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Banater Post

Audienz im Vatikan: Einsatz für die Bărăgan-Deportierten (2)

Während ihres Aufenthalts in Rom im April 1954 besichtigte die Abordnung der Banater Schwaben aus dem Arbeitskreis Südostdeutscher Katholiken (von links: Fritz Wilhelm, Nikolaus Engelmann, Pfarrer Franz Wolf, Pfarrer Michael Ochsenfeld, Hans Diplich) die Sehenswürdigkeiten der „Ewigen Stadt“ .

Die Banater Abordnung wurde in Vertretung von Papst Pius XII. von Staatssekretär Giovanni Battista Montini, dem nachmaligen Papst Paul VI., empfangen.

Erstes Spielschar-Klassentreffen 1978 in Wolterdingen/Donaueschingen (von links): Josef Stemper (†), Heinrich Schmitzer (†), Nikolaus Knebel, Hans Schäfer (†), Walter Wilhelm, Josef Kugler (†), Franz Hadesbeck (†). Foto im Besitz von Margarete Grawisch

Die Rom-Reise in der Osterwoche 1954

In Diplichs Rückschau heißt es weiter: „Das zweite Mal stand Jakob Wilhelm zwar nicht so ausschließlich im Vordergrund, aber er war mit dabei, als drei Jahre später, in der Osterwoche 1954, eine Gruppe aus dem Arbeitskreis Südostdeutscher Katholiken (dem nachmaligen Gerhardswerk) nach Rom reiste, um mit dem alten Anliegen – Baragan und Familienzusammenführung – im Vatikan vorstellig zu werden; was auch geschah. Die Tatsache, dass die angeschnittenen Probleme über Rom nach Washington und Bonn weitergeleitet wurden, trug damals wesentlich dazu bei, ein Bewusstsein westlicher Solidarität einzuleiten (…). Die dazu notwendige Kleinarbeit, die taktischen Maßnahmen wurden in zahllosen (nie bezahlten!) Stunden hervorgebracht, und da hat Wilhelm sein gerüttelt Maß beigetragen!“  

Der Rom-Gruppe gehörten an: zwei Priester, Michael Ochsenfeld (Deutschland) und Franz Wolf (Rom), Jakob Wilhelm und sein Sohn Fritz, Hans Diplich und Nikolaus Engelmann. Die beiden Priester waren Jugendfreunde, sie gehörten zu den ersten Absolventen des Deutschen römisch-katholischen Lyzeums (1933), waren also Banatia-Schüler. Ihrer Klasse kam ab 1926 eine entscheidende Vorreiterrolle zu. Darüber schreibt Josef Zirenner ausführlich in der Dr. Hans Weresch zu seinem 80. Geburtstag gewidmeten Festschrift (1982, S. 96-103), zudem habe ich etliche Aufzeichnungen von persönlichen, zum Teil telefonischen Mitteilungen. Zirenner, selbst einer von ihnen (alle Geburtsjahrgang 1915), war zugleich einer von den sieben (!) Absolventen, die sich dem Studium der Theologie zugewandt hatten.

Franz Wolf (später Päpstlicher Ehrenprälat und Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse) lebte seit Anfang 1953 in Rom, zuerst mit Studienurlaub, seit September 1953 verdienstvoll in der  Seelsorge der deutschen Gemeinde von Rom tätig (bis 1964). Auf den Fotos erkennt man ihn sofort an der für einen römischen Priester typischen bodenlangen Soutane und dem „komischen“ Rundhut (so Nikolaus Engelmann). Michael [Mischi] Ochsenfeld, Bruder meiner Mutter, war mit Jakob Wilhelm und mit Diplich befreundet. Auch er war Gründungsmitglied des St. Gerhardswerkes und bis 1957 (mit schriftlichem Auftrag von Bischof Pacha) hauptsächlich in der Flüchtlingsseelsorge engagiert. (Über beide erschienen zu konkreten Anlässen Berichte und Würdigungen, unter anderem in der „Banater Post“, Nr. 6/1963, Nr. 9/1963, Nr. 8/1975. Luzian Geier verweist auf das umfangreiche Werk von Prälat Florian Müller: „Nekrolog der katholischen Priester aus Rumänien“, Donzdorf 1995. Auskünfte finden sich noch in Petris „Biographischem Lexikon des Banater Deutschtums“, bei Nikolaus Engelmann, im Gerhardsboten.)

Jakob Wilhelm war über all diese Jahre höchst beunruhigt wegen der ungelösten Bărăgan-Situation, war doch der eigene Sohn mit seiner jungen Familie einer der Betroffenen. Über das Zustandekommen dieser Reise schrieb mir Engelmann: „Ihr Onkel dürfte über Franz Wolf unseren Besuch in Rom angeregt haben, im Vatikan Hilfe gegen die Baragan-Verschleppung zu erhalten. Meine Teilnahme an der Fahrt verdankte ich dem persönlichen Wunsch von Franz Wolf.“ (Brief vom 27. August 2001)

Empfang in der Vatikanischen Bibliothek

Bei einem Besuch in Pinzdorf am 18. Oktober 1996 hat Engelmann eher Anekdotisches von dieser Romfahrt preisgegeben. Zu der durch Franz Wolf ermöglichten päpstlichen Audienz formuliert er die Essenz der päpstlichen Antwort: „Wir haben nach Bukarest keinerlei [diplomatische] Verbindungen“. Über das persönliche Erleben kann nur mehr der Jüngste der Rom-Fahrer, Fritz Wilhelm, berichten. Er erinnert sich an Details: Die Gruppe wurde erwartet und von der Schweizer Garde bis zur 3. Etage in die Vatikanische Bibliothek begleitet. Das sei ein „überwältigendes Erlebnis“ gewesen. Zur
Audienz erschien nicht Papst Pius XII. (1939-1958), krankheitsbedingt hat er sich durch Monsignore Giovanni Battista Montini vertreten lassen, den nachmaligen Papst Paul VI. (1963-1978). Dieser, Vertrauter seines liberalen und weltoffenen Vorgängers Johannes XXIII., trachtete während seines Pontifikats dessen Reformprogramm während des weitergeführten Zweiten Konzils durchzusetzen. Im April 1954 war Montini Staatssekretär des Vatikans. Er gewährte dieser Gruppe von sechs Leuten über eine halbe Stunde Zeit, ihr Anliegen darzustellen, folgte ihrem Bericht hoch interessiert, auferlegte ihnen aber abschließend völlige Diskretion über diese Begegnung und den Inhalt der Gespräche.

Sowohl die lapidare Antwort des Papstes als auch die Weisung Montinis überraschen nicht, wenn man bedenkt, dass in Rumänien die Kette der gegen Vertreter der römisch-katholischen und griechisch-katholischen Kirche inszenierten (Schau-) Prozesse nicht abreißen wollte. Von Luzian Geier liegt eine detaillierte Mitteilung über die letzte „Vatikan-Spionin“ vor (siehe Beitrag in dieser Ausgabe). Dass nun,  ungeachtet solcher Umstände, dieses private Rom-Unterfangen einer kleinen Gruppe dennoch Augen geöffnet und offene Ohren gefunden hatte, darauf hat Diplich hingewiesen (siehe weiter oben). Sie besuchten auch den Soldatenfreidhof, wo Pfarrer Ochsenfeld eine Andacht für die Opfer des Zweites Weltkriegs hielt. Diplich fasste zusammen: „Unvergessen sind die Tage in Rom geblieben, das gemeinsame Erleben der Ewigen Stadt, das unseren Kameradschaftsgeist wohl für immer zusammenführte.“ – Jüngster Anlass für Diplichs Erinnerungen war der Tod Jakob Wilhelms (1977). Er gedenkt auch der beiden früher Verstorbenen, Michael Ochsenfeld (1963 in Marzoll bei Bad Reichenhall) und Franz Wolf (1975 in Regensburg). Seither sind weitere 39 Jahre vergangen –  Diplich starb 1990 in Ravensburg-Vogt, Engelmann 2005 in Eisenstadt/Österreich.

Zusammenführen − ein wichtiges Anliegen

Walter Wilhelm kam – wie alle anderen Bărăgan-Deportierten – erst 1956 zurück ins Banat, 1957 wurde der zweite Sohn, Fritz Wilhelm, geboren. 1963 durfte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik ausreisen; er wurde freigekauft. Als Vermittler nennt er den damals in England lebenden Geschäftsmann Henry Jakober, der auch in der Angelegenheit von Josef Nischbach, Dr. Hildegardis Wulff, Dr. Franz Kräuter und Schwester Patrizia Zimmermann mitgemischt haben soll. Für ihn und die Seinen war auf ein Schweizer Sperrkonto die Summe von 15000 DM deponiert worden. Niedergelassen hat sich Walter Wilhelm in der Nähe von Vater und Bruder in Overath, wo er auch heute lebt. Seinen Lehrerberuf hat er noch eine Reihe von Jahren ausgeübt.

Beispielhaft während der Jahre in Deutschland war und ist seine lebhafte Anteilnahme am Schicksal seiner ehemaligen Kameraden. Er geht auf alle zu und sorgt dafür, dass die Kontakte nicht abbrechen. Overath war denn auch der Ort des zweiten Spielschar- und Klassentreffens in Deutschland, nach Wolterdingen / Donaueschingen 1978. Wie aus den Kindern seines Bruders (zwei Töchter, ein Sohn) sind aus Walter Wilhelms Söhnen tüchtige Leute geworden. Beide erfreuen sich an ihren Enkeln und Urenkeln. Sohn Bruno ist dem Vorbild von Großvater, Onkel und Vater gefolgt: Er war lange Zeit stellvertretender Vorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Nordrhein-Westfalen, ist Vorsitzender des Kreisverbandes Rhein-Berg der Landsmannschaft und in der Leitung der Heimatortsgemeinschaft Ostern aktiv. Beide Brüder sind seit vielen Jahren Witwer, ihnen fehlt der Partner, mit dem sie Leid und Freud teilen könnten. Dass sie ihre Lebensaufgaben gemeinsam geschultert haben, erfüllt aber beide mit Dankbarkeit.