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Banater Post

Vertreibung war, ist und bleibt Unrecht

Bundespräsident Joachim Gauck im Gespräch mit Dr. Maria Werthan, Präsidentin des BdV-Frauenverbandes (rechts) und ihrer Amtsvorgängerin Sibylle Dreher. Einsender: Dr. Maria Werthan

Am 20. Juni – am Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen – wurde der Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung erstmalig deutschlandweit begangen. Fast zehn Monate ist es jetzt her, dass die Bundesregierung dieses Gedenken beschlossen und damit eine lange und immer wieder von den deutschen Heimatvertriebenen und ihren Verbänden vorgebrachtes Anliegen umgesetzt hat. Die zentrale Gedenkstunde fand im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin statt.

Zu den geladenen Gästen zählten viele bekannte Gesichter aus der Politik und aus dem Bund der Vertriebenen (BdV), allen voran Bundespräsident Joachim Gauck, der Hauptredner der Veranstaltung, Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB, Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier MdB, Volker Bouffier MdL, Ministerpräsident des Landes Hessen und amtierender Bundesratspräsident, Hartmut Koschyk MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB, seine Amtsvorgängerin Erika Steinbach MdB, Vorsitzende der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“. Eingefunden hatten sich auch Zeitzeugen der Flucht und Vertreibung vor 70 Jahren sowie heutige Vertriebene und Flüchtlinge, die aus verschiedenen Teilen der Welt nach Deutschland gekommen sind.

Die Rednerliste zum Festakt eröffnete Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière, der als Gastgeber die Begrüßung hielt. Als Erklärung für das um Jahrzehnte verzögerte Gedenken an Flucht und Vertreibung verwies er auf die erbitterten Debatten um Grenzen, um Revisionismus und Schuld sowie auf das anfangs sehr fragile Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarn. Er verdeutlichte, dass aufgrund der vorangegangenen NS-Verbrechen, die Bereitschaft zur Akzeptanz des Leidens der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen für manche nicht gegeben gewesen sei. Der Bundesinnenminister kritisierte die Verharmlosung, Verdrängung und Instrumentalisierung von Flucht und Vertreibung. Der heutige Gedenktag sei „ein Zeichen dafür, dass wir als Land und Gesellschaft erwachsen geworden sind, auch im Umgang mit dem Thema Heimatvertriebene“. Und er sei Ausdruck der Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen, „die die Last der Verantwortung Deutschlands für die grauenhaften Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands in besonderer Weise zu tragen hatten“. Zugleich erinnerte er daran, „dass heute weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind, die Hälfte von ihnen Kinder“. Angesichts des Ausmaßes der globalen Flucht und Vertreibung seien Deutschland und auch die Werte- und Solidargemeinschaft Europa gefordert. Man suche nach neuen Wegen, aber einfache Lösungen werde es nicht geben, so Thomas de Maizière. Zudem müsse man immer auch „die Aufnahmefähigkeit der Bevölkerung“ berücksichtigen.

Bundespräsident Joachim Gauck sprach von seiner eigenen Scham angesichts der Tatsache, dass er sich – wie die Mehrheit der Einheimischen – dem Leid und der Not der Flüchtlinge und Vertriebenen verschloss, ohne Empathie zu zeigen. Dieses Erkennen und Bekennen kann Vorbildwirkung für die Gesellschaft haben. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung sei in unserer Gesellschaft fast immer schwierig und emotional gewesen, denn „unsere Haltung zum Leid der Deutschen war und blieb verknüpft mit unserer Haltung gegenüber der Schuld der Deutschen“, so der Bundespräsident. Es habe Jahrzehnte gedauert, „bis wir – wieder – an das Leid der Deutschen erinnern konnten, weil wir die Schuld der Deutschen nicht länger ausblendeten“. Das Bewusstsein von der Schuld der Deutschen habe nun allerdings jede Empathie für die deutschen Opfer verdrängt. Verständnis für das Leid der Geflüchteten und Vertriebenen hätten zeitweise nicht einmal deren Söhne und Töchter gehabt, betonte Bundespräsident Gauck. Seit Anfang der 1990er Jahre habe die Gesellschaft ihre Abwehrhaltung Schritt für Schritt aufgegeben. Ein wichtiges Zeichen dieser Entwicklung sei die Gründung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Jahr 2008 gewesen. „Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen. Und umgekehrt: die Auseinandersetzung mit den Entwurzelten von heute könnte unsere Empathie mit den Entwurzelten von damals fördern“, sagte Joachim Gauck.

In seiner Rede ging das Staatsoberhaupt auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation ein. Angesichts der dramatischen Dimension dieses Problems stünden Deutschland und die Europäische Union vor einer großen Herausforderung. Man müsse sicherstellen, dass mehr getan werde: „mehr aufnehmen und mehr helfen, zugleich aber besser steuern, schneller entscheiden, und ja, auch konsequenter abweisen – damit wir aufnahmefähig für diejenigen bleiben, zu deren unbedingtem Schutz wir uns verpflichtet haben und die unserer Hilfe stärker als andere bedürfen“. Man dürfe „die Möglichkeiten von Flüchtlingen und die Chancen für unsere Gesellschaft nicht verkennen“, müsse aber gleichzeitig bedenken, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Bereitschaft zur Solidarität innerhalb der Gesellschaft zurückgehen können, wenn die Zahl der Flüchtlinge und Zuwanderer in Ballungsräumen zu schnell und zu stark steigt oder die kulturelle Distanz allzu groß erscheint.

Mit Asma Abubakar Ali kam sodann die erste persönlich Betroffene zu Wort. Bewegend schilderte sie die zweifache Flucht ihrer Familie, zunächst aus Somalia, Jahre später aus Libyen. 2012 wurde sie aus einem tunesischen Flüchtlingslager über ein Umsiedlungsprogramm der Vereinten Nationen nach Deutschland geholt, wo sie nun hofft, Medizin studieren zu dürfen.

Stellvertretend für die Erlebnisgeneration sprach Dr. Edith Kiesewetter-Giese als Zeitzeugin über ihre Vertreibung aus dem Sudetenland. Sie berichtete von der Angst, erschlagen oder erschossen zu werden. Als Zehnjährige habe sie miterleben müssen, wie tschechische Soldaten Babys in die Luft warfen und wie auf Tontauben schossen. Die Schreie der Kinder und Mütter und das Lachen der Peiniger hätten sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt, sagte die heute achtzigjährige Leiterin der Berliner BdV-Frauengruppe. Erfahrenes Unrecht könne man vielleicht verzeihen, betonte sie, jedoch nie vergessen. An diesem Gedenktag bekämen die Vertriebenen aber ein kleines Stückchen Würde zurück.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius begann sein Schlusswort mit der Darstellung des Massakers von Prerau (Mähren), das fast auf den Tag genau vor 70 Jahren geschah. In der Nacht vom 18. zum 19. Juni 1945 waren dort 265 Kinder, Frauen und Männer – mehrheitlich Karpatendeutsche – von tschechoslowakischen Soldaten ermordet worden. „Jeder Krieg fordert seine Opfer, auf allen Seiten. Ich stelle in Deutschland in Teilen unserer Gesellschaft eine verwunderliche Zurückhaltung fest, auch der eigenen Opfer zu gedenken“, erklärte Fabritius. Im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg stehe die deutsche Schuld außer Frage: „Dieser Krieg hat über ganz Europa unermessliches Leid, Tod und Elend gebracht, über alle Völker. Flucht und Vertreibungen waren ein Teil davon. Daran zu erinnern relativiert gar nichts.“

Von den mehr als 18 Millionen Deutschen im Osten hätten bis zu 15 Millionen ihre Heimat verloren, weit über 2 Millionen hätten Flucht und Vertreibung nicht überlebt. „Das war, ist und bleibt Unrecht – gedenkwürdiges Unrecht. Für die bleibende Erinnerung, zur Mahnung und aus Achtung vor den Opfern, ist es ein gutes und wichtiges Zeichen, dass wir heute besonders auch ihrer gedenken“, so der BdV-Präsident. „Diesen Gedenktag war Deutschland den eigenen Opfern schuldig (…). Durch die Verbindung dieses Gedenkens mit der Erinnerung an das Leid aller anderen Flüchtlinge und Vertriebenen bringen wir noch etwas Wesentliches zum Ausdruck: Die Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus ihrer Heimat zum Ende des Zweiten Weltkrieges – und noch viele Jahre danach – war genauso ein Verbrechen, wie es andere ethnische Säuberungen auf der ganzen Welt bis heute sind.“

Die musikalische Umrahmung des Festaktes übernahm das Deutsch-Polnische Jugendorchester der Musikschule Frankfurt (Oder). Diese symbolträchtige Besetzung bestätigte die Feststellung des Bundesinnenministers: Die Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn sind vertrauensvoll, freundschaftlich und verlässlich. Die Veranstaltung am 20. Juni 2015 war ein gelungener Auftakt für alle zukünftigen Gedenktage für die Opfer von Flucht und Vertreibung.