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Banater Post

Balkanischer Narr oder Folterknecht?

Selbst die Jahrmarkter Blaskapellen standen im Visier der Securitate. Im Bild die Loris-Kapelle (Aufnahme um 1960)

Jenaer Tagung »Die Securitate in Siebenbürgen« vom 24. bis 26. September

„Ich dachte, die Geschichte sei zu Ende gedacht, da fing alles erst an“ – beginnt Richard Wagner eine Erzählung in seinem Prosaband „der anfang einer geschichte“, 1980 im Dacia-Verlag erschienen. Zu Ende gedacht, so dachten viele, wäre die Geschichte des Kommunismus’ und der Securitate, als 1989 die Wende in Osteuropa eintrat – auch in Rumänien. Aber die Aufarbeitung der finsteren Jahre jener Geschichte fing erst an. Und heute, zwanzig Jahre nach der Wende, sind wir noch am Anfang, hieß es auf der Jenaer Tagung „Die Securitate in Siebenbürgen“, die vom Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde Heidelberg (AKSL) und dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) und dem Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte am Historischen Institut der Universität Jena organisiert wurde. Richard Wagner, der von Peter Motzan als der Schriftsteller mit dem kürzesten Gedicht („Er schreibt.“) vorgestellt wurde, las aus verschiedenen Manuskripten Gedichte, Briefausschnitte, Prosastücke, Ausschnitte aus seiner Geheimdienstakte sowie Auszüge aus seinem neuen Roman vor.

Er erzählte Anekdoten und Geschichten, analysierte, blickte zurück und regte so zu einer lebhaften Diskussion unter den Teilnehmern an, die sich noch am Abend und den beiden folgenden Tagen fortsetzte. „Der Antikommunist hockt auf der Schulter des Kommunisten, der dem Antikommunisten im Nacken sitzt“, so Wagner, der in seiner kaleidoskopischen Vorlesung den Unterschied zwischen einem Kommunisten, einem Kollaborateur, einem Dissidenten, einem Revolutionär und einem Parteimitglied zu erläutern versuchte und dazu eine Gedichtzeile aus seinem 1980 veröffentlichten Band „Hotel California“ zu Hilfe nahm: „Some dance to remember, some dance to forget …“ (Manche tanzen, um zu erinnern, andere tanzen, um zu vergessen). Wagner wehrt sich gegen die Verwendung des Begriffs Dissident für osteuropäische Politiker wie Lech Valesa oder Waclav Havel, denn gemäß der wörtlichen Bedeutung des Wortes Dissident, müssten das Abtrünnige sein. Diese Differenzierung führt unweigerlich zu der Frage, wem die Regimekritik eigentlich gehört?

Der einzige bedeutende Dissident sei Imre Nagy (1896–1958), der ungarische Ministerpräsident, ein Reformkommunist, so Wagner. Von den ausgesiedelten Deutschen aus Rumänien pflege jeder von ihnen sein „eigenes Rumänienbild“, den Minderheitenstatus gibt es nur noch in Köpfen, um die Identität zu wahren. Das Studium oder Nichtstudieren der Geheimdienstakten diene dazu, dieses individuelle Bild zu entschlüsseln oder zu pflegen, denn „die Akten enthalten nicht die volle Wahrheit, aber ihre Details“. Richard Wagner, der auch Mitglied der Kommunistischen Partei in Rumänien war, bekennt sich zu seiner Vergangenheit. Er hat seine Securitate-Akte studiert und kennt die Informanten, die ihn verraten haben. Es waren sogar Leute aus seinem Freundeskreis dabei, wie Werner Söllner als IM Walter, der letztes Jahr seine Mitarbeit mit der Securitate bei einer Münchner Tagung öffentlich eingestand. Wagner möchte jedoch, wie er stets betont, an alle Informellen Mitarbeiter der Geheimdienste das gleiche Maß anlegen: Es gehe eben nicht um die Frage einer Rollenverteilung im Kommunismus, um gute oder schlechte Informelle Mitarbeiter, um die Mittel bei der Verfolgung eigener Ziele, sondern es geht um die Inkonsistenz einer Gesellschaft, die sich fortsetzt bis heute. Seine Analysen und Erfahrungen finden Niederschrift in seinen Büchern, sei es als essayistische Analyse der Parallelitäten in den ehemaligen kommunistischen Ostblockländern oder als Fiktion in seinen Romanen und Erzählungen. Der neue Roman erscheint im Frühjahr nächsten Jahres.

Katharina Lenski, Historikerin an der Universität in Jena, DDR-Opositionelle, schilderte eindrucksvoll und persönlich emotional bewegt ihre Lebensgeschichte nach Einsicht ihrer Stasi-Akte. Ihr Leben sei ihr danach wie ein „zerbrochener Spiegel“ vorgekommen. Gewalthandeln existentiell zu erleben hatte zu Erschrecken und gleichzeitig zu Ernüchterung geführt. Sie plädierte für mehr Verständnis für die Opfer.

Kaum eine Strafverfolgung für Geheimdienstler

Martin Jung, Doktorand aus Jena, stellte fest, dass die Securitate über das Wendejahr 1989 hinaus noch aktiv war und „Land und Leute“ kontrolliert habe. Allein schon wenn man die Tatsache bedenkt, dass lediglich zwei der ehemaligen Securitate-Offiziere in Rumänien strafverfolgt wurden. Mehr als 200 Verfahren wurden eingestellt, wie jenes gegen den ehemaligen Gefängniswärter von Ajud. Andere Fälle, wie der von Gheorghe Ursu, blieben ungeklärt. Das lässt vermuten, dass die Geheimdienstpolizei Securitate sich zu einer Obsession mit mythologischen Zügen entwickelte, wie es die Künsterin Ada Milea in ihrem Lied „Ceausescu ist gestorben“ geschildert hat.

Von der CNSAS, dem rumänischen Nationalen Rat für die Aufarbeitung der Securitate-Archive (Bukarest), sind vier Vertreter der Einladung nach Jena gefolgt. Dragos Petrescu, der Präsident der CNSAS, sprach über die „Unterlagen der Securitate im Spannungsfeld zwischen literarischem Wert und Dissidenten-Literatur“. Dabei unterschied er zwischen einer ethischen und einer ästhetischen Dissidenz. Er führte Beispiele auf wie Paul Goma, den Sender Freies Europa oder die radikalen Dissidenten in Rumänien wie Doina Cornea, Radu Filipescu, Dan Petrescu und andere. Georg Aescht, der die Diskussion moderierte, betonte, dass die Situation in Rumänien nicht vergleichbar wäre mit der anderer osteuropäischer Staaten. Richard Wagner hatte bereits 1991 in seinem Buch „Sonderweg Rumänien. Bericht aus einem Entwicklungsland“ festgestellt, dass es sich bei Rumänien um einen Sonderweg im Ostblock handelte.

Einen Sonderweg bei der Aufdeckung der Wahrheit und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit Rumäniens geht auch der Historiker Marius Oprea, der in einem außergewöhnlich anschaulichen Vortrag mit Filmmaterial die Paradoxien der rumänischen Gesellschaft aufwies. Er versucht seit Jahren, die Untaten der Securitate aufzudecken, nachdem er aus verschiedenen öffentlichen Ämtern entlassen wurde, da er durch eigenständige Forschung den Unmut so mancher Regierenden erregte. Oprea, der mit dem Film „Poporul pierdut“ (Regie: Andrei Mester) in Bild und Film veranschaulichte, dass die Securitate, die etwa 617 172 Opfer verhaftet hatte, etwa 10 000 Menschen ohne Urteil hingerichtet habe. Eine angemessene Entschädigung der Opfer erfolgte nicht: die Rente eines politischen Häftlings ist heute ungefähr 140 Euro, während die Rente eines ehemaligen Securitate-Offiziers bis zu 1400 Euro betragen kann. Oprea hat eine private Forschungseinrichtung gegründet, die unter anderem von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit unterstützt wird, und er sucht nach verschollenen Securitate-Leichen, um die Verbrechen des Geheimdienstes aktenkundig zu machen.

Nicht selten wird er deswegen der Grabschändung bezichtigt, angeklagt, obwohl er seine Forschungsergebnisse als dakische Funde deklariert. Oprea ist mutig und eigenwillig. Er sagte, dass er die Theorien, die er all die Jahre gehört habe, satt hatte, und somit beschlossen habe, zur Praxis überzugehen und Leichen zu suchen. 23 Menschen, die unbekannt verschwunden waren, habe er bereits gefunden, weitere Fälle will er noch aufdecken. Das Geld für seine Arbeit versucht er mühsam zusammenzutragen. Etwa zwei Millionen Securitate-Betroffene gab es im kommunistischen Rumänien laut Oprea. Der Geheimdienst versuchte seit den fünfziger Jahren immer mehr und mehr Spitzel zu akquirieren, das ihm stets gelang, da sie mit der Angst der Menschen operierten. Die Angst verfolgt, verraten, gequält zu werden, die von der Securitate geschickt verwaltet wurde, war ihr größter Triumph. Wie die Securitate mit der Angst operierte, war auch im Lebensbericht von Pfarrer Fugel aus Uiwar in dieser Zeitung vom 5. September zu lesen. Als die Verwaltung der Angst gescheitert ist, da immer mehr Menschen keine Angst mehr hatten, war dies das Ende des Unterdrückerregimes. Trotzdem stellt Oprea fest, dass die Menschen in Rumänien auch gegenwärtig noch das Gefühl haben, dass es zwei Länder gibt: das der Opfer und Verfolgten und das der Henker, Spitzel und Verfolger.

Verfolgung der deutschen Minderheit

Virgil Tarau, stellvertretender Vorsitzender der CNSAS, unterscheidet in seinem Referat „Die Rumäniendeutschen und die Securitate“ drei Etappen in der Tatsache, wie Rumänien seine deutsche Minderheit verfolgt und behandelt hat: die Nachkriegsschuld nach 1945, die den Deutschen angelastet wurde und wofür sie büßen sollten. Deportationen, Verschleppung und Verfolgung waren die Folgen. Zweitens die ideologische Anpassung der Minderheit in der Phase danach und drittens in den siebziger und achtziger Jahren die Diversifikation der ideologischen Inhalte bei den Deutschen. Die Vergangenheit stellte für alle Deutschen eine Last im Kommunismus dar. Mildernde Umstände ließen die rumänischen Kommunisten nur insofern gelten, wenn sie sich Vorteile durch das deutsche Mutterland von dieser Minderheit erhofften.

Liviu Burlacu, rumänischer Historiker von der CNSAS, erläuterte die Umstände der „Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion aus der Sicht der Securitate“. Dieses Thema erregte allgemein die Zuhörer und führte zu zahlreichen Wortmeldungen an die anwesenden CNSAS-Mitarbeiter. Die Frage von Professor Weber, warum der rumänische Staat bis heute nicht die Umstände der Deportationen der deutschen Minderheit offenlegt, kann nicht beantwortet werden. Die Geheimdossiers der Verhandlungen mit der Sowjetunion lagern noch immer zum Teil in Moskau. Marius Oprea, der als damaliger Direktor im Außenministerium von einem Angebot Moskaus für den Verkauf der Akten nach Rumänien im Jahre 1993 berichtet, erklärte den verwehrten Zugang zu diesen Akten damit: Rumänien hat sich geweigert, die von Moskau geforderten ein Dollar pro Akte (es handelte sich um 217 000 Dossiers) zu zahlen, somit liegen die Unterlagen bis heute in den Moskauer Archiven.

Archivleiter Silviu Moldovan, Historiker bei der CNSAS, sprach über die Rolle der deutschen Minderheit im kommunistischen Rumänien. Er stellte fest, dass die Deutschen in Rumänien ein vorbildlicheres Verhalten als so mancher Rumäne dem Staate gegenüber hatten („atitudine cavalereasca fata de statul roman“). Diese Feststellung führte jedoch zu Dementierungen und Inakzeptanz bei den Anwesenden in Jena. Zu der Rolle der Securitate bei der Verfolgung der deutschen Minderheit sprach Moldovan von frühen Verfolgungen bereits seit den frühen fünfziger Jahren, was ebenso Hannelore Baier in ihrem Referat über die deutsche Minderheit und die Securitate schilderte. Bereits seit den dreißiger Jahren hatte die Vorgängerorganisation der Securiate, die Siguranta, die deutsche Minderheit ins Visier genommen. Die kulturellen Einrichtungen der Deutschen haben früh die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes auf sich gezogen. So wurden neben der deutschen Presse und dem Fernsehen der Schubert-Chor in Temeswar, das Lenauhaus in Lenauheim sowie die „Fanfara din Giarmata“ beobachtet. Die Geschichte der Jahrmarkter Blaskappellen, die angeblich im Visier der Securitate waren und worüber es in der Behörde einen Dossier gebe, zog meine Aufmerksamkeit besonders auf sich, da ich als in Jahrmarkt Geborene viele Aspekte dieser Geschichte kenne und unsere Heimatforscher aufrufe, sich baldmöglichst dieser Sache anzunehmen. Denn es gilt, dass man die Zukunft nur verstehen kann, wenn man die Vergangenheit kennt. Es gab bei dem kommunistischen Geheimdienst vielerlei „Bemühungen, da hineinzuwirken“, in die Kultureinrichtungen der Minderheit in Rumänien.

Auf die Landsmannschaften kam man dann auch zu sprechen: Es gibt viele Einzeldossiers („dosare individuale“), bei denen Überraschungen nicht ausgeschlossen sind, laut der Aussage einiger Forscher, die die Akten eingesehen haben, und auch von Presseleuten, wie der Redakteurin Hannelore Baier von der ADZ (Allgemeine Deutsche Zeitung, Bukarest). Die Unversöhnlichkeiten und Feindschaften, die zuweilen innerhalb der Landsmannschaften als auch untereinander gepflegt werden, sollten ausgemerzt werden. Versöhnung, Verzeihung und Aufarbeitung sei nötig. Alle sind schmerzlich miteinander verbunden, niemand kann sich entziehen, niemand ist voll verantwortlich und niemand ganz unschuldig.

Die Diskussionen, die mit der Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller seit Oktober 2009 neu entfacht wurden, beweisen, dass die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Die Folgen der Diktatur, der Bespitzelung, Miss-trauen, Verrat, Lüge, Furcht und Hass entfaltet seine Wirkung auch noch zwanzig Jahre später, nachdem das System abgeschafft ist. So galt in Jena, dass – obwohl der Titel der Tagung die Securitate in Siebenbürgen war – auch die Banater teilnahmen, mit einbezogen wurden und anwesend waren. Brücken wurden geschlagen und Vorgänge verglichen. Herta Müller hatte eine dieser Brücken auf die internationale Bühne gebracht: die Lebensgeschichte eines Siebenbürger Sachsen in ihrem bedeutendsten Roman „Die Atemschaukel“.

Der Historiker Georg Herbstritt von der Bundesstelle für Stasi-Unterlagen (BStU) aus Berlin berichtete über einige Vertreter der Siebenbürger Sachsen, die für die Stasi tätig waren. So gab es in den fünfziger Jahren eine IM Gerda als Lockvogel in mehreren Entführungsfällen sowie ein Siebenbürger Sachse, der in der DDR lebte und Karriere als Stasi-Offizier machte. Ein Raunen ging durch den Raum, als vermute oder wüsste man genau, um wen es sich handele. Das Interesse der Stasi an Rumänien war jedoch eher wirtschaftlicher und politischer Natur, um die Zuverlässigkeit des „Bruderstaates“ zu prüfen, so Herbstritt.

Die Kirchen und der Geheimdienst

Der zweite Tagungstag nahm die Kirchen ins Visier. Oberkirchenrat i.R. Uwe-Peter Heidingsfeld sprach über die antikirchliche Repression in der DDR und in Rumänien im Vergleich. Er verglich die Lage und Funktion der evangelischen Kirche in der DDR, die souverän, machtbewusst, staatskritisch, eigenwillig handelte und sich in die Politik einmischte, mit der in Rumänien. In der DDR-Kirchengemeinschaft hatte sich so manche Opposition herausgebildet, und von dort ging schließlich 1989 die friedliche Revolution aus. Die evangelische Kirche in Siebenbürgen jedoch war im Kommunismus unterwürfig, angepasst und versuchte die Tatsachen zu verschweigen, so Heidingsfeld. Er äußerte sich auch deutlich zu dem Vorfall der Ausladung des Ehepaars Herta Müller / Richard Wagner beim deutschen EKD-Kirchentag von 1989. Diese Ausladung war auf Druck der Kirchenleitung aus Hermannstadt sowie durch Intervention rumänischer Behörden zustandegekommen. Herta Müller hatte ein Schreiben bei der Verleihung des Menschenrechtspreises im Oktober 2009 in der Paulskirche in Frankfurt vorgelesen, das deutlich machte, dass die Siebenbürgisch-Evangelische Kirche diese Ausladung bewirkt hatte. Stimmen aus Siebenbürgen hatten dies daraufhin in verschiedenen Medien dementieren lassen und Herta Müller zum Teil heftig angegriffen. Heidingsfeld entschuldigte sich nun offiziell im Namen der EKD und rief die Siebenbürgisch-Evangelische Kirche auf, zu der Wahrheit zu stehen, bevor sie aus den Akten der Securitate gelesen wird. Bischof Klein hatte damals mitteilen lassen, dass die Anwesenheit von Herta Müller und Richard Wagner „nicht stattfinden darf“, zitierte Heidingsfeld.

Gerd Stricker, der Züricher Wissenschaftler, sprach zum Thema „Securitate und Orthodoxie“. Er analysierte die usurpatorische Haltung so mancher Kirchenoberen im Kommunismus gegenüber der Staatsmacht und zum Nachteil so mancher Gläubiger. Die orthodoxen Metropoliten nannte er „Speichellecker“, was zu einigem Unmut unter den Teilnehmern führte. Stricker betonte, dass allein in den achtziger Jahren in Bukarest über zwanzig Kirchen gesprengt wurden mit Duldung der Kirchenleitung. Klöster im Lande wurden geschlossen, Nonnen und Mönche vertrieben und verfolgt. Für die Zusammenarbeit der Kirchen mit dem Staat entschuldigte sich Metropolit Teoctist, der unter Ceausescu stets loyal und unterwürfig war, erst nach seinem Rücktritt 1990. Zum Problem der ungarischen Minderheit, ihrer Kirchen und der Securitate referierte Stefano Bottoni aus Budapest. Für die Ungarn habe es unterschiedlich gute Zeiten im Kommunismus gegeben: Während zur Zeit von Petru Groza die Minderheitenrechte beachtet wurden, waren die Jahre von 1948 bis 1952 die „full-blowing“ - Kommunismus - Jahre. Zwischen 1956 und 1964 war wieder eine harte Zeit, in der viele – auch ungarische – Priester eingekerkert waren (etwa zehn Prozent der verfolgten Priester). Die erste Zeit während der Ceausescu-Herrschaft, von 1965 bis 1971, war wieder eine gute Zeit für die Ungarn, jedoch die Zeit des nationalen rumänischen Kommunismus von 1972 bis 1991 erschwerte der ungarischen Minderheit wieder ihre Existenz. Sechs bis sieben Prozent der Agenten der katholischen Kirche waren Ungarn, so Bottoni.

Zeitzeugen geheimdienstlicher Verfolgung und Usurpation waren Pfarrer Mathias Pelger aus Kronstadt und der Banater Anton Sterbling aus Großsanktnikolaus. Beide schilderten am Samstagabend der Tagung ihre Erlebnisse mit der Securitate in Rumänien. Pelger, der bereits als Schüler in Mediasch mit der Securitate zusammenstieß, als er 1948 die Wahlplakate „Votati soarele“ vom Schulhof entfernte, wurde später von acht Informanten bespitzelt, von der Securitate verfolgt und eingesperrt. Trotzdem plädierte er eindeutig für Versöhnung: „Wir als Kirche müssen die Versöhnung groß schreiben, denn wenn wir das nicht tun, sind wir keine Kirche mehr!“ Die theologische Aufarbeitung der Ereignisse will der Pfarrer jedoch mit seinen eigenen Recherchen, die ihn regelmäßig nach Bukarest führen, vorantreiben, denn „Wir sind am Anfang – keine voreiligen Schlüsse“, schlussfolgert er. Mit seinem Aufruf an alle, die sich nicht trauen, sich zu ihrer Vergangenheit zu bekennen, gab er zu bedenken, dass man nicht zwei Herren gleichzeitig dienen könne, nämlich Christus und dem Antichrist, denn gemäß der Bibel müssen „alle Dinge zum Besten dienen“. Pfarrer Pelgers Aufruf an seine Landsleute war eindringlich und rührend.

Anton Sterbling berichtete über die Vorfälle mit der Securitate während seiner Studentenzeit in Reschitza. Der Professor der Soziologie in Görlitz plädierte für Aufklärung und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit; alles müsse konsequent aufgeklärt werden, auch um die Mechanismen der Securitate zu studieren. Wie sein Jugendfreund Richard Wagner, die zusammen auf derselben Schule in Großsanktnikolaus waren, möchte Sterbling aufdecken, warum die Angst und der Schrecken im Kommunismus die Intellektuellen zum Verrat sogar engster Freunde verleiteten.

Der Höhepunkt der Tagung jedoch folgte erst am letzten Tag, als Professor Stefan Sienerth, Direktor des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, den Fall Oskar Pastior – alias IM Otto Stein – in seinem Beitrag „Die deutsche Literatur und die Securitate“ zusammenfasste, der bereits Tage davor in der deutschen Presse diskutiert wurde. Herta Müller hatte die Aufzeichnungen Pastiors in ihrem Roman „Atemschaukel“ eindrucksvoll literarisch verarbeitet und wurde dafür mit dem Nobelpreis geehrt. Diese Erinnerungen waren jedoch nur ein Teil des Lebens des siebenbürgischen Autors, das aufgearbeitet wurde. Seine Tätigkeit als IM der Securitate hatte Pastior nie erwähnt, außer bei seiner Einreise bei den deutschen Behörden im Jahre 1968. Eine Verpflichtung, Berichte, die Inhaftnahme einer Jugend-
bekannten – Grete Löw, die seine Gedichte aufbewahrte – die Flucht in den Westen und das Verschweigen der dunklen Seiten seiner Vergangenheit haben in der öffentlichen deutschen Literaturszene für viel Aufsehen gesorgt. Oskar Pastior kann sich leider nicht mehr dazu äußern, da er 2006 verstarb, kurz vor der Verleihung des Büchner-Preises der Literatur. Seine „Affirmationslyrik“ nach 1956 ist bekannt, seine frühen Russ-landgedichte bleiben jedoch bis heute verschollen. Weitere Recherchen zum Fall Pastior sollen folgen.

Auf Überraschungen darf man gespannt sein. Herta Müller hatte sich schockiert und traurig beim Erfahren der Nachricht geäußert. Mit der Wortschöpfung „traugisch“ bezeichnete sie die Nachricht (siehe Der Spiegel vom 20. September). Professor Joachim von Puttkamer aus Jena sagte jedoch, dass die IM nicht mit zweierlei Maß gemessen werden dürfen, was immer sie in guter oder böser Absicht zum eigenen Vorteil oder Nachteil gemacht haben. Der ausführliche Beitrag von Stefan Sienerth ist in den Spiegelungen Heft 3/2010 nachzulesen (wo übrigens auch ein schöner Beitrag des Temeswarer Germanisten Professor Hollinger nachzulesen ist). Ob der Denunziant als ein „Folterknecht“, als „balkanischer Narr“, als „Untersuchungsrichter“ oder „falscher Engel“ auftritt, wie die Darstellung der Denunziation in der rumänischen Literatur zu finden ist – so das Referat der Literaturwissenschaftler Professor Wolfgang Dahmen und seiner Mitarbeiterin Gundel Große aus Jena –, er bleibt ein Verräter! Die Securitate waren Menschen, die oft unsicher waren, aber sie waren der Todfeind, sie verwalteten die Angst.

Das Schlusswort Peter Motzans lautete: „Lesen der Akten erlernen, heißt: Wer sagt was, nach welchen Erfahrungen, unter welchen Umständen und mit welchen Auswirkungen.“ Er stellte fest: „Wer liest wie, unter welchen Umständen mit welchem Ergebnis?“ Mit dem Aufruf, den Teil dieser vergangenen Wirklichkeit mehr und besser kennenzulernen, trennten sich die Siebenbürger, die Banater, die rumänischen, ungarischen und deutschen Teilnehmer in Jena.