zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Komparse beim Stummfilm und in Fernsehsendungen

Das Ballett-Duo Dany Wersching und Lolly Wiszkocsill bei einer Vorführung in Hatzfeld.

Als „Duo Laron“ traten Lilly Laron und Dany Wersching in Berliner Varietétheatern und Nachtclubs mit einem abendfüllenden Tanzprogramm auf. Auch in Kinohäusern präsentierten sie in den Pausen Tanzeinlagen.

Noch im fortgeschrittenen Alter wirkte Daniel Wersching als Komparse bei Film- und Fernsehproduktionen mit. Fotos: Privatbesitz

Der Hatzfelder Daniel Wersching war ein echter Vollblutkünstler und als vor rund zwanzig Jahren der Hatzfelder Daniel (Dany) Wersching die Augen für immer schloss, trauerte eine große Künstlerfamilie bei seiner Beisetzung im Friedhof Köln-Weiden. Trotz seines fortgeschrittenen Alters von 87 Jahren war er fast bis zur letzten Stunde sehr agil und lebenslustig. Noch wenige Wochen vor seinem Ableben stand er bei Dreharbeiten für das Fernsehen im Rampenlicht. Seit seiner frühesten Kindheit war die Bühne sein Lebenstraum, oder wie es sein Neffe Dipl.-Ing. Helmuth Wersching (80) aus Frechen formuliert: „Dany war ein Mensch, der für die glitzernde Welt der Showbühne geboren war, ein wahres Naturtalent, ein echter Lebenskünstler.“

Geboren wurde Daniel Wersching am 4. Januar 1908 als Sohn des Kaufmanns Daniel Wersching und der Hausfrau Anna Perkowatz in der nahe Belgrad gelegenen Gemeinde Oppowa (im nachmaligen serbischen Banat, heute Opovo). 1921 übersiedelte die Familie nach Hatzfeld. Mit der Gründung einer Holzhandlung in der aufblühenden Heidegemeinde konnte sie sich rasch ein mondänes Leben sichern. Dem jungen Dany schwebte allerdings ein ganz anderer Lebensweg vor. Er brachte sich selbst das Tanzen bei und arbeitete sich Schritt für Schritt zu einem hervorragenden Tänzer hoch. In den zwanziger und dreißiger Jahren gab es kaum noch eine Revue-, Ballett- oder Theaterveranstaltung der Hatzfelder Kulturvereine, an der Dany Wersching nicht mitgewirkt hätte. Voller Euphorie schrieben die Zeitungen jener Zeit über seine tänzerische und schauspielerische Begabung und übertrafen sich in Lobesworten, wenn sie über die Aufführungen berichteten. Dabei führte er oft selbst Regie. Trotz seiner großen Erfolge und der Anerkennung, die ihm damals allerseits und überall zuteil wurde, war ihm das Leben daheim zu eng.

„Ich war hungrig nach der Welt“, rechtfertigte er seine Entscheidung, sein Glück auf der großen Bühne zu suchen, in einem 1995 gedrehten Dokumentarstreifen des WDR über sein Leben. Ende der zwanziger Jahre zog Dany Wersching in die Weltstadt Berlin. In der lebenshungrigen Großstadt gab es damals über 300 Filmtheater, in denen überall noch Stummfilme mit Musikbegleitung gezeigt wurden. Die zahlreichen Filmstudios brauchten Schauspieler und Komparsen am laufenden Band. Hier sah der junge, gut aussehende Banater endlich seine Chance gekommen, vor der Filmkamera zu agieren.

„Treffpunkt für die zahlreichen Arbeit suchenden Komparsen, die sich täglich eine Rolle zu ergattern versuchten, war damals die Filmbörse in Berlin-Mitte, in deren Nähe sich auch die Filmstudios befanden. Nach der jeweiligen Bedeutung und Länge des Auftritts wurden die Gagen den Komparsen täglich ausbezahlt. Bei einer Tagesgage von 25 Mark war das gutes Geld, geht man davon aus, dass man für eine Monatsmiete 30 Mark hinblättern musste“, schildert Dany Wersching seine Zeit in Berlin, als die Arbeitslosenzahl mit jedem Tag größer wurde. „Dank meines Fracks gehörte ich zu den ‚Edelkomparsen‘, die eine etwas höhere Gage für ihren Auftritt in einem besonderen Ambiente erhielten“, so Wersching weiter. Das Geld für den Frack hatte er sich vom Mund abgespart.

Als Komparse wirkte der Hatzfelder in einer Reihe von Stummfilmen mit, so auch in dem 1928/29 gedrehten Science-Fiction-Film „Frau im Mond“ von Fritz Lang. Dafür hatte der aus Siebenbürgen stammende Physiker und Raketenbauer Hermann Oberth (1894-1989) in den alten UFA-Studios in Babelsberg die Nachbildung einer Abschussrampe samt Mondrakete aufgebaut. In den Babelsberg-Filmstudios konnte Wersching auch die Kabaretttänzerin Marlene Dietrich (1901-1992) hautnah erleben, die in späteren Jahren als wahre Diva in die Filmgeschichte eingegangen ist.

Als 1929 in den neuerrichteten Berliner Glasateliers der Film „Das Land ohne Frauen“ (Regie Carmine Gallone) als erste Produktion mit Tonfilmeinlagen gedreht wurde, wirkte Wersching in einer Rolle als Postmeister mit. Der Komparse aus Hatzfeld, der den Stummfilm wesentlich mitgeprägt hatte, durfte den historischen Augenblick miterleben, als in Berlin der erste Tonfilm gedreht wurde. Dieser Meilenstein in der Filmgeschichte begeisterte nicht nur das breite Filmpublikum, sondern läutete in erster Linie eine völlig neue Ära dieser Unterhaltungsform ein. Wersching trat in der Folgezeit auch in einigen Tonfilmen auf, unter anderem in dem 1930/31 gedrehten Spielfilm „Die Faschingsfee“ (Regie Hans Steinhoff), der Filmversion der gleichnamigen Operette von Emmerich Kálmán.

Hier in Berlin begegnete Dany Wersching der damals 16-jährigen Lilian (Lilly) Laron, eine außer-
gewöhnliche Tänzerin und Akrobatin. Mit ihr studierte er ein abendfüllendes Programm ein, bestehend aus Mazurkas, Stepp- und Zigeunertänzen, akrobatischen Tangos, Walzern und ungarischen Tanzeinlagen. Als „Duo Laron“ tingelte das Paar durch Varietétheater und Nachtclubs, es trat aber auch als Pausenfüller in den Kinohäusern auf, wenn die Filmrollen ausgewechselt werden mussten. Die Tanz-Partnerschaft zwischen Lilly Laron und Dany Wersching war ursprünglich nur als Zweckbündnis gedacht, allmählich aber entwickelte sich ihre erfolgreiche Zusammenarbeit zu einer wahren Lebensgemeinschaft, die sich ihren Unterhalt immer häufiger auch als Komparsen in diversen Stummfilmproduktionen sicherte.

Werschings unkonventionellem Künstlerdasein wurde durch die immer stärker aufkommende Nazi-
bewegung und ihre Rassenpropaganda bald ein Ende gesetzt. Wie alle Ausländer musste auch er Deutschland verlassen und nach Rumänien zurückkehren. Da seine Lebenspartnerin Lilly Laron dort keine Arbeitserlaubnis bekommen hätte, blieb sie in Deutschland zurück. Nur vom Hörensagen erfuhr Dany Wesching später, dass sie am 31. August 1939 bei dem von der SS inszenierten Überfall auf den schlesischen Sender Gleiwitz ums Leben gekommen sei. In Rumänien wurde Wersching 1943 zum Militär einberufen und als Tänzer beim Fronttheater verpflichtet. Unter ständiger Angst wegen der anhaltenden Bombenangriffe trat er mit einer Tanzpartnerin vor den Frontsoldaten auf.

Nach Kriegsende eröffnete Wersching in seiner Heimatstadt Hatzfeld eine Tanzschule und erwarb anschließend mit dem verdienten Geld ein Kino, wo er fortan auch Revue- und Tanzabende abhalten konnte. Leider blieb ihm das Glück als Kinobesitzer nicht lange hold. Von der Enteignung und Verstaatlichung sämtlicher Privatgüter, die sich 1948 unter der kommunistischen Regierung wie eine Sturmwelle über Land und Leute ausgebreitet hatten, blieb auch er nicht verschont. Mit Wehmut sollte er sich später an den Tag erinnern, als ihm sein geliebtes Kino entschädigungslos weggenommen wurde und er die Kassenbücher samt Einnahmen den Vertretern der Macht aushändigen musste.
Weil Dany Wersching versucht hatte, Rumänien über die grüne Grenze zu verlassen, wurde er festgenommen und verurteilt. So machte er unfreiwillig Bekanntschaft mit dem berüchtigten kommunistischen Straflagersystem. Über diesen Lebensabschnitt, als er über längere Zeit in den Gefängnissen Folter und Demütigungen erdulden musste, sprach er nur ungern. 1963 durfte er schließlich in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen.

Mit vorrübergehenden Jobs als Personalmanager beim Zirkus Sarrasani oder als Betreiber eines Kaffees in der Kölner Innenstadt hielt er sich über Wasser. Nebenbei wirkte er noch im fortgeschrittenen Rentenalter als Komparse bei Film- und Fernsehproduktionen mit. So beispielsweise in der Sendereihe „Magazin für junggebliebene Senioren“, wo er im Vorspann  Tanz- und Turnübungen vorführte, als Komparse in der Kultserie „Lindenstraße“ oder als „Opa Ammergau“ in der Satire- und Comedy-Sendung „Schmidteinander“. In den fünfzig von Harald Schmidt und Herbert Feuerstein moderierten Episoden, die von 1990 bis 1994 produziert und ausgestrahlt wurden, gehörte Dany Wersching als Komparse mit langjähriger Erfahrung vor der Kamera zum festen Bestandteil der Sendung. Wersching starb 1995.