zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Verwittert, verkommen, vergessen

Die 1925 im Friedhof von Gertianosch angelegte Gedenkanlage.

Granitobelisk mit aufgesetztem Adler und Metallrelief im Friedhof von Warjasch, 1930 errichtet

Marmorobelisk mit Kreuz und Ehrenkranz in Ferdinandsberg, 1936 gestaltet. Fotos: Walther Konschitzky

Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährte sich 2014 zum 100. Mal. Grund genug, einen genaueren Blick auf anlassgebundene Ehrenmäler im Banat zu werfen, ein offenbar viel zu wenig bekanntes bis vergessenes Erbe. Der Publizist, Kunsthistoriker und Verleger Walther Konschitzky hat sich dieser Aufgabe unterzogen und eine beeindruckende Text-Bild-Dokumentation vorgelegt. Der Verfasser fasst den Begriff Kriegsdenkmäler weit und versteht darunter alle auf den militärischen Kontext des Ersten Weltkriegs bezogenen Denkmäler und Gedenkstätten (Soldatenfriedhöfe, Grabdenkmäler).

Denkmale und Soldatengräber

Der Autor skizziert zunächst die Banater Bezüge zum Ersten Weltkrieg. Das Banat war zwar kein Kriegsschauplatz, zahlreiche Banater kämpften jedoch an verschiedenen Fronten. Der Einzugsbereich des in Temeswar stationierten VII. Armeekorps reichte über das Banat hinaus. Die Kriegsteilnahme wird vor allem am Temeswarer 61er Infanterieregiment festgemacht. Miteinbezogen werden auch die Auswirkungen des Krieges auf die „Heimatfront“. Anschließend wird ein Aufriss der Formen des öffentlichen Gedenkens, der Inhalte und der Botschaft der Kriegerdenkmäler und deren Gestaltung im Banat geboten. Wertvoll sind dabei die erstellten Übersichten der ausführenden Handwerker und Künstler, der typologischen Formen wie auch der chronologische Überblick zur Entstehung von Kriegerdenkmälern von 1915 (Reschitz) bis in die jüngste Gegenwart.

Den Kern des Werkes bildet der „Bildteil“, der das charakteristische Merkmal anderer Publikationen des Autors teilt: das überlegte, inhaltsreiche und gelungene Zusammenspiel von Wort und Bild. Die Darstellung beginnt mit „Soldatengräbern im Banat“, wobei auch längst verschwundene wie in Werschetz/Vršac und Arad berücksichtigt werden.

Überraschend sind die Ergebnisse der vom Autor unternommenen aufwändigen Spurensuche in ehemaligen Frontgebieten. Mit dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Einstellung zum Gedenken an die Gefallenen entscheidend. Auf die anfängliche Kriegseuphorie folgte in der Deutung des Krieges durch die Frontsoldaten alsbald Ernüchterung. Die traumatische Erfahrung der Kriegsteilnehmer musste von der politischen und Heeresführung mittels gezielter Heroisierung des Kriegstodes und angeordnetem Gedenken ausgeglichen werden.

Bereits 1915 wurden Leitlinien für die Errichtung von Gefallenendenkmälern erstellt. Das k. k. Gewerbeförderungsamt in Wien erarbeitete in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Museum für Kunst und Industrie Entwürfe für Kriegerdenkmäler, die auch den Gemeinden zur Verfügung gestellt wurden. Im dritten Kriegsjahr gab der Architekt und Bühnenkünstler Oskar Strnad (1879-1935) sein richtungweisendes Werk „Soldatengräber und Kriegsdenkmale“ heraus, in dem er die Leitlinien für die Errichtung von Kriegerdenkmälern formulierte: „Nicht die Form an und für sich gibt den Ausschlag; auch nicht die zufällige Symbolik durch figürlichen Schmuck oder der Text kann die Würde des Denkmals ausmachen, sondern vor allem anderen das vollbeherrschte und richtig festgehaltene Maßverhältnis der Form zur umgebenden Natur.“ Er forderte ein architektonisches Denkmal nach klassischem Muster, mit ausgewogener Komposition und reduziertem Dekor.

Dieser Forderung folgten die monumentalen Kriegsdenkmäler, die auf Initiative des Kriegsministeriums auf den Soldatenfriedhöfen an der italienischen Front errichtet wurden und explizit zahlreiche Banater Bezüge aufweisen: so der Säulentempel, der auf dem Soldatenfriedhof in Sankt Daniel/Štanjel für die im slowenischen Karstgebiet Gefallenen angelegt wurde, und der Friedhof bei Gorenzach/Gorjansko.

Regionale Kriegerdenkmäler

Die zweite Gruppe der Kriegerdenkmäler, die im Mittelpunkt der Betrachtung steht, umfasst die regionalen Kriegerdenkmäler zum Gedenken an die Gefallenen, Soldaten wie Offiziere, im Ersten Weltkrieg. Sie treten zahlenmäßig am häufigsten auf und finden oder fanden sich in fast jedem Ort. Der lokale und regionale Bezug ist charakteristisch für sie. In der Regel sind auf diesen Denkmälern die Gefallenen der Gemeinde namentlich genannt. Aber auch staatliche Institutionen, vor
allem Bildungseinrichtungen und die Armee, haben Kriegerdenkmäler gestiftet.

Einen Sonderfall stellen die in Frontnähe, Lazaretten  oder am Garnisonsstandort errichteten Denkmäler dar, die von einzelnen Regimentern oder Truppenteilen zum Gedenken an die Gefallenen aufgestellt wurden. Sie dienten zeitgleich mit dem Geschehen der Memoriabildung der betroffenen militärischen Einheiten. In den Soldatenfriedhöfen wurden oftmals auch die Gefallenen namentlich verzeichnet.

Waren im 19. Jahrhundert Kaiser, Armeeführung und politische Obrigkeit Auftraggeber der Kriegerehrung, bedurfte es während des Ersten Weltkriegs im öffentlichen Raum nur eines offiziellen Anschubs, alsbald erhielt die Kriegerdenkmälerbewegung eine eigene Dynamik. Die Kosten wurden durch private Spenden – vielfach auch von Amerikaauswanderern – und Zuschüsse der Gemeinden zusammengebracht. Natürlich war die Errichtung dieser Denkmäler jeweils genehmigungspflichtig. In der Regel geschah dies durch die örtlichen Land- bzw. Stadträte, in Sonderfällen durch die Kreispräfekturen.

Das zentral im Ortskern, neben den Kirchen oder in Friedhöfen gelegene Grundstück wurde ebenfalls von der Gemeinde oder von der Kirche zur Verfügung gestellt. Der Autor geht kurz auch auf die Lage der Denkmäler im Ortsbild ein und thematisiert Beschaffenheit und Widmungsinschrift der Denkmäler in multiethnischen Gemeinden. Die Anzahl ethnie- und konfessionsübergreifender, gemeinsamer mehrsprachiger Denkmäler ist größer als insgemein angenommen.

Typologie der Kriegerdenkmäler

Die kenntnisreiche Analyse der typlogischen Formen nimmt die Hälfte des Buchumfangs in Anspruch. Darin besteht eine der Stärken der Veröffentlichung. Bei der Gestaltung der Denkmäler herrscht der Obelisk in verschiedenen Varianten vor: Obelisk mit pyramidenförmigem Abschluss, mit aufgesetzter Plastik wie bei den imposanten Gedenkanlagen in Bogarosch, Tschene und Gertianosch, mit aufgesetzter Urne und Fackel oder mit aufgesetztem Kreuz. Auf mehreren Denkmälern wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg Kreuze an die Stelle der aus politischen Gründen auf Weisung der Behörden entfernten oder gestohlenen Adler aus dem Wappen des Hauses Habsburg-Lothringen gesetzt, in denen sich der überlieferte Aufbau und die Ornamentik der Votiv- und Grabkreuze widerfindet. Aufgesetzt oder eingeschrieben ist das Kreuz aber auch bei anderen Denkmaltypen wie Obelisk, Säulen oder Pfeiler vorhanden. Es ist das symbolische Zeichen, das Gestalt, Ornamentik, Botschaft und Funktion sämtlicher Denkmalformen bestimmt. Seit den 1920er Jahren sind mehrteilige, in der Form eines Obelisks gestaltete Kriegsdenkmäler entstanden, diese setzten sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts durch. Dabei erinnern sie in der Regel an die Gefallenen beider Weltkriege wie auch an die Opfer der Deportationen.

Eine komplexe Form stellen die meist am Friedhofseingang stehenden Gedenkkapellen dar. Die 1928 in Lovrin errichtete, mausoleumartig gestaltete, und die mit zwei bogenförmigen Öffnungen versehene Gedenkkapelle in Großsanktnikolaus sind repräsentativ für diesen Typus.

Ein letzter Typus stellen die neugestalteten Denkmäler dar. So fiel das in Detta aufgestellte Denkmal zum Millennium der ungarischen Landnahme ähnlich wie viele Standbilder und kaiserliche und königlich-ungarische Symbole dem Bildersturm beim Zusammenbruch der Doppelmonarchie 1918/20 zum Opfer. Wenige Jahre danach erhielt das verunstaltete Denkmal eine neue Zweckbestimmung und diente der aufblühenden, mit der politischen Ethnisierung der Banater Deutschen zusammenhängenden Memoriabildung.

Die bei der Gestaltung der massiven Denkmäler verwendeten Baumaterialien wie Granit, Marmor, Kunststein, Bronze  oder – in rumänischen Dörfern – Holz drücken den Wunsch nach Dauerhaftigkeit des Denkmals aus. Die Gestaltung der Kriegerdenkmale muss aus der jeweiligen Zeit ihres Entstehens verstanden werden. Bis in die Gegenwart zeigen viele Denkmäler einen klassischen Bezug auf. Die Denkmalinschriften verweisen bei den während des Krieges entstandenen Denkmälern oft auf die Tugenden der gefallenen Soldaten: Tapferkeit, Vaterlandsliebe, Treue, Opferbereitschaft und Pflichterfüllung bis in den Tod. Dagegen wurde seit Mitte der 1920er Jahre schrittweise mehr die Rolle der Gefallenen als Kriegsopfer betont und dem Denkmal implizit die Rolle eines Mahnmals für den Frieden zugedacht. Herausgearbeitet wird die Ornamentik der Denkmäler, wobei der Autor dem Leser die wichtigsten Motive und symbolischen Zeichen systematisch vor Augen führt.

Neuerfindung der Erinnerung

Denkmälern kommt eine bewusstseinsbildende und -steuernde Funktion zu. Das kollektive Gedächtnis entsteht und entwickelt sich im politischen Raum. Daher ist Erinnerungsgeschichte eng mit historischen
Brüchen verbunden. Gerade die Kriegsdenkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs sind Ausdruck der tiefgreifenden Veränderungen, die sich infolge des militärischen Konfliktes in der Region vollzogen haben. Sie erinnern an den vom Krieg verursachten Zivilisationsbruch und den damit verbundenen Leidensweg. Historische Einschnitte prägen die lokale und regionale Erinnerungslandschaft, was aus den Ausführungen des Autors deutlich hervorgeht. Ein Kapitel ist der Denkmallandschaft nach der  Systemwende in Rumänien nach 1989 gewidmet. Die Wiederentdeckung der regionalen Geschichte ermöglichte die Besinnung auf den Ersten Weltkrieg aus einer anderen Perspektive als die bisher dominant nationalstaatliche. Andererseits setzte nach der Wende die Anteilnahme des Staates an der christlichen Totenehrung, die im Kommunismus abgeschafft wurde, wieder ein. Die Bedeutung und Beachtung von Kriegsdenkmälern und Soldatenfriedhöfen lebte neu auf.

Der Autor zeigt an eindrucksvollen Beispielen wie Erinnerung sich im gewandelten Kontext neu erfinden muss. Dabei stechen die neuen, beispielsweise in Petschka und Wilagosch errichteten Gedenkanlagen – Obelisken mit Adler – hervor. Die neuen Denkmäler tradieren althergebrachte Muster, weiterhin wird auf die traditionellen Grundformen – Obelisk, Pfeiler, Säule und Kreuz – zurückgegriffen. Das zentrale Motiv ist jedoch das Kreuz. Die gesamte regionale Denkmallandschaft steht vom Anbeginn bis in die Gegenwart „im Zeichen des Kreuzes“. Aufgewertet wird die künstlerische Gestaltung durch die Verwendung plastischer Elemente. Es fehlen auch nicht Artefakte, die zum Zweck der Herstellung nationaler Identifikation ein nationales Geschichtsbild kolportieren, wie die martialische Bronzeplastik eines rumänischen Soldaten in Paradeuniform, die in Großsanktnikolaus vor drei Jahren vor der serbisch-orthodoxen Kirche aufgestellt wurde.

Die mündliche Erzählung über den Großen Krieg

Im privaten Geschichtsbild der Banater Schwaben war die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg immer präsent. Der Dokumentationsband schließt mit dem Kapitel „Erinnerungen an den Großen Krieg“. Dabei wird anhand von Lebensberichten eine andere Erinnerungsform thematisiert – die traditionskonstitutive mündliche Erzählung vom Krieg. Der Verfasser hat mehrere Jahrzehnte lang Träger von Erfahrungswissen aus allen Bildungsschichten aufgezeichnet, die den Krieg an der tatsächlichen oder „Heimatfront“ erlebt hatten. Die thematisch gegliederten Auszüge stammen meist aus veröffentlichten Texten. Auch dieser Buchabschnitt ist reich illustriert mit dokumentarisch wertvollen, vielfach erstmals veröffentlichten zeitgenössischen Aufnahmen. Auf den ersten Blick als Fremdkörper erscheinend, verleiht gerade diese Ergänzung dem wertvollen Sachbuch Authentizität und flößt ihm Herzblut ein. Worterklärungen und Literatur runden die graphisch ansprechende und gut dokumentierte, auf eine intensive Feldforschung beruhende Publikation ab. Auf der Suche nach Erinnerungsorten hat Konschitzky über 600 Siedlungen aus dem östlichen und westlichen Banat durchkreuzt und ein räumlich und thematisch umfangreich angelegtes Projekt allein, als Einzelforscher,
erfolgreich zu Ende geführt. Seine Dokumentation steht im zwischen-regionalen Vergleich beispiellos da.

Im Jahr 2003 wurde in Österreich das Onlineprojekt „Gefallenendenkmäler. Von Ahnenforschern für
Ahnenforscher“ ins Leben gerufen (www.denkmalprojekt.org). Das genealogisch ausgerichtete Projekt setzt sich zum Ziel, „die Gefallenen der Kriege, die Vermissten und andere Kriegsopfer zu ehren und gleichzeitig die auf den vielerorts zu findenden Krieger- und Gefallenendenkmälern angebrachten Inschriften zu erhalten, zu archivieren und der Allgemeinheit, besonders den Ahnenforschern, zugänglich zu machen.“ Ein ähnliches Projekt haben auch die ungarischen Familienforscher in Angriff genommen. Auch bei den Banater Kriegsdenkmälern ist die arbeitsintensive Abschrift der oft verwitterten und nicht mehr lesbaren Inschriften nur von Lokalhistorikern und Genealogen zu leisten, die auf deren Namenmaterial angewiesen sind. Diesen Zielgruppen sei die Publikation besonders ans Herz gelegt.   

Walther Konschitzky: Kriegerdenkmäler im Zeichen des Kreuzes. Orte des Erinnerns an die Opfer des Ersten Weltkrieges im Banat. Erding: Banat Verlag 2015, 416 S., 657 Abb., Fadenbindung, Hartdeckel. Preis: 35 Euro (zuzüglich Versandkosten). Bestellung: Banat Verlag, Zugspitzstraße 64, 85435 Erding, Tel. 08122 / 2293422, E-Mail banatverlag@gmx.de