Tor zur Freiheit. Um unbeschadet über die grüne Grenze oder die Donau zu gelangen, mussten sich die „Grenzgänger“ für eine erfolgversprechende Fluchtvariante entscheiden, ihr Vorhaben minutiös planen und die nötigen Vorkehrungen treffen, wobei Einfallsreichtum und Erfindergeist besonders gefragt waren. Wieviel Glück dann noch dazu gehörte, stellen die neuen Geschichten der Flüchtlinge eindrucksvoll unter Beweis. Vielen von ihnen ist die Flucht gelungen, aber für einen Teil nahm sie ein tragisches Ende. Das Freiheitstor wurde zur Todesfalle.

Besonders berührend ist das Schicksal von Peter Eisgeth aus dem siebenbürgischen Zeiden. Er war in einen mit Knochenfett gefüllten Tankwaggon gestiegen, in der Annahme, dass dieser nach Mailand fährt. Statt im Westen kam er in Craiova an: tot. Die Umstände seines jämmerlichen Endes – ob erstickt oder bei lebendigem Leibe gekocht – werden wohl nicht mehr zu klären sein. Andere Flüchtende wiederum, wie Norbert Koch aus Lenauheim, der als Jugend-
licher beide Beine verloren hat, als er auf einen in Richtung Jugoslawien fahrenden Zug aufspringen wollte, blieben für ihr Leben gezeichnet.

Die meisten Fluchtversuche sind gescheitert. Für die von rumänischen Grenzern gestellten oder von den Serben entsprechend einer bilateralen Vereinbarung von 1964 an Rumänien ausgelieferten Flüchtlinge führte das Freiheitstor in diesem Fall in die Hölle der kommunistischen Gefängnisse. Sowohl dort als auch schon zuvor, an der Grenze, waren Prügel und Folter an der Tagesordnung. Auch darüber gibt es Berichte, wie den an Dramatik kaum zu übertreffenden von Peter Schuster aus Kirtsch bei Mediasch. Sein „Dornenreicher Weg in die Freiheit“ begann 1956, als er nach einem misslungenen Fluchtversuch für zwei Jahre im Gefängnis landete, wo er unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt war, setzte sich 1979 mit einem erneuten Gefängnisaufenthalt – diesmal von sechs Monaten – wegen des gleichen Deliktes fort und endete erst 1982, als er legal nach Deutschland ausreisen konnte.

Im zweiten Band kommen – anders als im ersten – verstärkt Flüchtlinge zu Wort, die den Weg
in die Freiheit über die Donau gesucht haben. Wie viel Glück notwendig war, um überhaupt an das Ufer des Stromes zu gelangen und diesen auch noch schwimmend, paddelnd oder mit dem Motorboot zu überwinden, zeigen sieben der insgesamt 23 chronologisch geordneten Geschichten des Fortsetzungsbandes. Dem aus der Bukowina stammenden Kristof Ladis war es schon 1948 gelungen, durch die Donau zu schwimmen und nach anderthalbjähriger Gefangenschaft in Jugoslawien schließlich in die Vereinigten Staaten auszuwandern, wo er sich einen Namen als Politikwissenschaftler machte. „Schwimmend in die Freiheit“ gelangte dreißig Jahre später nur durch „eine Reihe glücklicher Zufälle, eine perfekte Organisation und ein fehlerfreies Zusammenspiel vieler Komponenten“ auch Alfred Wiesenmayer aus Guttenbrunn. In zum Teil lecken Schlauch- oder Fischerbooten setzten in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Klaus Schneider aus Stolzenburg, Mathias Possler aus Jahrmarkt und Michael Buschinger aus Rekasch mit Gleichgesinnten über die Donau. Als besonders dramatisch sollte sich die Flucht von Lothar Rujiska-Hafer aus Altsadowa in einem als Boot präparierten Traktorreifen im Jahr 1985 erweisen. Wegen der starken Strömung musste er das Gefährt verlassen und mit seinen beiden Mitstreitern bis an das rettende Ufer schwimmen. Drei Jahre später gelingt es Franz Pankratz, ebenfalls aus Altsadowa, mit Frau und zwei Kleinkindern die Donau mit einem Motorboot zu überqueren.

Den Wasserweg wählte auch der aus dem bekannten Temeswarer Musikhaus stammende Anton Braun, allerdings entschied er sich für den Bega-Kanal, der auf einem zwei Kilometer langen Abschnitt die rumänisch-jugoslawische Grenze bildet. Eindringlich schildert der heute in Egelsbach bei Frankfurt am Main lebende erfolgreiche Querflötenbauer, wie er nach sorgfältiger Planung und langer Vorbereitung als Taucher im Oktober 1977 serbisches Territorium erreichte.

Eine ganze Reihe von Geschichten handelt von gelungenen Fluchtversuchen über die grüne Grenze. Wie es Flüchtlingen aus dem rumänischen Banat in serbischen Gefängnissen und Arbeitslagern 1950 erging, als der Konflikt mit Stalin schon voll schwelte, verdeutlicht der Bericht von Anton Wambach aus Tschanad. Von vier tschechischen Studenten im Auto über die Grenze geschmuggelt wurde Helmut Metz aus Gertianosch, der in die DDR ausgewandert war und als Staatenloser im August 1968 Rumänien besuchte, wo er vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei überrascht wurde. Kurz vor dem Sturz der Ceausescu - Diktatur    flüchteten Alfred Umberath aus Henndorf, Paul Muck aus Altsadowa und
Ignaz Pfleger aus Jahrmarkt in den Westen. Einen halb legalen und halb illegalen Weg schlugen 1985 Elisabeth Taugner aus der Gemeinde Großkomlosch und deren Tochter ein, die ihre Pässe für den „kleinen Grenzverkehr“ nutzten, um über Belgrad nach Deutschland zu gelangen.

Manche Flüchtlinge versuchten ihr Glück weder über die Donau noch über die grüne Grenze nach Jugoslawien. Gerhard Dabi aus Hermannstadt beispielsweise sah sich 1978 nach Fluchtmöglichkeiten in der DDR um, wurde aber letztlich gefasst, den rumänischen Behörden überstellt und ins Gefängnis geworfen. Wie eine Odyssee liest sich die Geschichte von Hans Füger aus Frauendorf, der drei Reisen in die DDR in den achtziger Jahren nutzte, um seine Fluchtpläne umzusetzen, jedoch erst beim achten Versuch, den Eisernen Vorhang dank der Unachtsamkeit von Grenzbeamten zu passieren, erfolgreich war. Den Weg über die Marosch nach Ungarn wählte der aus Temeswar stammende orthodoxe Priester Gheorghe Naghi. In einem offenstehenden Kofferraum und ohne Wissen des Fahrers gelangte er schließlich über die österreichisch-deutsche Grenze. Heute lebt er in den USA.

Dass Bürger fremder Staaten versucht haben, über Rumänien in den Westen zu fliehen, dürfte weniger bekannt sein. So hat es in den ersten Nachkriegsjahren eine Fluchtbewegung von Deutschen aus dem serbischen in den rumänischen Teil des Banats gegeben, die den von Tito-Partisanen eingerichteten Vernichtungslagern entkommen wollten. Davon und von der Hilfe, die die Flüchtlinge von ihren Landsleuten jenseits der Grenze erfahren haben, aber auch von ihrem weiteren Weg in den Westen handeln die Berichte von Herbert Prokle und Anton Ellmer. Über den 1970 von drei DDRBürgern unternommenen Versuch, über Rumänien nach Jugoslawien zu fliehen, schreibt einer der Beteiligten, der Arzt Wulf Rothenbächer, dessen Eltern aus Siebenbürgen stammen. An der grünen Grenze im Banat gefasst, werden sie in die DDR abgeschoben und dort zu Gefängnisstrafen verurteilt, um schließlich durch Freikauf in die Bundesrepublik Deutschland zu gelangen.

Hinzuweisen wäre noch auf die 31 Seiten umfassende Einleitung, in der Johann Steiner mit neuen Erkenntnissen aufwartet, die er infolge der Auswertung der einschlägigen rumänischen und deutschen Veröffentlichungen der letzten Jahre gewonnen hat. Mehr als die Journalisten beschäftigte das Thema die Schriftsteller, vor allem jene, die dem kommunistischen Rumänien den Rücken gekehrt haben, so Steiner. Auch darauf geht der Autor ein. Ebenso berichtet er über die spektakuläre Flucht der vielfachen Turn-Olympiasiegerin und -Weltmeisterin Nadia Comaneci nach Ungarn und anschließend in die USA, ferner über die Flucht der beliebten Rockband Phoenix aus Temeswar über Jugoslawien nach Deutschland sowie über die einzige gelungene Flugzeugentführung aus Rumänien.

Die neuen Fluchtgeschichten sind beeindruckend und erschütternd zugleich, offenbaren sie doch den unbändigen Freiheitsdrang vieler von einer brutalen Diktatur geknechteter Menschen und den hohen Preis, den diese dafür zu zahlen bereit waren. Sie stellen einmal mehr unter Beweis, wie eng Elend, Leid und Tod, Glück und Freude, menschliche Größe und Niedertracht beieinander liegen.

Johann Steiner, Doina Magheti: Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas. Band 2. 304 Seiten. ISBN 978-3-00-031829-0. Preis 22 Euro inkl. Versandkosten. Zu bestellen beim Verlag Gilde & Köster, Am Wassergraben 2, 53842 Troisdorf, Tel. 0175 / 6094431 oder 02246 / 21 66, E-Mail verlaggilde@web.de