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Banater Post

Ein europäischer Ruhepunkt, wo uns Maria erwartet

Die Segnung des renovierten früheren Franziskanerklosters, das unter anderem ein Wallfahrtsmuseum beherbergt, fand in Gegenwart der hohen Geistlichkeit im Innenhof des Klosters statt.

Dem Pontifikalamt in der Wallfahrtsbasilika wohnten neben zahlreichen katholischen Geistlichen und Vertretern anderer Konfessionen geladene Gäste aus dem In- und Ausland bei.

Predigt seiner Eminenz Joachim Kardinal Meisner beim Pontifikalamt zur Segnung der Renovierungsarbeiten in Maria Radna

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Die gegenwärtig wahrnehmbare christliche Glaubensschwäche in Europa ist die Konsequenz eines immensen Schrumpfungsprozesses des Betens. Allein die Rückkehr zu wahrem Gebetsgeist kann den ermüdeten Christen in den europäischen Ländern wieder Vitalität und Dynamik verleihen. Aus den marianischen Gebetszentren, also aus den Wallfahrtsorten, fließen der Kirche jene über-natürlichen Kräfte zu, die großen Herausforderungen der Welt in Ost und West und Süd und Nord anzunehmen und zu bewältigen, und zwar nicht nur mit Ach und Krach, sondern auch ein wenig mit Glanz und Gloria. Ein solches europäisches geistliches Kraftzentrum ist Maria Radna.

Seit 300 Jahren ist Maria dem Volke Gottes hier in eurer Heimat in guten und in weniger guten Tagen treu geblieben. Besonders in den Zeiten des Kommunismus war die Kirche Gottes hierzulande von außen bedrängt und von innen angefochten. Gläubige Menschen galten als politisch und menschlich unzuverlässig. Maria Radna aber war wie eine Insel in diesem Meer des Atheismus und der Menschenverachtung.

1. Maria blieb dabei immer auf der Suche nach Gott und den Menschen. Sie ist die starke Frau des Glaubens.

Glaube ist normalerweise eine Mischung von Licht und Finsternis. Glaube heißt, sich in der Finsternis daran zu erinnern, was wir einmal im Lichte sehen durften. Maria ist die Erstglaubende. Darum finden wir sie immer auf der Suche nach Gott und den Menschen. Sie sucht vor ihrer Niederkunft in Bethlehem, zusammen mit dem heiligen Josef, eine Herberge, um den Erlöser zur Welt zu bringen. Sie sucht nach der Wallfahrt nach Jerusalem drei Tage lang ihren Sohn, bis sie ihn im Tempel findet. Und sie sucht ihn später mit ihren Verwandten bei seinem öffentlichen Auftreten. Das Suchen gehört zum Glauben, ebenso wie auch das Finden. Die Benediktinerregel definiert die Berufung des Mönches, Gott zu suchen, und zwar lebenslang. Selbst Maria konnte Jesus verlieren, wie die Rückkehr von ihrer Wallfahrt nach Jerusalem zeigt. Gerade darin ist uns Maria heute geschwisterlich ähnlich. Wie oft haben wir Christus verloren. Aber sie zeigt uns deutlich, wie darauf zu reagieren ist. Sie macht sich mit dem hl. Josef auf den Weg, um drei Tage nach Jesus zu suchen. Das heißt übersetzt in unsere heutige Situation: Sie macht gleich dreitägige Exerzitien. Sie sucht ihn so lange, bis sie ihn gefunden hat. Im „Salve Regina“ bitten wir Maria, indem wir sprechen: „Und zeige uns nach diesem Elend, Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes“. Wer Christus–los und damit Gott–los wird, geht zu Maria. Sie geht mit uns auf die Suche. Sie weiß, wo man ihn findet und wie man ihn findet. „Den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast“, beten wir im Rosenkranzgeheimnis. Darum pilgern wir heute wie unsere Vorfahren seit 300 Jahren nach Maria Radna.

Es gibt so viel Verlorenheit in unserer Gesellschaft, dass Suchhelfer mehr denn je gefragt sind. Stellen wir uns als Freunde Mariens dafür zur Verfügung, um anderen Menschen zu helfen, Christus zu suchen und ihn zu finden!

Nach dem letzten schrecklichen Weltkrieg gab es den so genannten Suchdienst des Roten Kreuzes und auch unserer Kirche, um die vielen Verlorenen des Weltkrieges und Heimatvertriebenen suchen zu helfen. Wir brauchen heute in der Kirche einen solchen Suchdienst, der den Menschen, die verloren gegangen sind, zu helfen, ihn wiederzufinden: dass sie aus der Gottesferne in die Gottesnähe kommen, dass sie aus dem Unrat der Sünde in die Heiligkeit der Gnade, dass sie aus der Verzweiflung in den Trost Gottes zurückgelangen können. Unsere Gemeinden sollten solche Suchdienste um Maria bilden. Sie ist eine Meisterin im Suchen und im Finden. Es sollte in keiner Gemeinde ein solcher marianischer Suchdienst fehlen, damit die vielen Verlorenen der Zivilisation des Egoismus gefunden werden können.

2. Die Ordnungsgestalt im Leben Mariens

Maria ordnet ihre Lebensplanung den Plänen Gottes unter. Sein Wille hat immer die absolute Priorität in ihrer Lebensordnung. Damit nicht die Welt weiterhin der Anarchie verfällt, hat Maria dieser neuen Ordnung Gottes zugestimmt. Anarchie ist Untergang, und zwar Untergang der Moral und Ethik im Laster und Untergang der Wahrheit in der Lüge und Untergang der Tapferkeit in der Feigheit. Es ist erstaunlich, dass die euphorischen Lebenserwartungen der letzten Jahrzehnte in Europa plötzlich in einen lähmenden Pessimismus umgeschlagen sind. Man hat geradezu Lust am Untergang gefunden. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Pressemeldungen der letzten Monate verfolgt. Die Zahl der abgetriebenen Kinder, der alleingelassenen alten Leute, steigt. Eine direkte Lust am Untergang scheint auch in der Kirche Mode geworden zu sein. Deshalb die Auflösung der Ordnung auf dem Gebiet der heiligen Liturgie, ja des Glaubens selbst.

Jede Häresie in der Kirche wird mit dem berühmten Pluralismus entschuldigt. Permanent wird von der so genannten Hierarchie der Werte gesprochen, aber sie wird von deren Sprechern selbst umgestürzt. Gott wird in den Menschen hinein verlegt. Der Hominismus hat den Theismus verdrängt. Im Mittelpunkt von Kirche und Theologie steht nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Das Kreuz ist zu einer horizontalen Linie eingeebnet, also vom Plus zum Minus herabgesunken. Wie absolut notwendig ist hier Maria mit ihrer Lebensordnung: Dem Willen Gottes darf nichts vorgezogen werden. Damit hat sie die heilige Ordnung begründet und die Hierarchie der Werte festgelegt: zuerst Gott und dann der Mensch. Wenn Maria heute nichts anderes täte als dieses Wort in das marode gewordene Europa
hineinzurufen, hätte sie Großes getan, ja vielleicht uns gerettet. Und wenn wir alle uns an dieses Wort hielten, dann könnte es vielleicht noch einmal einen Aufstieg für unseren Kontinent geben.

Der Glaube Mariens an den Willen Gottes, der sie zur Dienerin aller Pläne Gottes machte, hat der Völkerfamilie Europas eine Seele geschenkt, die sich in unserer abendländischen Kultur und Gesittung auswirkte. Maria hat als Erstes das „Dein Wille geschehe“ des Vaterunsers in Nazareth nachgesprochen und verwirklicht, indem sie dem Engel sagte: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Sie lehrt uns, das ganze Herrengebet zu sprechen und zu leben: „Dein Reich komme… Dein Name werde geheiligt… und dein Wille geschehe“. Darin lag die Würde europäischer Zivilisation begründet. Dafür steht Maria Radna mit anderen Marienwallfahrtsorten in Ost- und Südosteuropa.

3. Die Ruhe auf der Flucht heißt eine Episode im jungen leben der Heiligen Familie.

Eine der beliebtesten Darstellungen aus dem Marienleben in der europäischen Malerei ist die Ruhe auf der Flucht. Maria wird mit ihrem Kind von den Verfolgern gejagt. Aber sie geht nicht in Hektik, Angst und Stress auf, sondern sie findet Zeit zur Ruhe, zur Entspannung und zur Sammlung. Sie weiß den Sohn des lebendigen Gottes in ihrer Mitte und damit den Schutz des himmlischen Vaters über ihrem Fluchtweg. Das lässt sie innehalten und ausspannen und zu sich selbst und damit zum Herrn kommen. Die Offenbarung gibt dem Teufel den Namen „Diabolos“, d.h. „Durcheinanderwirbler“.  Er dreht den Globus immer schneller. Und wir, die wir darauf leben, werden wie bei einem Karussell von der Mitte immer mehr an die Peripherie gedrängt, wo die Geschwindigkeit am höchsten ist. Wer dauernd in diesem Dreh lebt, wird selbst verdreht und durchgedreht. Das Gebot der Stunde heißt: von der
Peripherie in die Mitte gehen, zu sich selber kommen und damit zu Gott kommen. Das ist der Weg Mariens, den sie uns vorangeht und uns gezeigt hat. Maria Radna ist ein solcher Europäischer Mittelpunkt und Ruhepunkt, wo uns Maria erwartet und zu Christus bringt.

Von ihr heißt es ausdrücklich: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19), was über ihren Sohn gesagt wurde. Sie läuft nicht hektisch in der Welt herum, um mit den anderen über das zu diskutieren, was sie von ihm gehört und gesehen hat. Nein, sie hört und bewahrt! Sie ist bei sich selbst und damit beim Herrn. Sie ist Gott buchstäblich inne geworden. Darum konnte sie ihn dann auch veräußern, indem sie im Haus des Johannes von ihm Zeugnis ablegte. Maria hat buchstäblich selbst erfahren und es gleichsam verkostet, dass Gott immer nach mehr schmeckt. Wer das erfahren hat, der verliert alle Geschmacklosigkeit, alle Appetitlosigkeit und Abgeschmacktheit an Gott und seiner Welt. Für den schmeckt der faszinierende Gott immer nach mehr und sein Interesse an Gott und seiner Welt wächst weiter. Er bekommt gar nicht genug von Gott und seinen Plänen. Aber mehr über Gott zu reden und dabei weniger mit Gott zu sprechen, ist eine besonders raffinierte Art der Gottlosigkeit, vor der uns Maria bewahrt.

Auf all unseren Fluchtwegen durch die Welt ist Maria dabei und zeigt uns Christus in ihren Armen und Gottvater über ihrer Not. Dann weichen Hektik und Angst aus unserem Herzen und Zuversicht und
Tapferkeit erfüllen uns gerade in den berüchtigten Grenzsituationen unseres Lebens. Die Ruhe auf der Flucht unseres Daseins muss es in regelmäßigen Abständen auch bei uns geben, sonst leiden wir Schaden an Seele und Leib. Dafür haben wir hier den Marienwallfahrtsort Maria Radna, wo wir unser Herz ausschütten können bei der Mutter Christi, die uns immer zuhört.

Die Lebensgeschwindigkeit ist heute so hoch, dass die Seele oft nicht mehr nachkommt. So werden wir seelenlos und machen damit uns und andere unglücklich. Maria gibt uns aus ihrer Lebenserfahrung den guten Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5) Und Jesus sagt seinen Jüngern später: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus“ (Mk 6,31). Ein solcher geheiligter Ort soll Maria Radna bleiben, wie in den letzten 300 Jahren. Im Neuen Testament ist alles personalisiert, denn das Christentum ist nicht Idee oder System, sondern das Christentum ist eine Person, ist Jesus Christus. Er hat uns in Maria ein personifiziertes Programm unserer Jesusnachfolge geschenkt. Sie ist die beste Kennerin Jesu. Darum ist uns Maria eine unverzichtbare Helferin in unserem Suchdienst nach Gott und den Menschen. Sie ist die große Verkörperung der Ordnung Gottes unter den Menschen. Und sie schenkt uns Ruhe auf der Flucht des Lebens. Wir gehen deshalb zu Maria.

Im Hinblick auf die 300 Jahre ihrer Gegenwart in Maria Radna dürfen wir die Predigt mit dem Gebet der Kirche beschließen: „Wie es war im Anfang (vor 300 Jahren hier), so auch jetzt (2015) und alle Zeit und in Ewigkeit“. Amen.