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Banater Post

Der Sieg des Lebens über den Tod. Ostern – das Fest der Hoffnung

Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern am Vorabend der Passion wurde wiederholt in künstlerischen Darstellungen aufgegriffen, unter anderem auch von unserem Heimatmaler Stefan Jäger.

„Halleluja, Jesus lebt“ singen in der Osternacht die Christen in aller Welt. Wir gehören dazu. Wir singen mit. Gloria und Halleluja. Wir freuen uns, deshalb singen wir.

Dürfen wir so singen? Verdrängen wir nicht etwas? Wir gehen ja nachher wieder heim und nichts hat sich geändert. Kein Problem hat sich von selbst gelöst. Was alles noch auf uns wartet, wissen wir nicht, außer dem einen: Auf uns wartet am Ende der Tod.

„Das Grab ist leer, der Held erwacht!“, singt der Glaube. „Das Grab ist (noch) leer, morgen ist die Beerdigung“, sagt die nüchterne Wirklichkeit. „Die ganze Welt, Herr Jesus Christ, in deiner Urständ fröhlich ist, Halleluja“, jubelt der Glaube. „Wie viele Straßen auf dieser Welt sind Straßen voll Tränen und Leid?“, hält ein anderes Lied dagegen. Einige Schlagwörter, die andeuten: Ganz schön mutig, was wir da angesichts des Todes, des Leids und der Tränen an Ostern vom Leben, von der Freude, vom Lachen singen.

Die nüchterne Wirklichkeit schlägt harte, schrille Missakkorde in die festlichen Harmonien von Ostern. Wirklich? Es ist eine Frage der Weltanschauung. Mit den gleichen Worten kann man den Satz auch anders formulieren: Ostern bringt harmonische Klänge in die schrillen und harten Melodien der Wirklichkeit.

Der Glaube wagt zu sagen: Nicht die harte und oft leidvolle Wirklichkeit stört Ostern, sondern Ostern stört die harte und oft leidvolle Wirklichkeit. Nicht der Tod, der immer wieder zuschlägt, ist ein Argument gegen Ostern, sondern Ostern ist ein Argument gegen den Tod. Nicht der Tod stellt das Leben in Frage, sondern das Leben stellt den Tod in Frage. Nicht der Glaube ist überholt durch die nüchterne Wirklichkeit, sondern die nüchterne Wirklichkeit ist überholt durch den Glauben.

Das alles sind Glaubenssätze, ganz schön mutige Glaubenssätze. Und ich fange an, mich zu fragen: Woher nimmst du den Mut, das zu sagen? Wo siehst du denn, was du erzählst?

Khalil Gibran erzählt eine Legende: „Ich sehe hinter diesen Tälern im Dunst einen Berg“, habe das Auge gesagt. Darauf das Ohr: „Ich höre keinen Berg“, die Nase: „Ich rieche keinen Berg“ und die Hand: „Ich versuche vergeblich, einen Berg zu greifen“. Sie kapierten die seltsame Behauptung des Auges nicht und kamen zu dem Schluss: Mit dem Auge stimmt etwas nicht.

Es ist ganz schön mutig, was wir da im Glauben auszusprechen wagen: Der Tod ist nicht so mächtig wie er uns erscheint, das Leben ist mächtiger. Ja, es ist ganz schön mutig, was wir im Glauben auszusprechen wagen. Aber trotzdem möchten wir heute die Hoffnung, den Sieg über den Tod, die Unzerstörbarkeit unseres zerbrechlichen Lebens feiern. Ja, es ist ganz schön mutig, was wir da feiern. Aber ich möchte nicht so töricht sein wie die Nase, das Ohr und die Hand, ich möchte dem Auge des Glaubens trauen, das uns verheißt: Hinter dem dunstigen Tal des Todes ragt der Berg des Lebens.

Gewiss, ich habe mit diesem Glauben auch meine Probleme. Ich kenne den Zweifel, die Unsicherheit. Ich kenne die Stunden, in denen mich die Frage quält: Auf was hast du dich bloß eingelassen mit deinem Glauben? Trotzdem möchte ich heute feiern. Das ganze Jahr will ich mich dem Zweifel, dem Ringen, dem Suchen stellen. Das ganze Jahr bin ich bereit zu diskutieren, Antworten zu suchen und auch meine Antwortlosigkeit einzugestehen. Aber heute möchte ich feiern, der Hoffnung den Vorrang geben, als wäre sie schon erfüllt.

Auch heute möchte ich menschliches Leid wahrnehmen und ernst nehmen. Aber ich möchte die Leidenden heute einladen: Holt Euch neue Kraft, indem ihr mit mir die Hoffnung feiert!

Was Ostern für unseren Alltag bedeuten kann, hat Rudolf Otto Wiemer in seinem Gedicht „Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen“ beschrieben. „Keine Chance!“, mit diesen Worten beginnt dieses Gedicht. Es ist ein Ostertext, obwohl das Wort Ostern kein einziges Mal darin vorkommt: „Keine Chance. / Sechs Meter Asphalt. / Zwanzig Autos in einer Minute. / Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk. / Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. / Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist. / Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds. / Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. / Herrliches Grün, vermutlich fressbar. / Sie hat Lust auf Grün. Sie müsste hinüber. / Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. / Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen. / Zwanzig Autos in der Minute. / Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik. / Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk. / Geht los und geht und geht und kommt an.“

Keine Chance – so ergeht es nicht nur der Bärenraupe. So ergeht es häufig auch dem Menschen. Zu häufig, oft. Man muss nur einmal hinter die Türen eines Krankenhauses schauen. Man muss nur einmal über einen Friedhof gehen und die frischen Gräber sehen, und mit den Gräbern auch die Personen, die vor nicht allzu langer Zeit davor gestanden haben. Man muss nur einmal in das traurige Gesicht eines Menschen blicken, der innerlich verletzt ist. Man muss nur ... Sie ließe sich fortsetzen, diese bittere Litanei. Nicht nur für die Bärenraupe gilt: „Keine Chance!“ Auch der Mensch kann in eine Lage kommen, in der er buchstäblich kein Land mehr sieht und resigniert feststellt: Ich habe nichts mehr zu erwarten. Alles ist eng geworden und hart und schwer. Keine Chance! Das ist das eine: die bittere Wahrheit, die traurig stimmt und hoffnungslos machen kann.

Die Bärenraupe „weiß nicht, wie breit der Asphalt ist“, heißt es in dem Gedicht, sie „weiß nur, dass jenseits Grün wächst.“ Das ist das andere und das gehört genauso zum Menschen wie die bittere Erfahrung: „Keine Chance!“ Im Grunde seines Herzens will der Mensch doch nichts anderes, als dass alles gut wird. Im Grunde seines Herzens sehnt er sich nach Liebe, Frieden und ein bisschen Glück. Ihm geht es wie der Bärenraupe: Er ahnt etwas von diesem Grün, von diesem Mehr an Leben, und wenn er einmal zur Ruhe kommt und in sich hineinhört, dann spürt er die tiefe Sehnsucht in sich: Ich möchte ein erfülltes Leben haben. Mein Leben soll gelingen. Die Bärenraupe hat Lust auf Grün: „Sie müsste hinüber.“ Wehe dem Menschen, der diese Lust nicht mehr in sich verspürt oder der sie sich verbietet. Er wäre mitten im Leben bereits am Sterben.

Für die Bärenraupe bleibt es nicht bei dem „Sie müsste hinüber“. Sie „geht los und geht und geht und kommt an“. Sie lässt zu, wonach sie sich sehnt, und sie wagt es. Sie erreicht ihr Ziel, trotz aller Bedrohung. Die Bärenraupe vertraut darauf: Da gibt es Möglichkeiten, auch wenn es zunächst chancenlos aussieht. Da gibt es Hoffnung, auch wenn sich immer wieder die Angst breit macht. Da gibt es Leben, auch wenn allzu häufig der Tod zuschlägt. Und damit lebt die Bärenraupe genau das, was Ostern bedeutet. Die gleiche Erfahrung, die gleiche Hoffnung wurde ja den Frauen am Grabe zuteil: Was sucht ihr Lebenden bei den Toten? Was kapituliert ihr vor der breiten Straße der Angst und der Verbitterung? Warum verzichtet ihr auf das Grün des Lebens, das jenseits der Straße des Todes wächst? Warum schenkt ihr dem Tod und seinen Vorboten eine größere Beachtung als eurer Sehnsucht nach Lebendigkeit?

Autos hin, Lastwagen her – die Bärenraupe geht los und geht und geht und kommt an. Wer so lebt, hat etwas von Ostern verstanden: losgehen, das Leben wagen und darauf vertrauen: Ich komme ans Ziel. Wir kommen ans Ziel, weil Gott gehandelt hat: Das Grab ist leer. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“, fragt Paulus, und er gibt dann zur Antwort: „Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (1 Kor,54f.57).

Die Feststellung „Keine Chance!“ stimmt so nicht mehr. Gott sagt: Du sollst leben! Und mehr noch: Du kannst leben! Du hast die Kraft dazu. Seit Ostern.