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Banater Post

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“

Am Ortseingang von Nero (amtlich Nerău). Das Dorf gehört verwaltungsmäßig zur Gemeinde Marienfeld und zählt heute rund 1000 Einwohner. Es war einst von einer gemischten Bevölkerung bewohnt, wobei die Rumänen immer die Mehrheitsbevölkerung stellten. Die zweitgrößte ethnische Gruppe stellten die Deutschen (1880: 611; 1930: 420; 1977: 162).

Ein typisches Bild, das vielen vertraut sein dürfte: eine Gänseschar mit Küken zieht gemächlich über die Dorfstraße. In der Mitte ist die 1810 errichtete orthodoxe Kirche zu sehen.

Die Kinder waren am allermeisten von den Tieren fasziniert. Besonders angetan haben es ihnen aber die vier putzigen Welpen. Einsender der Fotos: Dr. Jutta Kissel

Bald steht Ostern wieder vor der Tür und die Erinnerungen an unsere Banat-Reise vor zwei Jahren leben wieder auf. Erinnerungen, auf die wir gerne zurückschauen und die wir um nichts in der Welt mehr missen möchten. Auch wenn anfangs Zweifel und Bedenken die Oberhand hatten.

Es begann damit, dass meine Mutti, unsere Oma (geboren 1935 in Nero im Banat, seit 1970 in Deutschland) immer öfter erwähnte, sie würde gerne den Enkelkindern mal ihre Heimat zeigen. Wir gingen nicht weiter darauf ein, zumal Rumänien so gar nicht das Land unserer Urlaubsträume war. Als dann aber der Wunsch immer mehr Raum einnahm, kamen wir nicht mehr umhin uns Gedanken darüber zu machen. Sollten wir vielleicht doch nach Rumänien, ins Banat, reisen? Was würde uns und unsere Kinder dort erwarten?

Ich selbst bin in der Pfalz geboren. In den ersten fünf Lebensjahren haben wir oft meine Tanten und Cousinen im Banat besucht. Die Erinnerungen sind schwach, doch durchweg positiv: freundliche Menschen, viele Tiere, viel Heiterkeit und Lachen. Präsenter ist mir unser letzter Besuch bei Bekannten im Jahr 1989. Bis auf eine abenteuerliche Busreise, die wegen strengster Grenzkontrollen nahezu 48 Stunden dauerte, war es wunderschön. Plumpsklo oder schlechte Straßen störten mich nicht, die unglaubliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit habe ich vom ersten bis zum letzten Tag genossen.
Doch mittlerweile waren alle Verwandten und Bekannten in Deutschland. In den hiesigen Medien gab Rumänien nicht immer ein positives Bild ab. Auch hatte ich große Angst, dass Mutti enttäuscht sein könnte. Ich würde ihr gerne ersparen, dass die schönen Bilder der Erinnerung von einer grauen Realität verdrängt würden. Unsere Kinder sollten nicht Omas Heimat als hässlich und marode empfinden.

Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. So wurde die Reise ins Banat für Ostern 2014 festgelegt. Von unseren Freunden kamen Bedenken wie: „Wollt ihr das wirklich? Da wird doch alles gestohlen“. Doch wir standen zu unserem Entschluss. Nun ging es darum, eine Unterkunft zu finden; immerhin waren wir ein VW-Bus voller Leute: Mutti, mein Mann und ich und die vier Kinder. Bei der Recherche nach passenden Lokalitäten kam uns das zu Hilfe, was ich so sehr an der Banater Landsmannschaft liebe. Über mehrere Ecken hatte sich herumgesprochen, dass wir ins Banat führen, und wir bekamen den Tipp, dass Anna, eine Bekannte, sich ein Haus in Nero gekauft habe. Warum also nicht bei ihr unterkommen? „Na, die wird sich freuen“, meinte mein Mann trocken. „Die kennt uns doch gar nicht.“ „Landsleute halten zusammen“, entgegnete Mutti und behielt nur allzu Recht. Anna lud uns ein und machte selbst dann keinen Rückzieher, als sie erfuhr, dass wir zu siebt sind.

Es schien fast zu schön, um wahr zu sein, und wir konnten kaum glauben, dass es wirklich eine solche Gastfreundschaft geben sollte. Deshalb wappneten wir uns vorsichtshalber noch mit Adressen von mög-lichen Unterkünften, falls es Anna und ihrem Mann Nelu doch zu viel mit uns sieben würde. Mit wenig Erwartungen, dafür umso größerem Unbehagen, machten wir uns eine Woche vor Ostern auf eine Reise ins Ungewisse.

In Nero angekommen, empfingen uns Anna und Nelu so liebevoll und herzlich, als ob wir die besten Freunde wären. Sie hatten für uns zur Ankunft gekocht, Zimmer hergerichtet (sie stellten uns sogar gegen unseren Protest ihr eigenes Schlafzimmer zur Verfügung) und uns für mindestens eine Woche als Gäste eingeplant. Schnell stellte sich heraus, dass wir unsere „Nofalladressen“ nie brauchen würden. Ebenso wegwerfen konnten wir unsere Ängste, Befürchtungen und Vorurteile: Gestohlen wurde nichts, nicht mal in Großsanktnikolaus, als wir eine riesige Tüte mit Lebensmitteln kurz in
einem Park vergessen hatten. Ganz im Gegenteil: In Nero wurden wir mehr als reichlich beschenkt. Bei rumänischen Bekannten, die sich noch vage an Mutti erinnerten, wurden wir zum Essen eingeladen und großzügig bewirtet. Doch damit nicht genug: Beim Verabschieden bekamen wir noch Knoblauch, Paprika, ein Huhn (zum Glück schon gerupft), Schinken, Eier, Schokolade. Als wir zumindest letzteres ablehnen wollten, weil wir das ja zu Hause auch haben, kam nur: „Die rumänische ist aber besser“. Und nicht nur die entfernten Bekannten, nein, auch Wildfremde, mit denen wir uns kurz unterhielten, beschenkten uns: Eier (rohe und für Ostern gefärbte), Schnaps für uns und Süßigkeiten für die Kinder. Bis wir abreisten, war unser Bus bis zum Anschlag gefüllt – und das obwohl wir auch ein paar Dinge aus Deutschland hier gelassen hatten.

Neben den Begegnungen faszinierten die Kinder am allermeisten die Tiere. In vielen Haushalten gibt es noch Hühner und die jungen Küken waren gerade geschlüpft. So oft es ging, hielten unsere vier ein kleines Küken in der Hand. Aber auch von den Gänsen, die auf der Straße spazierten, oder den Schafen und Kühen am Rand des Dorfes konnten die Kinder nicht genug bekommen. Am allerschönsten aber waren die vier Welpen einer Freundin – für jedes Kind einer.

Mich und unsere älteste Tochter zog die Feier des Osterfestes in seinen Bann. Bei den katholischen Gottesdiensten wurde mitten während der Feier zwischen Deutsch, Rumänisch und Ungarisch hin und her gesprungen, was unglaublich spannend für uns war. Und da wir anscheinend recht eindeutig als Deutsche identifiziert wurden, gab sich dann jeder Mühe uns den Friedensgruß auch auf Deutsch zu wünschen. Aber auch die orthodoxe Osternacht sowie die Feier auf dem Friedhof am Ostermontag waren für uns so außergewöhnlich, dass sich allein dafür schon die Fahrt gelohnt hätte.

Am Dienstag nach Ostern traten wir mit schweren Herzen und noch schwerer beladenem Bus die Heimreise an. Und die Reise, die wir anfangs am liebsten gar nicht angetreten hätten, wurde zum schönsten Urlaub, den wir erlebt haben. Sicher lassen sich gewisse Dinge nicht leugnen. Es gab zum Teil verfallene Häuser, eine deutsche Kirche, die ihre besten Jahre schon längst hinter sich gelassen hatte und einen ziemlich maroden Bahnhof. Oder in Marienfeld eine Promenade, die allenfalls ahnen lässt, dass es einmal ein reicher und wohlhabender Ort war. Dennoch war die Reise wunderbar: Für die Kinder, weil sie endlich Omas Heimat sahen und auf Anhieb liebten. Für Oma, weil sie die Bilder ihrer Erinnerungen für uns alle mit Leben und bunten Farben füllen konnte. Schließlich für uns alle, weil wir alte Wurzeln und wunderbare neue Freunde gefunden haben.

Auf jeden Fall soll es nicht unsere letzte Reise ins Banat gewesen sein.