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Banater Post

Annäherung an den Fotografen Hans Hehn

Buchdeckel: Foto Hehn

Hauptstraße von Lovrin in der Zwischenkriegszeit. (Foto: Hans Hehn)

Banater Schwaben in Deutschland blättern wohl öfters in alten Fotoalben, denn andere materielle Dinge des Erinnerns an Kindheit und Jugend, an Stätten von Gestern und Vorgestern, sind nur in geringer Zahl oder gar nicht vorhanden, und die Stätten sind weit weg. So bleiben alte Fotos, in Alben, Pralinenschachteln oder Schuhkartons, sofern die jüngere Generation diese nicht bereits digitalisiert hat und den Großeltern auf dem Bildschirm präsentiert. Viele Landsleute greifen jedoch noch immer gerne selbst zu diesen Bildern. Eine, die dies auch immer gerne gemacht hat, jede Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte, war Elisabeth Hehn in Ulm. Einen Koffer voller Bilder habe sie unter dem Bett stehen, sagte sie mir mal nach einem Vortrag im Kulturzentrum der Landsmannschaft, und zu jedem Bild hatte sie auch die passende Geschichte parat.

Elisabeth Hehn – sie ist vor einigen Jahren im hohen Alter in Ulm gestorben – war die Frau des Fotografen Hans Hehn. Sie hatte mit ihrem Mann unzählige schwäbische Dörfer bereist, der dort ungefähr zwischen den Jahren 1960 und 1978 vor allem das Festtagsleben der Banater Schwaben auf tausenden Bildern festgehalten hat. Ihm hat seine Tochter Annemarie Podlipny-Hehn eine Fotoausstellung „Banat im Wandel der Zeiten“ mit einem Begeleitkatalog „Foto Hehn“ gewidmet, der 2009 im Cosmopolitan-Art-Verlag in Temeswar erschienen ist.

Wer war dieser Fotograf, was ist das Besondere an seinen Bildern, die bisher der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt waren? Hans Hehn wurde 1908 in Billed als Sohn eines Schneidermeisters geboren. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern erlernte er den Beruf des Vaters. Im Nachbarort Lovrin eröffnete er ein eigenes Geschäft. Hier begann er auch mit dem Fotografieren. Seine Motive fand er in seiner unmittelbaren Umgebung, im Dorf, im Alltag und Festtag seiner Landsleute. Fotos aus dieser Zeit wirken heute auf uns schon etwas unwirklich. Hier wird festgehalten, wie sich bis zur Machtergreifung der Kommunisten gerade eine kleinbürgerliche Welt im Banat entwickelt, wie diese in eine ländlich-dörfliche Umgebung wirkt. Bauernwagen und Kalesche auf der Lovriner Hauptstraße in den dreißiger Jahren, Skifahrten im Winter, Autoausflüge, Tennisspieler in Lovrin 1935 – auf dem Foto ist unschwer auch Franz Buding zu erkennen, Gründer der weltweit ersten Tennisschule in Bandol in Südfrankreich und Begründer der berühmten Tennisdynastie Buding –, und immer wieder Familienbilder, auf denen Personen und Umwelt in erstrebter Harmonie korrespondieren.

Kommen wir auf das Besondere der Hehn-Fotos zu sprechen, zumindest jener Fotos, die in diesem Katalog abgebildet sind. Hans Hehn liebte es, mit Licht und Schatten zu arbeiten. Dabei schafft er vor allem bei seinen Winterbildern eine ganz besondere Atmosphäre. Seine Landschaftsbilder sind geprägt von einer Perspektive, die die Weite seiner Banater Heimat aufzeigt. Historisch bedeutend sind die Bilder, die die Flucht der Familie 1944 aus dem Banat festhalten – es gibt deren nicht viele – und das Bild von der Aushebung der deutschen Bevölkerung in Triebswetter 1951 zur Deportation in den Baragan. Das Foto machte der Fotograf von der Dachluke seines Hauses in Triebswetter, denn nach der Rückkehr von der Flucht aus Österreich war sein Haus in Lovrin von Kolonisten besetzt, der Betrieb enteignet. Er musste von vorn anfangen, diesmal mit der Fotografie zum Broterwerb. Abgeschlossen wird der Katalog mit handkolorierten Fotos, die Hans Hehn bereits in den vierziger Jahren im Banat anfertigte sowie mit Hinweisen auf die Lebensläufe der Töchter und Enkel von Hans Hehn, die in der nächsten und übernächsten Generation das künstlerische Handwerk ihres Vaters und Großvaters fortführen und neu interpretieren sollten. Auch diesbezüglich sind einige Belege reproduziert. Der Katalog bietet einen ersten Einblick in das Schaffen von Hans Hehn. Vielleicht folgt mal ein umfangreicheres Album, sollten sich die Fotoschachteln unserer Landsleute mal öffnen.

Annemarie Podlipny-Hehn (Redaktion): „Foto Hehn“. Begleitkatalog zur Fotoausstellung „Banat im Wandel der Zeiten“. Temeswar 2009, 52 Seiten